Gleich beim ersten Wiegen für zu leicht befunden. So lässt sich die Erfahrung Brasiliens bei der WM 2010 beschreiben.
In der ersten Halbzeit läuft es für Brasilien wie in den ersten vier Spielen: die Mannschaft zeigt ihr gewohntes Passspiel, garniert mit einigen Dribblings von Robinho und energischen Vorstößen von Maicon, bis irgendwann der Gegner den Fehler macht, den sie eiskalt ausnutzen.
Holland litt darunter, dass die Innenverteidigung durch den Ausfall Mathijsen geschwächt war und im defensiven Mittelfeld van Bommel (üble, nicht geahndete Tätlichkeit – ich dachte, er hätte das hinter sich gelassen) und de Jong große Probleme hatte, die Räume eng zu machen. Auf der anderen Seite hatten Gilberto Silva und Melo alles unter Kontrolle: sie hielten die Abstände zu den Innenverteidigern sehr kurz, vor allem zum Leidwesen Robbens, der sich am Strafraum ein ums andere Mal mit seinen blinden Dribblings nach Innen blamierte. Hier verhielten sich die brasilianischen Verteidiger sehr viel reifer als die slowakischen.
Trotzdem waren Angriffe über Robben die einzige Gefahr für Brasilien in der ersten Halbzeit, weil er Bastos und andere Spieler zu einigen Fouls weit weg vom Strafraum zwang – Bastos hätte auch schon früher verwarnt werden können.
Beim Gegentor fehlte Oranje jegliche Ordnung. Wie hier dargestellt, ist das holländische Zentrum völlig verwaist. Der weiße Pfeil stellt den Abstand zwischen der Viererkette und dem nächsten Mittelfeldspieler dar: fast die gesamte Strecke zwischen eigenem Strafraum und Mittellinie! Nachdem Brasilien über links angriff, dann aber neu aufbauen musste, hat das holländische Mittelfeld das Verschieben zum Ball völlig verschlafen.

Luis Fabiano (9) kommt dem ballführenden Spieler Melo (5) entgegen, wodurch sich Heitinga (3) in Abwesenheit jeglicher 6er aus dem Zentrum ziehen lässt. Ein Fehler, denn Robinho (11) stößt in den von Fabiano geöffneten Raum, und erhält einen genialen, vertikalen Pass von Melo in den Rücken von Heitinga. Der brasilianische Flügelspieler ganz außen bindet zusätzlich für einen Moment den holländischen Außenverteidiger (5). Robben (11) versucht Robinho hinterher zu gehen, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist.
Auch hier ist zu sehen, wie Heitinga fataler Weise die Höhe seiner Kollegen in der Viererkette verlässt, um Fabiano zu folgen. Unnötiger Weise, denn Fabiano steht genau im Deckungsschatten des holländischen Spielers im Mittelkreis und hätte gar nicht angespielt werden können:

Robinho schiesst den Ball genialer Weise direkt ins Tor, und damit genau in die Vorwärtsbewegung des Torwarts. Daher muss er den Ball nicht platzieren, denn auf dem Weg zu ihm kann der Torwart auf Bälle durch seine Beine nicht reagieren.
Es lief also für Brasilien genau so, wie sie es bei diesem Turnier immer gelaufen ist, und deswegen haben sie es meiner Meinung nach versäumt, den Zuckerhut zu zu machen. Ich glaube, dass Dunga , der sich trotz positivem Spielverlauf sehr über unwichtige Schiedsrichterentscheidungen echauffiert hat, das gespürt hat. Er wusste, dass eine Mannschaft wie Holland mit Spielern wie Robben und Sneijder immer wieder kommen kann – im Gegensatz zu einem von Ronaldo gelähmten Portugal, im Gegensatz zur Elfenbeinküste und Chile.
In der zweiten Halbzeit übte Holland immer mehr Druck über Robben aus, unterstützt von Sneijder. Van Bommel kam besser ins Spiel.
Nach vier Spielen und einer Stunde kassierte Brasilien den ersten kritischen Gegentreffer – und sie hingen direkt in den Seilen. Sie sollten nicht mehr wieder kommen, verloren jegliche Struktur in ihrem Angriffsspiel und kamen nur noch zu einer Chance, ein Schuss von Kaka vom Strafraum.
Das war der Ausgleich. Nach dem Rückstand brach die Mannschaft wie ein Kartenhaus zusammen, und einige Spieler verloren die Nerven.
Auch Argentinien wurde in diesem Turnier noch nicht gewogen, und die deutsche Waage ist dank Löws “Systemfußball” (erz) so präzise geeicht wie lange nicht mehr. Wir mögen verlieren, aber wir werden Messi & Co wiegen.
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