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WM

Niederlande vs Brasilien

von Johan Petersen am 2. Juli 2010

Gleich beim ersten Wiegen für zu leicht befunden. So lässt sich die Erfahrung Brasiliens bei der WM 2010 beschreiben.

In der ersten Halbzeit läuft es für Brasilien wie in den ersten vier Spielen: die Mannschaft zeigt ihr gewohntes Passspiel, garniert mit einigen Dribblings von Robinho und energischen Vorstößen von Maicon, bis irgendwann der Gegner den Fehler macht, den sie eiskalt ausnutzen.

Holland litt darunter, dass die Innenverteidigung durch den Ausfall Mathijsen geschwächt war und im defensiven Mittelfeld van Bommel (üble, nicht geahndete Tätlichkeit – ich dachte, er hätte das hinter sich gelassen) und de Jong große Probleme hatte, die Räume eng zu machen. Auf der anderen Seite hatten Gilberto Silva und Melo alles unter Kontrolle: sie hielten die Abstände zu den Innenverteidigern sehr kurz, vor allem zum Leidwesen Robbens, der sich am Strafraum ein ums andere Mal mit seinen blinden Dribblings nach Innen blamierte. Hier verhielten sich die brasilianischen Verteidiger sehr viel reifer als die slowakischen.

Trotzdem waren Angriffe über Robben die einzige Gefahr für Brasilien in der ersten Halbzeit, weil er Bastos und andere Spieler zu einigen Fouls weit weg vom Strafraum zwang – Bastos hätte auch schon früher verwarnt werden können.

Beim Gegentor fehlte Oranje jegliche Ordnung. Wie hier dargestellt, ist das holländische Zentrum völlig verwaist. Der weiße Pfeil stellt den Abstand zwischen der Viererkette und dem nächsten Mittelfeldspieler dar: fast die gesamte Strecke zwischen eigenem Strafraum und Mittellinie! Nachdem Brasilien über links angriff, dann aber neu aufbauen musste, hat das holländische Mittelfeld das Verschieben zum Ball völlig verschlafen.

Luis Fabiano (9) kommt dem ballführenden Spieler Melo (5) entgegen, wodurch sich Heitinga (3) in Abwesenheit jeglicher 6er aus dem Zentrum ziehen lässt. Ein Fehler, denn Robinho (11) stößt in den von Fabiano geöffneten Raum, und erhält einen genialen, vertikalen Pass von Melo in den Rücken von Heitinga. Der brasilianische Flügelspieler ganz außen bindet zusätzlich für einen Moment den holländischen Außenverteidiger (5). Robben (11) versucht Robinho  hinterher zu gehen, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Auch hier ist zu sehen, wie Heitinga fataler Weise die Höhe seiner Kollegen in der Viererkette verlässt, um Fabiano zu folgen. Unnötiger Weise, denn Fabiano steht genau im Deckungsschatten des holländischen Spielers im Mittelkreis und hätte gar nicht angespielt werden können:

Robinho schiesst den Ball genialer Weise direkt ins Tor, und damit genau in die Vorwärtsbewegung des Torwarts. Daher muss er den Ball nicht platzieren, denn auf dem Weg zu ihm kann der Torwart auf Bälle durch seine Beine nicht reagieren.

Es lief also für Brasilien genau so, wie sie es bei diesem Turnier immer gelaufen ist, und deswegen haben sie es meiner Meinung nach versäumt, den Zuckerhut zu zu machen. Ich glaube, dass Dunga , der sich trotz positivem Spielverlauf sehr über unwichtige Schiedsrichterentscheidungen echauffiert hat, das gespürt hat. Er wusste, dass eine Mannschaft wie Holland mit Spielern wie Robben und Sneijder immer wieder kommen kann – im Gegensatz zu einem von Ronaldo gelähmten Portugal, im Gegensatz zur Elfenbeinküste und Chile.

In der zweiten Halbzeit übte Holland immer mehr Druck über Robben aus, unterstützt von Sneijder. Van Bommel kam besser ins Spiel.

Nach vier Spielen und einer Stunde kassierte Brasilien den ersten kritischen Gegentreffer – und sie hingen direkt in den Seilen. Sie sollten nicht mehr wieder kommen, verloren jegliche Struktur in ihrem Angriffsspiel und kamen nur noch zu einer Chance, ein Schuss von Kaka vom Strafraum.

Das war der Ausgleich. Nach dem Rückstand brach die Mannschaft wie ein Kartenhaus zusammen, und einige Spieler verloren die Nerven.

Auch Argentinien wurde in diesem Turnier noch nicht gewogen, und die deutsche Waage ist dank Löws “Systemfußball” (erz) so präzise geeicht wie lange nicht mehr. Wir mögen verlieren, aber wir werden Messi & Co wiegen.

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Gegen Argentinien: Wie gut sitzt Maradonas Anzug?

von Johan Petersen am 2. Juli 2010

Argentinien spielt eine Art Raute, mit Mascherano als 6er und Messi hinter, neben und zwischen den Spitzen Tevez und Higuain. Tevez bewegt sich ebenfalls weiträumig, während Higuain eher auf den Abschluss lauert.

Es gibt viele Fragen zu Maradonas Taktik und Personal. Wenn er bei der Raute bleibt, wirkt sie ein bisschen wie sein ausgebeulter, schlecht sitzender Anzug. Oder ist ihm dieses System zu offensiv gegen die überragenden Özil und Müller? Dann könnte er Veron als zusätzlichen defensiven Mittelfeldspieler bringen und Tevez mehr defensive Aufgaben verordnen. Dabei könnte er sich an das Testspiel im März erinnern, als Veron und Mascherano uns erschreckend wenig Kombinationsspiel gestatteten. Damals hat uns di Maria erhebliche Probleme bereitet, daher wird es spannend zu sehen, ob Khedira sich mit seinen Antritten bis in die Spitze dieses Mal zurück hält, und stattdessen di Maria stärker im Auge behält.

Eventuell kann es die Raute uns auch schwieriger machen: bei einer Raute braucht man eher einen 6er, der tief und zentral seine Position hält. Damit würde es zunächst schwieriger für Özil, zwischen Mittelfeld und Angriff zu schlüpfen, und er müsste konsequenter auf die Flügel ausweichen. Daher glaube ich, dass der Schlüssel diesmal bei Müller und Podolski liegen wird. Wenn Rodriguez und di Maria offensiv ausgerichtet sind, können sie oft ins 1 gegen 1 gegen die schwachen argentinischen Außenverteidiger Heinze und Otamendi sowie Demichelis gehen. Als Mittel dagegen müsste die argentinische Abwehr dann tiefen stehen als bisher, da die Verteidiger nicht besonders schnell sind.

Langsame Abwehrspieler haben allerdings beide Mannschaften gemeinsam. Wir können es uns aber leisten, trotzdem höher zu stehen, weil wir Neuer haben (mir ist erst gegen England klar geworden, warum Schalke Vizemeister geworden ist). Außerdem ist es besser, variabel zum eigenen Strafraum zurückzuweichen und wieder vorzurücken, damit Argentinien Messi nicht auf immer die gleiche Weise einsetzen kann.

Um Messi mache ich mir auf Grundlage des bisher bei der WM gezeigten wenig Sorgen – er hat bisher noch kein Tor geschossen. Es gab Szenen, da ging er am Strafraum lieber links an zwei Gegenspielern vorbei, als rechts frei ins 1 gegen 1 gegen den Torwart zu gehen – das individualtaktische Verhalten eines D-Jugendlichen, oder? Wenn er nicht in den Strafraum eindringen kann, wird es ein leichtes für Neuer, sich auf seine mit links auf den langen Pfosten geschlenzten Schüsse einzustellen.

Es geht darum, Friedrich und Mertesacker (!) nicht alleine in die Duelle zu schicken, sondern keine Lücken zwischen 6ern und Abwehr zu lassen. Gerade wenn er von rechts nach innen zieht, wird Schweinsteiger mit seiner guten Motorik gegen den wuseligen Messi gut aussehen.

Wenn das Spiel ähnlich von Taktik geprägt ist wie im März, könnte die Führung das Spiel bereits entscheiden. Unser Vorteil: wenn Argentinien in Rückstand gerät, sind sie zum ersten Mal in einer Drucksituation. Wir hingegen haben schon drei hinter uns (früher Platzverweis/Rückstand gegen Serbien, Endspiel gegen Ghana, Klassiker gegen England).

Ob hingegen die Angriffe Schweinsteigers und Friedrichs ein Zeichen von Stärke oder Nervösität waren, werden wir erst hinterher wissen.

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Brasilien vs Chile, das 1:0

von Johan Petersen am 29. Juni 2010

Für Brasilien läuft es bisher ziemlich entspannt. Noch bevor sie sich anstrengen müssen, macht der Gegner einen Fehler, den sie mit ihrer individuellen Klasse sofort bestrafen.

(Anders herum war bisher kein Gegner stark genug, ihre durchaus vorhandenen Ballverluste im Mittelfeld mit schnellem Umschalten auszunutzen. Das haben insbesondere die Elfenbeinküste und Chile nicht hinbekommen. Holland wird uns zeigen, ob das an diesen Mannschaften oder am guten Umschalten des brasilianischen Mittelfelds lag.)

Gegen Chile haben sie wenig gezeigt, bis eine Standardsituation die Führung gebracht hat. Erst danach haben sie die sich dann öffnenden Räume genutzt.

Eine schöne Ecke, von Maicon vom Tor weggedreht. Einige chilenischen Abwehrspieler (in weiß) werden ein Stück auf den ersten Pfosten gezogen, während Juan (4) und Luis Fabiano (9) in ihrem Rücken kreuzen in Richtung zweiter Pfosten. Dort treffen sie auf vier Gegenspieler, aber Fabiano und Lucio (3) räumen je zwei Gegenspieler aus dem Weg (rote Striche). Dazwischen kann Juan ganz entspannt hochsteigen und den Ball ins Tor wuchten.

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Deutschland vs England, das 2:0

von Johan Petersen am 28. Juni 2010

Das englische Abwehrverhalten vor unserem 2:0 zählte zu dem schwächsten, das wir bisher bei der WM gesehen haben. Es war auch vorhersehbar: man darf Özil keinen Platz zwischen 6ern und Innenverteidigern geben.

Die Ausgangssituation: Deutschland greift über rechts an, wobei Klose (11) ungewöhnlich weit auf den Flügel ausgewichen ist. Eine große Stärke unseres Angriffsspiel ist hier sehr schön zu sehen: das Aufbauen von flexiblen Dreiecken, über die der Ball nach vorne getragen werden kann. Gerrard (4) presst Lahm (16), Barry (14) greift Khedira (6) and und Cole (3) presst Müller (13). Um Özil (8) kümmert sich niemand, er hat genau den Raum, der später im Angriff tödlich sein wird (weiße Fläche). Khedira spielt über Müller zu Özil.

 

Zum einen stimmt die Ordnung bei England hier prinzipiell nicht (Barry zu Özil, Cole zu Klose  – damit die beiden Innenverteidiger nicht so weit auf dem Flügel! – und Gerrard tiefer und zentraler in den Passweg zwischen Khedira und Müller), zum anderen sind sie zu weit weg von ihren (falschen) Gegenspielern und können diese Pässe nicht unterbinden.

Der Spielzug: Als Özil den Ball bekomment, verlässt Terry (6) seine Position, um ihn anzugreifen. Özil spielt Klose an, während Müller nach seinem Abspiel bereits diagonal gestartet ist – sein Spiel ohne Ball ist genial, und er läuft genau in den Raum, den Terry aufgegeben hat. Klose spielt ihm den Ball in den Lauf. Bei seiner Ballabgabe (Moment dieser Darstellung) hat Müller bereits drei Engländer überlaufen und geht alleine aufs Tor zu. Ein Desaster, und der Rest ist bekannt.

Auch beim 1:0 hat sich Terry von Özil etwas nach vorne ziehen lassen, während Klose in seinem Rücken auf Jagd gehen konnte. Auch beim 3:1 hat Özil ohne Ball mitgemischt, indem er einen Verteidiger mit ins Zentrum gezogen hat, so dass Schweinsteiger in seinem Rücken Müller auf dem anderen Flügel anspielen konnte.

Podolskis Rolle beschränkt sich bisher darauf, für den Torabschluss bereit zu stehen, wenn Angriffe über rechts durchkommen. Sonst nimmt er wenig am Spiel teil. Seine Aufstellung würde sich für mich nicht mehr rechtfertigen, wenn er weniger als 0,5 Tore pro Spiel macht.

Was aber hat Löw gemeint, als er gesagt hat, Podolski sei unser Offensivspieler mit dem größten Potential? Selbst bei diesem Tor hat er den Ball so schlecht verarbeitet, dass er sich in einen unnötig spitzen Winkel zum Tor gebracht hat (wie man es bei Hugo Almeida oft sieht).

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Deutschland vs England

von Johan Petersen am 27. Juni 2010

Ein Spiel, das die Debatte zwischen Kunst und Ergebnissen, zwischen Philosophie und Empirie, zwischen Löw und…sagen wir mal Sammer in ganz neue, unerforschte Sphären getrieben hat.

Einerseits: unsere spielerische, fußballerische Überlegenheit hat mit dem 2:0 das Spiel fast schon entschieden. Andererseits: unsere Ignoranz der Standardsituation hat die Engländer wieder ins Spiel gebracht.

Mit der Entscheidung Capellos, beim 4-4-2 zu bleiben, ging das Spiel aus englischer Sicht verloren, bevor der Schiedsrichter die Partie anpfiff. Nach den ersten zehn, fünfzehn Minuten blieb nur noch die Frage, ob es aus englischer Sicht eine Niederlage, oder ein Debakel werden würden. Zu sehen bei der Chance von Özil nach vier Minuten, als Rooney Schweinsteiger im Spielaufbau einfach laufen lässt, und der damit in Ruhe seinen Pass über die Abwehr aussuchen konnte. Gerrard, Barry und Lampard waren nicht in der Lage, dem deutschen Kombinationsspiel etwas entgegen zu setzen.

Das Spiel war in diesem Sinne das endgültige Begräbnis des klassischen 4-4-2. Aber abseits aller Systemfragen kam hinzu, dass wir fußballerisch in jeder Hinsicht in einer anderen Liga gespielt haben: Technik, Ballstaffeten, Ballan- und Mitnahme, Laufwege. England hat die bereits in der Vorrunde zu sehenden Schwächen in Technik und Passspiel gezeigt.

Zwar fiel der Führungstreffer nach einem grausamen Stellungsfehler der englischen Innenverteidigung, aber wir waren fußballerisch überlegen. Mitte der ersten Halbzeit, nach dem 2:0, sah alles nach einem Debakel für England aus. Nach einer halben Stunde hatte England 58 Prozent Ballbesitz, und wir 42 Prozent. Trotzdem waren wir gefährlicher, und hätten es noch mehr sein können, wenn der oft freie Müller besser eingesetzt worden wäre, und Podolski nicht in einer Überzahlsituation einfach blind aufs Tor geschossen hätte.

England hingegen musste sich auf lange Bälle beschränken, weil sie im Spielaufbau mit Barry keinen Schweinsteiger hatten. Ausnahmen waren Angriffe über unsere linke Seite, die am ehesten für Gefahr sorgten. Trotzdem hatte Boateng unter dem Strich die Sache im Griff.

Dann aber kamen die Standards ins Spiel. Von der Lampard-Chance abgesehen (Weltklasse-Parade von Neuer), kam England aus dem Nichts heraus ins Spiel zurück : durch eine Standardsituation. Wie sonst.

Für mich kein Torwartfehler – wenn Neuer auf der Linie bleibt, liegen seine Chancen bei 1-2 Prozent. Kommt er raus, bei 10-20 Prozent. Der Fehler lag darin, dass die deutsche Abwehr (wie auch öfters in der zweiten Halbzeit) einfach nicht auf eine kurze Ausführung der Ecke ausgerichtet war. Die Flanke aus dem Halbfeld in die aufrückende Abwehr ist tödlich.

Auf der anderen Seite wurden zwei von drei Ecken vom Keeper ohne Probleme abgefangen. Daher dachte ich: unsere spielerische Überlegenheit hat uns eine 2:0 Führung erst ermöglicht. Unsere Ignoranz der im Fußball entscheidenden Mittel hat das Spiel fast wieder gekippt.

Unsere größte Schwäche in der ersten Halbzeit war trotz allem die Chancenverwertung. Klose hätte das 3:0 machen müssen, weil der Torwart früh auf dem Boden lag, er ihn aber trotzdem anschoss.

In der zweiten Halbzeit wurde England zunächst stärker, unter anderem weil Rooney sich endlich ins Mittelfeld fallen ließ, kurz angespielt werden konnte und sich damit das englische Kombinationsspiel verbesserte.

Bei unseren Kontern lieferte sich England dann in der Abwehr weitere, haarsträubende individuelle Fehler. Vor dem 3:1 hätte Schweinsteiger beim Kreuzen von seinem Gegenspieler gelegt werden müssen. Vor dem 4:1 gibt Barry gegen Özil – der das Laufduell gewinnt, obwohl er den weiteren Weg hat – die innere Deckungslinie auf – Özil ist ohnehin schon schneller als er, und dann ist sein Stellungsspiel eine Katastrophe. Im Ergebnis tritt ein Käfer gegen einen Ferrari an.

Ich habe viele englische Arbeitskollegen, und denen werde ich morgen folgenden Trost, folgenden Deal anbieten: kurzfristig hat England ein Debakel erlitten. Langfristig, also historisch betrachtet, dürfen wir nie wieder das Wort Wembley in den Mund nehmen. In dieser Hinsicht steht es jetzt endlich eins zu eins.

Die FIFA ist im Grunde genommen eine Organisation aus dem Zeitalter vor der Aufklärung. Die kann man irgendwo zwischen dem 14. Jahrhundert (Norditalien, Florenz, da Vinci) und dem frühen 20. Jahrundert (Preussen, Bismarck, Kaiser) ansiedeln.

Dementsprechend gibt es keinen Videobeweis und keinen Chip im Ball. FIFA-Götter dämmern nicht, und das ist eine Schande für diesen Sport.

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Gegen England: Stellt Capello wegen Özil um?

von Johan Petersen am 25. Juni 2010

Leider liegt noch ein ganzes Wochenende zwischen uns und dem Spiel. Immerhin ist damit Zeit, sich mit einer kleinen Auswertung unserer Vorrunde gründlicher als sonst auf das Spiel vorzubereiten.

Die bisherigen Spiele haben gezeigt, dass man gegen uns am besten in einem 4-1-4-1 spielt.

Am wichtigsten ist, dass Özil keinen Raum zwischen den 6ern und den Innenverteidigern bekommt. Wie hier dargestellt, spielt also der zentrale 6er (6) immer zwischen Özil und dem eigenen Tor. Zwei weitere zentrale Mittelfeldspieler (8) (7) pressen gegen Schweinsteiger und Khedira. Eine Spitze (9) pendelt zwischen Mertesacker und Friedrich, während die Flügelspieler (10) (11) die schwierigere Aufgabe haben, sowohl unsere Außenverteidiger (Lahm eher als Badstuber, Boateng etc.) als auch Podolski bzw. Müller unter Druck zu setzen – und sie müssen die Passwege zwischen den Innenverteidigern und unseren Flügelspielern zustellen.

Denn die Schwachstelle hier ist, dass Müller und Podolski nur schwer unmittelbar zu decken sind (weiße Flächen). Es geht darum, zügig und geschlossen auf den jeweiligen Flügel zu verschieben, bevor der Ball dort ankommt.

Deutschland kann zwei Mittel dagegen setzen. Eine Spieleröffnung über die drei zentralen Mittelfeldspieler mit vertikalen Flachpässen (schwarze Pfeile). Denn je länger der Ball im Zentrum bleibt, desto später weiß der Gegner, auf welchen Flügel er verschieben muss. Pässe vom Innenverteidiger auf den Außenverteidiger sind also tabu. (Für mich das Geheimnis von Werders spielerischer Qualität unter Thomas Schaaf, aber man braucht dazu auch die Spieler, die den Ball unter Druck zum Spielfeld hin mitnehmen können.)

Dazu kann Özil auf den jeweiligen Flügel kommen, um Überzahl herzustellen.

Die zweite Möglichkeit: den Gegner durch Querpässe bis hin zum Außenverteidiger auf eine Seite locken, und dann mit langen Bällen blitzschnell das Spiel verlagern. Gegen Ghana hat das überhaupt nicht funktioniert, und es ist auch prinzipiell die schlechtere Alternative (weißer Pfeil).

Ein 4-2-3-1 funktioniert ähnlich gut, wobei einer der beiden 6er relativ tief stehen muss, und dazu die Abstimmung zwischen beiden sehr gut sein muss.

Ein klassisches 4-4-2 hingegen  – wie England es spielt – hat Probleme gegen unser 4-2-3-1, weil es unseren drei zentralen Mittelfeldspielern nur zwei entgegen setzt.

Dabei hat den Engländern die Rückkehr von Barry bereits gut getan, weil die Abstimmung zwischen Gerrard und Lampard im ersten Spiel gegen die USA nicht funktioniert hat. Aber wenn Capello nicht umstellt, könnte Özil die Freiräume haben, die uns die Viertelfinale bringen (weiße Fläche):

Die Abwehr um Terry im Verbund mit den defensiven Mittelfeldspielern ist die Schwachstelle. Wir sollten sie mit unserem flexiblen Angriffsspiel immer wieder durchbrechen können. Rooney ist im letzten Spiel der Vorrunde gegen Slowenien aufgetaut ist und hatte einige gute Ideen – hoffentlich steigert sich Mertesacker und verbessert das Zusammenspiel mit Lahm.

Kroos für Schweinsteiger ist eine große Schwächung. Ich erwarte, dass Khedira die tiefere Rolle von Schweinsteiger übernimmt, und Kroos stattdessen ab und zu mit aufrückt. Kroos hat ohne Frage die spielerischen Qualitäten für diese Position, aber diese Vorstöße erfordern gute Abstimmung und viel Erfahrung, zumal er mit Lampard auf einen Top-Spieler und alten Hasen trifft. Wenn ich mich nicht täusche ,hat er diese Position im Verein noch nie gespielt. Immerhin bringt er hoffentlich bessere Standards mit sich.

Vorne erwarte ich Klose anstelle von Cacau. Er verschafft Özil mehr Platz, u.a. weil man ihn auch über die Viererkette hinweg anspielen kann – eine wichtige Option, wenn der Gegner wie oben beschrieben unseren Spielaufbau lahm legt. Gegen Ghana stand sie nicht zur Verfügung. Außerdem kann man mit Klose überraschende Flanken aus dem Halbfeld schlagen, die wie gegen Australien fast aus dem Nichts zu Toren führen.

Wer hinten links spielt, spielt diesen beiden Veränderungen gegenüber eine weniger große Rolle – wobei Milner wie gesehen gute Flanken schlagen kann.

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Gegen England: Unser Rezept für Calamity James

von Johan Petersen am 24. Juni 2010

Man nehme einen Özil, zeige ihm ein Video von Honda, und reiche ihm einen Jabulani.

Um auf Nummer sicher zu gehen, schließlich geht es ums Viertelfinale einer Weltmeisterschaft, füge man dem noch einen englischen Torhüter hinzu.

So wie hier:

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Ghana vs Deutschland

von Johan Petersen am 23. Juni 2010

Die Revolution des Joachim Löw hat sehr leise begonnen. Verborgen hinter dem Hans-Dampf-In-Allen-Gassen Jürgen Klinsmann konnte er wirken, sie behutsam angehen. Man wolle nach vorne spielen, um den Heimvorteil auszunutzen, Euphorie zu entfachen und sich so bis ins Finale zu spielen. So fing es 2004 an.

Gegen Ghana ist sie nun zu Ende gegangen, und das mit einem lauten Knall. Die Nation, die die Spieler Horst Hrubesch und Kopfballungeheuer hervor gebracht hat, ist vermutlich zum ersten Mal in ihrer WM-Geschichte ohne einen klassischen, kopfballstarken Stürmer angetreten.

Damit hat sich Löw komplett für das spanische Modell entschieden. Vier flexible, spielstarke Offensivspieler sollen die gegnerische Viererkette mit schnellem Lauf- und Passspiel auseinander nehmen (nur dass Podolski und Müller strikter ihre Seiten halten).

Ich habe nichts gegen Revolutionen, und schon gar nichts gegen eine Modernisierung, wie sie Löw der deutschen Nationalmannschaft verordnet hat. Aber aus zwei Gründen hätte ich eher mit Gomez begonnen als mit Cacau.

Die Viererkette Ghanas stand durchweg sehr hoch, meistens zwanzig Meter hinter der Mittellinie. Trotzdem kann ich mich im gesamten Spiel an keinen einzigen langen Ball erinnern, den wir über die Kette hinweg gespielt hätten. Cacau kommt entgegen, und bekommt Anspiele in den Fuß. Gomez hingegen explodiert und kann lange und steile Bälle erlaufen. Die Folge war, dass die ghanaischen Verteidiger sich permanent auf die Verteidigung nach vorne konzentrieren konnten, weil unser Angriffsspiel zu berechenbar war. Sie konnten sich darauf verlassen, dass der zentrale Stürmer kurz anttäuscht und dann mit einem langen Ball entwischt.

Ghana hat es wie Serbien gemacht: hoch stehen, in der Mitte unserer Hälfte attackieren und die Passwege auf Khedira und Schweinsteiger zu stellen. Dadurch entwickelte sich ein Spiel, das ich trotz des geringen Tempos wegen der engen Räume auf relativ hohem Niveau ansiedeln würde. Viele Mannschaften stehen deutlich tiefer.

Es gab allerdings in den ersten zehn bis fünfzehn Minuten ein Zeitfenster, durch das zu sehen war, dass Ghana solide und geordnet spielte, aber mit der nötigen Geduld zu überwinden war. Die hochstehende Abwehr war anfällig, wenn Deutschland es schaffte, zu den Flügeln durchzuspielen (wegen des erneut zu niedrigen Tempos in der Spieleröffnung natürlich zu selten). Das Fenster schloss sich, auch wegen unserer Nervosität, aber ich hatte nie wieder das Gefühl, wir würden nicht gewinnen – zumal Ghana in seiner Chancenverwertung da weiter gemacht hat, wo es gegen Serbien und Australien weiter gemacht hat. Sie schießen Tore eben nur durch Elfmeter.

Die Chance von Özil hätte das Spiel bereits entscheiden müssen – je mehr Zeit man vor dem Tor hat, desto eher gibt man alle Möglichkeiten aus der Hand und schiebt dem Torhüter am Ende den Ball in die Füße. Beim Tor konnte er nicht überlegen, und hat einfach geschossen.

Das Spiel überhaupt, aber vor allem die Minuten vor dem Tor waren wie eine Suche nach der Grenze zwischen Geduld und Fahrlässigkeit. Wie immer im Leben weiss man erst hinterher, wo man sich aufgehalten hat. Deutschland versuchte (ähnlich wie Werder) in der zweiten Halbzeit, in der sich Ghana zunächst weiter zurück zog, sich mit Doppelpässen in den Straufraum zu kombinieren, anstatt zielstrebiger und aus der Distanz den Abschluss zu suchen.

Sicherlich hatten wir in der Abwehr Probleme, aber ich konnte nichts erkennen, was strukturell Anlass zu Sorgen geben würde (unter anderem wegen der starken Leistung von Neuer). Mertesacker ist in dieser Form ohne Zweifel ein Problem, aber am ehesten unterstützte das Mittelfeld die Abwehr in wichtigen Momenten nicht ausreichend. Und Gyan bereitete uns vor die erwarteten Kopfschmerzen.

Zurück zu Gomez. Der zweite Grund, warum ich ihn aufgestellt hätte, sind unsere Standards, die Anlass zur größten Sorge geben. Es fehlten kopfballstarke Spieler auf dem Platz. Und ich würde Löw gerne Fragen, wie viele Stunden Standards er bisher hat trainieren lassen – es ist kaum etwas zu erkennen.

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Jedes Turnier braucht eine Krise

von Johan Petersen am 23. Juni 2010

Woran erkennt man einen Weltmeister, bevor er Weltmeister ist?

Die Gruppenphase geht dem Ende entgegen, einige Teams sind schon raus, einige schon weiter. Wir suchen in den Ergebnissen, den Standardsituationen, den Details, den Laufwegen, den Torwartleistungen der Mannschaften auf Hinweise. Wird das der Stürmer des Turniers? Ist das die Viererkette, die in den Schlachten am Ende am besten steht? Trägt dieses Kombinationsspiel eine Mannschaft durch die K.O.-Runde, oder flaut es ab, wenn es Ernst wird gegen Gegner, die besser stehen?

Ergebnis: keines.

Man kann einen Weltmeister nicht vorher sagen. Erst im Rückblick wird plötzlich klar, dass dieser natürlich der beste Verteidiger war, dass dieser Torhüter ein Elfmeterkiller ist und dass dieses defensive Mittelfeld von Anfang an dem gegnerischen Passspiel die Luft zum Atmen nehmen konnte, während in der Vorrunde noch alle Beobachter auf jenes Kombinationsspiel schauten.

Ein Grund für diese Blindheit, mit der wir eigentlich bis zum Finale geschlagen (man sollte sagen: gesegnet!) sind: fußballerisch geht es um Feinheiten, das ist nicht allein entscheidend.

Ein Turnier ist lang, es geht um die Gruppe, den Zusammenhalt, die Geduld und die Konzentration im richtigen Moment. So lässt sich rückblickend bei vielen erfolgreichen Mannschaften ein Moment feststellen, der alles verändert hat, der das alles geschaffen hat: eine Krise.

2006 stand Italien gegen Australien mit zehn Mann vor dem Aus. Frankreich bereits in der Vorrunde, der Trainer wechselte Zidane im zweiten Spiel aus, und keiner wusste vor dem dritten Spiel, in dem er gesperrt war, ob seine Jahrhundert-Karriere bereits zu Ende war. Sie war es nicht, Frankreich kam weiter und ins Finale.

2002 durfte Deutschland im dritten Gruppenspiel gegen die hochgehandelten Kameruner nicht verlieren, aber Ramelow rumpelte bereits vor der Pause mit einem Platzverweis vom Platz – die Mannschaft aber bis ins Finale. 2002 fehlte uns vielleicht ein solcher Moment.

Überstandene Krisen öffnen, Drucksituationen befreien – denn ab jetzt kann es nur noch besser werden, selbst wenn wir im nächsten Spiel ausscheiden, haben wir uns das peinlichste erspart.

England hat 1:0 gewonnen, gegen ein kleines Bergvölkchen (das mir gegenüber diverse Engländer mit der Slowakei verwechselt haben). Na und? War zu erwarten.

Falsch: das kann jetzt der Jungbrunnen sein, aus dem die Three Lions noch lange trinken werden.

Es gab Ausnahmen, Mannschaften, die spielerisch so überlegen waren, dass sie auch ohne Krise Welt- oder Europameister wurden. Aber wenn man das Glück der Krise hat, hat man größere Chancen, weit zu kommen.

Ich glaube, man kann die Krise auch managen, und nicht jede Mannschaft ist für sie gemacht. Man muss sich von Extremsituationen auch zusammen schweissen lassen wollen. So hat Deutschland auf Rückstand und Platzverweis gegen Serbien besser reagiert als England auf den Patzer von Green. Kein Innenverteidiger ist unmittelbar zu ihm hingegangen – ein unglaublicher Vorgang. Die drei da hinten müssen eine verschworene Gemeinschaft sein. Den englischen Spielern hingegen sah man an, dass sie es höchstens gemeinsam hatten kommen sehen. Gerrard, seines Zeichens Kapitän, war nach dem Patzer nicht mehr der gleiche Spieler, der zuvor als einziger Akzente gesetzt hatte.

Krisen können also auch Zentrifugen sein, die verstärken, aus welchem Holz eine Mannschaft geschnitzt ist. Siehe Frankreich, das bei dieser WM Henker und Guilliotinierte zugleich war, ganz ohne Gegner.

Durch diese Patzer und Platzverweise zu kommen, ist aber nicht die einzige Qualität einer Turniermannschaft. Dazu gehört auch, sich von guten ersten Spielen, vielen Toren und berauschendem Offensivfußball nicht davon treiben zu lassen. So begann Portugal die letzte WM, und eine Runde weiter schieden sie sang- und klanglos aus. Ähnlich Holland – je besser sie starten, desto gelassener bin ich.  Dies mal könnte es also etwas werden.

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Gegen Ghana: Das Turnier beginnt

von Johan Petersen am 21. Juni 2010

Eine WM beginnt – im Gegensatz zur EM, bei der man schon am ersten Spieltag potentielle Finalpaarungen sieht –traditionell erst mit dem Achtelfinale. In der Vorrunde sieht man ein bisschen Folklore, ein 8:0 gegen Saudi-Arabien, oder ein 7:0 gegen Nord-Korea – die Favoriten holen die Feinabstimmung nach, für die es im Training noch nicht gereicht hat.

In Südafrika ist es anders, und gegen Ghana beginnt unsere K.O.-Spiele eben eine Runde früher.

Ich hoffe, dass zunächst Gomez Klose ersetzt. Bei Cacau sehe ich die Gefahr, dass er sich zu oft neben Özil fallen lässt, und damit das Sturmzentrum im entscheidenden Moment nicht besetzt ist.

Das Kombinationsspiel über die linke Seite muss sich auch irgendwann verbessern, damit wir schwerer auszurechnen sind – bisher geht fast alles über rechts. Aber ich gehe davon aus, dass Löw an Badstuber festhält, und das ist auch akzeptabel.

Ghana ist ein in der Defensive kompaktes, und gut organisiertes Team – gegen das sich unsere spielstarke Offensive trotzdem durchsetzen müsste, vor allem wenn das Tempo des Passspiels im Mittelfeld wieder so hoch ist wie gegen Australien.

Vorne hatte Ghana gegen die Serben Probleme, sich im letzten Spielfelddrittel durchzusetzen und sich Chancen zu erspielen. Viele Flanken aus dem Halbfeld wurden vergeblich geschlagen. Ähnlich dann gegen zehn Australier.

Trotzdem wird Ghanas einzige Spitze Gyan unserer Innenverteidigung Probleme bereiten. Der ist in Top-Form. Sowohl die langen Pässe von Boateng als auch seine Vorstöße und Distanzschüsse aus der Tiefe sind gefährlich. Man sollte sich mit ihm als Fußballer beschäftigen, und er ist ein sehr guter. Mit Ayew und Tagoe verfügt Ghana auch über passable Flügelspieler.

Trotz unserer Jugend werden wir für eine K.O.-Situation bessere Nerven haben als Ghana (bei der gerade die Abwehr für individuelle Fehler anfällig ist) – das hat die gute Reaktion auf den Platzverweis gegen Serbien gezeigt.

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