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Standards

Warum England nie wieder Weltmeister wird

von Johan Petersen am 6. Juni 2011

Da wir gerade bei den Standards waren. Gegen die Schweiz hat die englische Abwehr umfassend dargestellt, wie man sich nicht verhält.

Vor allem beim zweiten Tor von Barnetta, als die Mauer aus dem Nichts Eigenleben entwickelt. (Dem link folgen, das Einbetten von youtube-Videos hat hier auch schon mal besser geklappt.)

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Manch einer sagt, der Fußball habe seine Entwicklung größtenteils abgeschlossen. Das ist Unsinn. Die drei Bereiche, in denen der Fußball meiner Meinung nach sein Potential noch nicht einmal im Ansatz ausgeschöpft hat: Beidfüßigkeit, Ballan- und -mitnahme, Standards.

Bei letzteren ließe sich viel entwickeln, aber irgendwie scheint das im Trainingsalltag nicht auf der Agenda zu stehen. Der Spielbetrieb (ein herrliches, schizophrenes Wort) ist eben Betrieb und kein Labor.

Das folgende hört sich nach Phantasterei an, aber uns allen würde auf der Tribüne erst der Mund offen stehen, und dann würden wir uns freuen, egal wie weit der Ball in die Weser fliegt. Aus der deutschen Zirkus-Szene ist neuerdings zu hören, dass ihre Zelte bald einen Bogen um Bremen machen: wenn sie Spektakel ohne tiefer liegenden Zweck (z.B. Punkte) wollen, gehen die Leute hier ins Stadion.

Es gibt ein Problem bei Freistößen unmittelbar am Strafraum: die Schwerkraft. Sahin hat sie gegen die Bayern gerade außer Kraft gesetzt, aber nicht jeder hat so einen feinen Fuß, und daher fliegen wohl 90 Prozent nicht nur über die Mauer, sondern auch übers Tor. Denn kaum hat der Ball die Mauer überflogen, muss er auch schon wieder sinken:

Daher sind Freistöße aus 20 bis 25 Meter Abstand zum Tor leichter, weil der Abstand zwischen Mauer und Tor größer ist. Eine Möglichkeit: den Ball ein bisschen zurück legen, um auf die optimale Distanz zum Tor zu kommen. Das war der Vorschlag aus der ersten Folge zum Schwerkraftproblem beim Freistoß.

Meine Idee in der zweiten (und letzten) Folge: den Ball eine Etage höher legen, dann kann der Schütze ihn fast vertikal über die Mauer schießen.

Ein Spieler lupft den Ball senkrecht auf etwa 2.50 Meter, und ein zweiter Spieler schießt ihn per Fallrückzieher über die Mauer aufs Tor:

Hört sich nach Konsole an, aber ich glaube, dass das für motorisch und technisch gute Spieler (Diego, Özil, Kroos) einfacher ist, als man denkt. Man kann es ja hundert oder zweihundert Mal im Training üben, dann müsste das Gefühl für die Entfernung und Höhe des Tores da sein.

Der Torwart dürfte so überrascht sein, dass der Ball vermutlich nicht einmal sehr scharf geschossen sein muss.

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Brasilien vs Chile, das 1:0

von Johan Petersen am 29. Juni 2010

Für Brasilien läuft es bisher ziemlich entspannt. Noch bevor sie sich anstrengen müssen, macht der Gegner einen Fehler, den sie mit ihrer individuellen Klasse sofort bestrafen.

(Anders herum war bisher kein Gegner stark genug, ihre durchaus vorhandenen Ballverluste im Mittelfeld mit schnellem Umschalten auszunutzen. Das haben insbesondere die Elfenbeinküste und Chile nicht hinbekommen. Holland wird uns zeigen, ob das an diesen Mannschaften oder am guten Umschalten des brasilianischen Mittelfelds lag.)

Gegen Chile haben sie wenig gezeigt, bis eine Standardsituation die Führung gebracht hat. Erst danach haben sie die sich dann öffnenden Räume genutzt.

Eine schöne Ecke, von Maicon vom Tor weggedreht. Einige chilenischen Abwehrspieler (in weiß) werden ein Stück auf den ersten Pfosten gezogen, während Juan (4) und Luis Fabiano (9) in ihrem Rücken kreuzen in Richtung zweiter Pfosten. Dort treffen sie auf vier Gegenspieler, aber Fabiano und Lucio (3) räumen je zwei Gegenspieler aus dem Weg (rote Striche). Dazwischen kann Juan ganz entspannt hochsteigen und den Ball ins Tor wuchten.

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Warum sind die deutschen Standards so harmlos?

von Johan Petersen am 26. Juni 2010

Die große Enttäuschung im deutschen Spiel bisher sind die Standards. Das liegt daran, dass sie wie schon 2006 und 2008 nicht trainiert werden: nur “zwei-, dreimal” bisher. Angenommen, Deutschland hatte bisher mehr als 60 Trainingseinheiten, dann haben wir weniger als 5 Prozent unserer Trainingszeit auf die Methode verwandt, mit der etwa ein Drittel aller Tore erzielt werden.

Man darf nicht vergessen, dass selbst eine spielstarke Mannschaft wie Argentinien gegen Südkorea erst einmal zwei Standards verwandelt hat, bevor sie die sich bietenden Räume mit Konter- und Kombinationsfussball ausgenutzt hat. Und ab jetzt werden die Spiele richtig eng, noch kleinere Kleinigkeiten entscheiden, und das werden unter anderem Standards sein.

Hinten liegt bei uns immer wieder ein Gegentor in der Luft, während vorne bisher gar nichts los war. Es gab nicht eine einzige Ecke, bei der ich in Erwartung eines Treffer von der Bierkiste aufgestanden wäre (Ausnahme der Lattenknaller von Khedira gegen Serbien, aber das war ein zweiter Ball).

Ich mag mich täuschen, aber ich kann mich an keine Ecke erinnern, die vom Tor weggedreht worden wäre. Linksfuß Özil schießt von rechts und Rechtsfuß Schweinsteiger schießt von links.

Bei Eckbällen und Standards in der Nähe der Eckfahne gibt es vermutlich zwei grundlegende Elemente, die die Wahrscheinlichkeit eines Treffers erhöhen. Man muss den Torhüter aus dem Spiel halten, und die Angreifer müssen sich von ihren Gegenspielern lösen (durch Blocken oder Bewegungsvorsprung).

Es gibt zwei Bereiche, die der Torhüter bei Eckbällen nicht oder nur schwierig erreichen kann. Am kurzen Pfosten, weil der Weg weit ist, und der Ball nur kurz in der Luft ist – siehe die hellgrüne Fläche. Und am langen Pfosten außerhalb des  Fünfers - siehe die weiße Fläche. Hier ist der Ball zwar länger unterwegs, aber der Keeper muss gleichzeitig den Ball und für seinen Laufweg die Mit- und Gegenspieler im Auge behalten, wozu er in zwei Richtungen blicken müsste. Um das noch schwieriges zu machen, wird der Ball vom Tor weggedreht. Der Torhüter muss halb rückwärts laufen und sich durch ein Knäuel von Spielern kämpfen – siehe sein schwarzer Laufweg.

Zu den Angreifern: laufen sie schnell und aggressiv auf den ersten Pfosten, können sie sich von ihren Gegenspielern lösen. Oft stehen auf dem Weg dorthin zwei weitere Gegenspieler im Raum, um sie aufzunehmen falls sie ihren direkten Gegenspielern entwischen, aber dann kann es beim Gegner zu Konfusion zwischen Mann- und Raumdeckung kommen. So hat van Buyten in dieser Saison vom ersten Pfosten einige Tore erzielt. (Einige Mannschaften spielen natürlich auch mit reiner Raumdeckung.)

Im zweiten hier dargestellen Raum am langen Pfosten täuschen die Angreifer einen Sprint nach vorne an, verlangsamen dann aber im Kalkül, dass die Gegenspieler trotzdem weiter nach vorge gesogen werden (wie hier mit landestypischen Bildern detaillierter diskutiert), und die Bälle dann über sie hinweg bei den Angreifern landen.

Ich habe hingegen den Eindruck, dass bei uns die zum Tor hingedrehten Ecken eher auf den zweiten Pfosten gezogen werden, und damit in keine dieser beiden Strategien fallen. Oder die Laufwege auf den ersten Pfosten sind nicht ausreichend abgestimmt.

Auffällig ist allerdings auch, dass wir bisher sehr wenig Standards aus dem Halbfeld hatten. Die sind oft gefährlicher als Ecken, gerade die von rechts (siehe diese Auswertung von Özils Freistößen in der Hinrunde). Entweder waren unsere bisherigen Gegner bisher sehr diszipliniert und haben Fouls in diesen Bereichen vermieden, oder sie haben es über zu lange Phasen des Spiels geschafft, uns ganz von diesen Bereichen fernzuhalten.

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Wir wollen immer in der ersten Reihe sitzen, ganz dicht dran sein.

Vielleicht liegt es daran, dass es für dieses spezielle Freistoß-Problem noch keine adäquate Lösung gibt (ich hab sie jedenfalls noch nie gesehen).

Die ideale Distanz ist 20 bis 25 Meter vor dem Laden. Manchmal bekommt man aber einen Freistoß etwas näher dran, so gerade außerhalb des Strafraums, bei 16,5 oder 17 Metern. Diese Standards sind ganz knifflig zu schießen: der Ball muss genau in dem Moment wieder sinken, in dem er die Mauer überquert hat – sonst schafft er es nicht mehr unter die Latte. Der Ball müsste ein Stein werden, der im richtigen Moment vom Himmel fällt.

Ich frage mich: warum legt man sich den Ball nicht freiwillig drei bis vier Meter zurück? Ein Spieler passt den Ball flach zurück, einer stoppt ihn, einer schießt aufs Tor. Das hätte den großen Vorteil, dass der höchste Punkt der Flugbahn sich vor der Mauer befindet, man die zweite Phase der Flugbahn, den Sinkflug des Balles also auf mehr Meter verteilen kann.

 

Vielleicht ist es schwierig, nicht den Passgeber anzuschießen. Mit ein bisschen Training und Abstimmung, in welche Ecke der Ball gehen soll, müsste das aber gehen.

(Übrigens hat Jens Lehmann — offensichtlich bemüht, seine Qualitäten als Vordenker unter Beweis zu stellen — das im Weserstadion in der letzten Saison schon ansatzweise umgesetzt. Der Meinung, dass Diego den Ball nach einem Foul einen halben Meter zu weit nach vorne geschummelt habe, hat der gute Jens in seiner Altersweisheit den Ball wieder vom Tor entfernt. Der Freistoß passte darauf hin genau in den Knick.)

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Ecke: Der Abwehrspieler aus der Gattung Herdentier

von Johan Petersen am 7. Januar 2010

Der Mensch ist immer wieder Herdentier. Sieht man an den Finanzmärkten: wenn drei Händler in eine Richtung laufen, rennt der Rest irgendwann mit. Es könnte ja Geld zu verdienen sein. Es könnte ja ein Löwe im Savannengras lauern.

So funktioniert das auch im Strafraum, und der Bruchteil eines Moments, in dem die Instinkte das Training außer Gefecht setzen, ist fürs Tore schießen am besten.

Die Spieler (blau) sammeln sich hinten, und laufen dann nach vorne, um sich vor ihren Gegenspielern (weiß) einen Vorsprung zu erarbeiten. Es geht aber auch anders herum: denn in diesen Sog lassen sich alle reinsaugen.

Daher sind Ecken auf den langen Pfosten so gefährlich, ein Angreifer (rot) muss nur im richtigen Moment stehen bleiben; wenn sein Gegenspieler unbedingt bei den anderen dabei sein will, springt er unter dem Ball durch:

 

Bei Werder werden diese Bälle von Özil zum Tor hingedreht, aber es geht meiner Meinung nach besser, wenn ein Rechtsfuß den Ball vom Tor weg dreht.

Dieser ehemalige Grieche bei Frankfurt, mit dem Diego sich mal länger unterhalten hat, hat so in einer Saison mal etwa  ein halbes Dutzend Tore gemacht. Cannavaro war so trotz seiner für einen Innenverteidiger eher geringen Größe immer gefährlich. So ist zum Beispiel Drogba unter einer Ecke durch gesprungen, und Mertesacker hinter ihm hat das entscheidende 1:0 zum Sieg gegen Chelsea geköpft.

Hinten sollte sich immer einer zum zweiten Pfosten wegschleichen. Oft erwischt ein Angreifer den Ball nur mit der Stirn, und er geht am zweiten Pfosten vorbei. Wenn hinten einer durchläuft, kann er diesen Ball aus zwei oder drei Metern verwerten. Manch Abwehrspieler schaltet schon ab, wenn der Löwe woanders zubeißt, bleibt stehen – und dann klingelt’s hinter ihm.

Das macht normaler Weise ein nicht so kopfballstarker Angreifer. Bei Werder früher Ailton, heute Rosenberg oder Hunt.

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Eine seltene Freistoß-Spezies

von Johan Petersen am 4. Januar 2010

Freistöße aus dem Halbfeld werden normalerweise hoch über die Spielertraube im Strafraum gespielt: entweder ein Angreifer läßt ihn über den Kopf ins Tor rutschen oder der Ball geht an Freund und Feind vorbei und schlägt direkt am langen Pfosten ein (schwarze gestrichelte Linie).

Eine seltenere Variante: ein kopfballstarker Spieler (10) läuft parallel zum Strafraum entlang und entzieht sich dem allgemeinen Sog zum Tor und seinem Gegenspieler (4).  Der Schütze spielt ihm den Ball “kurz” auf den Kopf (weiße Flugbahn).

Man braucht sicherlich einen sehr guten Kopfballspieler, einen Ballack oder Pizarro, weil es schwierig ist, so einen Ball kontrolliert aufs Tor zu bringen. Aber das kann er durch den Überraschungseffekt erst mal alleine angehen. Außerdem vermeidet man so die kopfballstarken Abwehrspieler tiefer im Strafraum.

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Özils curveball: das Hinrunden-Panorama

von Johan Petersen am 2. Januar 2010

Etwa ein Drittel aller Tore fallen nach Standards. Bei Werder waren es in der Hinrunde 29.85 Prozent (Elfmeter und von Marin und Naldo direkt ins Tor geschossene Freistöße nicht mit gerechnet). Von diesen fielen wiederum nicht weniger als 60 Prozent nach von Özil getretenen Ecken oder Freistößen. Allein deswegen ist er auf dem Platz unersetzlich.

Wie bei wenigen Spielern ist die Flugkurve der Standards von Özil wirklich dreidimensional. Die heben nicht ab wie ein Flugzeug und kommen auf der gleichen Linie wieder runter, sondern irgendwo anders. Curveballs, wie man im Baseball sagt. Unberechenbar. Der Torwart weiß nie, auf welcher Höhe ein Angreifer den Ball mit dem Schopf erwischt.

Hier sind alle Hinrunden-Treffer nach Özil-Standard dargestellt. Die Beteiligten: Pizarro (rot), Naldo (blau), Mertesacker (hellgrün), Hunt (türkis), Boenisch (weiß), Almeida (gelb).

Die Freistöße: Aus dem Halbfeld werden bei Werder und allen Mannschaften die meisten Standards auf den zweiten Pfosten getreten, so dass Angreifer den Ball nur über den Kopf rutschen lassen müssen, um seine Flugbahn minimal, aber unhaltbar zu verändern. Ohne Berührung schlägt der Ball dann nicht selten direkt im langen Eck ein. Eine interessante Variante ist es, den Ball auf den ersten Pfosten (auf Pizarro) zu schlagen, aber dann kommt er oft zu flach und man kann ihn eigentlich nur auf den zweiten Pfosten verlängern. Wie hier bei Almeida auf Naldo.

Die Ecken: Bei den Ecken besetzt unter anderem Pizarro den ersten Pfosten. Er macht nur wenige Schritte nach vorne, und da der Gegenspieler zwischen ihm und dem Tor steht, muss er nur aufpassen, dass er während des winzigen Moments, in dem die Ecke in der Luft ist, vor dem Gegenspieler bleibt. Wenn dann der Gegenspieler, der vorne im Raum steht, nicht an den Ball kommt, brennt es schon.

Weiter hinten, bei Naldo am zweiten Pfosten und Mertesacker dazwischen, ist auch nicht viel mehr Bewegung, im Vergleich zu anderen Mannschaften, die von weiter hinten rein laufen. Bei jeweils 1,98 Meter Größe auch nicht nötig.

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