Ich gebe mich hier nur noch mit dem großen Ganzen ab. Die wochendliche Grundlagenarbeit wird auf ballverlust.net erledigt. Und jetzt hinein ins Geschehen:
Die Transferbilanz von Klaus Allofs war lange Zeit über jeden Zweifel erhaben. Der Einkauf von Johan Micoud allein hat die Fachwelt vor Neid erblassen lassen.
In den letzten zwei Jahren, seit dem Sommer 2009, sieht die Sache ganz anders aus. Es ist nicht ausgeschlossen, dass am Samstag in Gladbach wie zuletzt mehrfach nach Umstellungen während des Spiels Aaron Hunt oder Marko Arnautovic hinter den Spitzen beginnen. Damit würden mit Marko Marin, Mehmet Ekici und Wesley etwa 20 Millionen Euro Ablöse auf der Bank sitzen.
Das ist eine Bruchlandung im Luxus-Segment, die sich ein mittelständischer Verein wie Werder Bremen nicht leisten kann und Allofs ist dafür verantwortlich.
Schlamperei
Alle drei Spieler haben eines gemeinsam: sie sind technisch sehr gute Fußballer. Sie stehen für Kreativität, für Fantasie. Doch alle drei haben haben ebenso gemeinsam: teilweise enorme taktische Defizite und Schwächen in der Entscheidungsfindung.
Wesley ist das Extrem dieser drei Spieler. Nach seiner Verpflichtung hat Allofs sehr sinngemäß, sehr ungefähr dieses gesagt: “Wir hatten ihn nicht unbedingt auf dem Zettel, aber als wir hörten, wie wenig Geld dieser Spieler kosten sollte, haben wir zugeschlagen.”
Heute wissen wir, warum Wesley, ohne Zweifel ein Bewegungswunder mit seinen grazilen Abläufen, so billig war – denn er hat eine höchstens rudimentäre taktische Ausbildung erhalten, für die die Bundesliga mehrere Nummern zu groß ist. Von weitem sieht dieser Transfer nach gründlicher Schlamperei aus.
Arnautovic hat ein ähnliches Profil wie diese drei, doch wenn er seine jetzigen Leistungen konservieren kann, müsste man seinen Transferwert am Ende der Saison vermutlich kaum runterschreiben.
Ein Schritt ins Leere
Diese Transfers fielen in eine Phase, als Werder den Schritt von einer Mannschaft, die fast immer in der Champions-League spielt und gelegentlich den Pokal gewinnt, hin zu einer Mannschaft machen wollte, die sich fast immer fürs Achtelfinale der Champions-League qualifiziert und in der Liga sich immer enger an die Bayern heran robbt.
An diesem Schritt ist Allofs gescheitert, eben so wie Thomas Schaaf, unter dem sich die Mannschaft sportlich in den Jahren 2009 und 2010 sogar zurück entwickelt hat, weil die Umstellung auf zwei Sechser und nur noch eine Spitze misslungen ist (oder nicht gewollt war).
Die genannten Transfers — für die sich die Verpflichtung von Carlos Alberto im Jahr 2007 als böses Omen entpuppte für Dinge, die da noch kommen sollten — sollten diesen Schritt bringen. Vielleicht hat Allofs den Fehler gemacht, das Konzept aus ärmeren Zeiten einfach weiter zu führen, nur mit mehr Geld: Spieler zu kaufen, die billiger sind, weil sie taktisch und fußballerisch noch weiter entwickelt werden müssen. Es gibt aber auch Spieler, die technisch nicht so viel Fantasie auslösen, dafür aber taktisch und charakterlich einwandfrei sind und daher auch viel Geld kosten.
Als andere schon die Funktionalität japanischer Fußballer schätzten, versuchte sich Werder als letzter Bundesligist noch an brasilianischen Sensibelchen. Ein teurer Spaß.
Daher kann ich es verstehen, dass der Aufsichtsrat Fragen stellt und ein erfolgsabhängiges Element in Allofs’ Vertrag einbauen möchte.
Der turn-around
Ich halte es aber trotz meiner nach wie vor bestehenden Vorbehalte wegen der eindeutigen Stagnation der Mannschaft unter Schaaf für vollkommen unangebracht, die Ära Allofs/Schaaf am Ende der Saison zu beenden.
Erstens gab es in den letzten zwei Jahren Sonderfaktoren, wie die Belastung durch den Stadionumbau und die Verletzungen von Naldo und Claudio Pizarro.
Zweitens: die Mannschaft steht auf Platz drei der Tabelle, und die Tabelle lügt nie. Höchstens flunkert sie im Moment ein bisschen – nach den nächsten fünf Spielen wissen wir mehr. Es müsste dennoch mit dem Teufel zu gehen, wenn Werder nicht mindestens 6. würde – ein Ergebnis, das nach der Höllen-Vorsaison jeder unterschreiben würde.
Drittens, und hier geht es ans Eingemachte: Allofs und Schaaf haben mich im Sommer mit ihrer Analyse der Vorsaison beeindruckt. Sie haben die Problemfelder identifiziert und mit sicheren Griffen behoben. Sie haben den Kader breiter aufgestellt. Die Versetzung von Clemens Fritz ins Mittelfeld hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Sokratis hat die Abwehr stabilisiert und die rechte Seite auf längst vergessene Weise mit Leben gefüllt. Von der anderen Seite werden dank Lukas Schmitz endlich wieder Tore vorbereitet.
Das Spiel von Ekici hakt nach meinem Eindruck an nur ein, zwei Dingen, die in seiner Ausbildung schief gelaufen sind, die sich aber hoffentlich noch beheben lassen.
Ein dickes Plus
Andreas Wolf ist ein Sonderfall, und Aleksandar Ignjovski lässt sich für mich noch nicht abschließend bewerten, ist aber mindestens vielversprechend. Aber unter dem Strich steht ein ganz dickes Transfer-Plus. Zumal: wer Per Mertesacker diese Woche hat länderspielen sehen, dürfte auch ihm nicht hinterher trauern.
Teure Spieler auf der Bank können auch eine weitaus glänzendere Kehrseite haben. Maximal ist die erste Elf mehr wert, minimal hat die Breite des Kaders auf vielfältige Weise die zu beobachtende Leistungssteigerung einiger Beteiligter bewirkt.
Richtig Geld hat Allofs dabei nur für Ekici in die Hand genommen. In der Not hat er wieder sein Talent für die Kreativität des kleinen Mannes bewiesen, die ihn in den Jahren vor und unmittelbar nach der Meisterschaft ausgezeichnet hat.
Vom Werder-Willi zum Willi-Willi?
Sportlich ist die Mannschaft trotz allem zu sehr von Claudio Pizarro abhängig. Doch es zählt auch ein Umstand, der zu oft übersehen wird: Pizarro spielt bei Werder Bremen. Genauer, er hat dort den Großteil seiner Karriere verbracht. Und nicht in Hannover, oder Stuttgart, oder bei der Hertha.
Zieht man diese Bilanz, ist die Zerstrittenheit des Vereins also schwierig einzuordnen. Vor allem: was will Willi Lemke erreichen? Will er gar das Gespann Allofs/Schaaf zermürben, bevor die Ära Allofs/Schaaf die Ära Lemke/Rehhagel verblassen lässt? Ist aus dem Werder-Willi ein Willi-Willi geworden?
Spekulation, ein böser Verdacht. Doch mächtige Männer sind erstaunlich oft bei Sandkasten-Spielen zu beobachten – sonst wären sie keine mächtigen Männer geworden.
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