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Kader

Frischer Wind für die Familie Werder

von Johan Petersen am 22. November 2010

Guter Kommentar in der SZ, die nicht so nah dran ist wie die Lokal-Zeitungen. Ralf Wiegand kommentiert, dass Werder schon länger taktisch stagniert, dass aber der gesamte sportliche Bereich zu familiär geworden ist:

Fast alle strategischen Positionen hat der Verein mit eigenen Leuten besetzt, Sportdirektor, Trainer, Scouts, Jugendleiter, Nachwuchscoaches – alles überwiegend ehemalige Spieler. (…) Werder hat aus dem eigenen Verein heraus kaum Möglichkeiten, das Denken zu verändern. Alle Verhaltensmuster sind seit Jahren eingeschliffen.

Wenn man sieht, wie Prödl gegen Schalke mit Wiese zusammen prallt, und sie sich hinterher nicht die Hand geben: die Berichte von der gespaltenen Mannschaft scheinen einen wahren Kern zu haben.

Wir setzen noch immer auf den alten Kämpen Frings, der die Mannschaft führen soll und alte Werte anmahnt, aber damit nur die Jungen wegbeißen will, die den Leitwolf in Frage stellen (zumal seine Leistungen zeigen, dass seine Tage vorbei sind). Es wäre seine Aufgabe, zu integrieren. Andere Vereine (und Löw) setzen auf flache Hierarchien in jungen Teams und sind damit erfolgreich. In diesem Sinne auch ein Trend, der bei uns nicht zu erkennen ist.

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Silvestre: endlich Realismus auf links

von Johan Petersen am 30. August 2010

Er war nicht mehr der schnellste, machte das aber mit Stellungsspiel und Abgezocktheit im Zweikampf wett. Er schlug gute Flanken, verrichtete sonst aber seinen Dienst auf der Außenbahn zurück haltend. Er war keine langfristige Lösung, sondern half uns für ein bis zwei Jahre aus.

Der Transfer von Mikael Silvestre erinnert in vielem an Ümit Davala. Kein Spieler, der Phantasien für die nächsten Jahre auslöst, sondern eine Lösung für das hier und jetzt.

Ich finde diesen Realismus gut. Linksverteidiger sind so rar, dass Preis und Qualität in einem ganz anderen Verhältnis stehen als auf anderen Positionen. Es macht Sinn, die Dauer-Baustelle Linksverteidiger nur vorübergehend und in Etappen zu schließen, als dort ins Risiko zu gehen.

Interessante Details zu Silvestre beim Singer. Letztlich hängt es wohl davon ab, wie schnell und fit er noch ist.

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Drei Hochzeiten rocken (der Werder-Kader 2010/2011)

von Johan Petersen am 12. August 2010

Fazit: Schwer zu ziehen, bevor der Verbleib Özils nicht geklärt ist. Ein typischer Kader der Ära Allofs/Schaaf: vorne viele tolle Fußballer, und hinten auf Kante genäht. Für eine CL-Saison halte ich ihn allerdings für zu klein – viel hängt von der Zahl und Dauer der Verletzungen ab. Man stelle sich vor, Özil geht, und Hunt ist lange verletzt….

Zusammensetzung: Es gibt wenig Veränderungen. Das ist generell nicht unbedingt von Vorteil (frischer Wind tut immer gut). Schaaf setzt offensichtlich auf eine kleine, verschworene Gruppe, in der sich viele Spieler schon lange kennen.  Mit Arnautovic, Jensen und Wagner gibt es drei Neuzugänge – das sorgt vorne für die Breite, die uns im letzten Jahr gefehlt hat. Mit Niemeyer gibt es nur einen Abgang – geht auch Özil, kann sich der Einbruch des letzten Herbsts wieder holen.

Wir haben wieder unglaublich viel Routine und internationale Erfahrung im Kader (Pizarro, Mertesacker, Frings, Borowski, Jensen, Fritz, Wiese), aber auch eine Reihe junger, hungriger Spieler (Marin, Hunt, Boenisch, Bargfrede), die noch am Anfang stehen. Von deren Weiterentwicklung erhoffe ich den größten Schub.

Stärken: Das Prunkstück ist die Reihe hinter der Spitze: Hunt, Özil, Marin und Arnautovic sind eine Klasse für sich. Marin und Arnautovic könnten sich zu einer genialen Flügelzange entwickeln – Marko & Marko als schnellster Pizza-Bringdienst der Liga. Auch vorne sind wir mit Pizarro, Almeida und Wagner ausreichend besetzt, zumal wenn wir mit nur einer Spitze spielen. Vor der Abwehr sind wir mit Frings, Bargfrede, Jensen, Borowski gut aufgestellt – ich halte es allerdings für einen Fehler, dass wir Niemeyer abgegeben haben. Jensen, vielleicht auch Frings, sind verletzungsanfällig, und wir wollen auf drei Hochzeiten abrocken.

Schwächen: In der Abwehr gehen wir mit sechs Spielern für vier Positionen in die Saison. Die Viererkette ist nominell gut besetzt, aber das wird in dieser Saison nicht mehr reichen. Auf den Außen gibt es quasi keinen Ersatz für Fritz und Boenisch. Dem Duo Naldo und Mertesacker hätte schon in den letzten Jahren ein bisschen ernsthaftere Konkurrenz gut getan – jetzt aber hatten beide keine richtige Vorbereitung; Naldo ist verletzt und Mertesacker hat eine schwache WM gespielt.

Es wäre wichtig, anstatt Rosenberg noch einen Ersatz für die Außenverteidiger im Kader zu haben.

Wiese. Stärken und Schwächen sind bekannt: ist es wirklich schon zu spät, um ihm die Spieleröffnung beizubringen?

Vander. Ist er topfit, gehört er wohl zu den besten fünf Ersatz-Torhütern der Liga. Leider verletzt.

Naldo. In der Offensive einmalig. Hinten manchmal mit Konzentrations- und Stellungsfehlern. Wegen der mysteriösen Knieverletzung erwarte ich eine wechselhafte oder sogar schwache Saison.

Prödl. Hat alle Anlagen, um Naldo oder Mertesacker ohne große Abstriche zu ersetzen (abgesehen von Kopfballduellen im Mittelfeld und Naldos Freistößen und Vorstößen). Vor allem wendiger und zerriger als Mertesacker. Lässt sich allerdings in manchen Situationen vorschnell und zu weit aus der Abwehr ziehen (könnte sich mit zunehmender Spielpraxis legen).

Mertesacker. Die WM hat für mich bestätigt, dass er vielleicht bei Werder am besten aufgehoben ist – und nicht bei den Top-/Champions-League-Clubs, zu denen er wechseln wollte. Passt nicht richtig in unser Konzept einer oft sehr hoch stehenden Abwehr – am und im eigenen Strafraum natürlich wegen seiner Größe und seinem Stellungsspiel eine Klasse für sich. Starke, vertikale Spieleröffnung.

Pasanen. Wäre als Innenverteidiger bei zwei Dritteln aller Bundesligisten Stammspieler. Auch als Außenverteidiger kann er mehr, als ihm zugestanden wird – z.B. gut getimte Bälle in die Spitze, und Flanken mit beiden Füßen. Dribblings zur Torauslinie sind ihm allerdings fremd.

Boenisch. Noch immer der Forrest Gump unter den Außenverteidigern. Muss unbedingt sein Passspiel und damit verbunden seine Übersicht verbessern. Nach vorne könnte er für meinen Geschmack wieder etwas stürmischer werden und seine Schnelligkeit so ausspielen wie in seinem ersten Jahr bei uns.

Fritz. Ich erwarte eine ähnlich solide Saison. Natürlich wünscht man sich vorne etwas mehr Feuerwerk (bin sehr gespannt auf sein Zusammenspiel mit Arnautovic), aber man sollte nicht übersehen, dass er hinten oft in brenzligen Situationen unser letzter Strohhalm ist, indem er die Schwächen von Mertesacker kompensiert und oft gerade noch ein klärendes Bein dazwischen bekommt.

Jensen. Ist er fit, für mich einer der besten Mittelfeldspieler der Liga, weil er mit seiner einzigartigen Ballverarbeitung das Spiel enorm schnell machen kann. Könnte vor der Abwehr ein geniales Duo mit Bargfrede geben: dann würden unsere Angriffe über die Flügel im Minutentakt auf den Gegner zu rollen.

Frings. Mein großes Sorgenkind. Ohne seinen Status bei Thomas Schaaf und als Kapitän würde er realistischer Weise  im Laufe in der Saison von Jensen oder Borowski verdrängt, wenn die in Form sind. Immer noch starke lange Bälle, großer Einsatz.

Bargfrede. Siehe hier. In der Vorbereitung wieder auffällig.

Borowski. Machte in der Vorbereitung einen sehr motivierten und spritzigen Eindruck. Wird mit seiner Erfahrung eine ganz wichtige Rolle im Kader spielen – wenn er die nötige Lockerheit hat und bei seinen Vorstößen ein bischen mehr Glück, auch oft in der ersten Elf.

Özil. Siehe mein Abschied von Messi.

Hunt. Seine neun Bundesliga-Tore in der Vorsaison waren ein Spitzenwert für einen Mittelfeldspieler, und das dürfte er wieder holen. Ist dann stark, wenn er über 70, 80 Minuten sein sehr gutes Spiel ohne Ball durchhalten kann. Kann seine Standards verbessern, und er muss die Schlampereien im eigenen Spielfelddrittel abstellen – Ballverluste sind da tabu. Hat gegenüber Marin und Arnautovic den Vorteil, dass er sowohl Raute als auch 4-5-1 spielen kann.

Kroos. Die Überraschung der Vorbereitung. Dass Schaaf ihn nach Beginn der U23-Punktspiele bei den Profis behalten hat, deutet auf eine regelmäßige Berufung in den Kader hin.

Marin. Vorne muss er eigentlich nur mehr Tore schießen – spielt zu oft quer, wenn der Torschuss die bessere Wahl wäre. Muss seine Ecken verbessern, und ich hoffe auf direkte Freistoß-Tore vom 16er. In der Rückwärtsbewegung noch erstaunlich planlos. Wird seine Form wohl erst im Laufe der Hinrunde finden.

Arnautovic. Seine Stärken sind schnell zu erkennen: irre schnell, technisch stark, beidfüßig. Die Frage ist, wie effektiv er in seinen Aktionen vor dem Tor ist, und wie gut in einem 4-5-1 sein Spiel ohne Ball ist. Mit ihm auf dem Platz anstelle von Hunt wird es vermutlich weniger Rochaden in der Reihe hinter der Spitze geben – muss kein Nachteil sein. Ich bin gespannt, wie er mit Rückschlägen im Laufe der Saison umgeht.

Pizarro. Seine Schlitzohrigkeit und Technik wird er nie verlieren – bewahrt er Fitness und Beweglichkeit, und macht er über 30 Spiele, sind 25 Tore drin.

Almeida. Stärken und Schwächen wurden hier oft diskutiert: bringt viel mit, trifft vor dem Tor noch zu oft die falsche Entscheidung. Ich wünsche ihm, dass er einmal 10 Spiele am Stück macht. Das könnte den Durchbruch bringen.

Wagner. Kann ich schwer einschätzen. Von den Anlagen her komplett, schnell und kopfballstark – muss sich aber als Torjäger durchsetzen, denn fußballerisch ist die Konkurrenz sehr groß.

Rosenberg. Ich habe nicht das Gefühl, dass er unbedingt noch geht – und ich traue ihm ein Comeback bei uns durchaus zu.

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Abschied von Messi

von Johan Petersen am 11. August 2010

Er kam zu uns, wie er später spielen sollte: er schlich sich herein, in der Winterpause. Nur die scheinbar hohe Ablösesumme – mehrere Millionen Euro für einen 19-jährigen Jungen aus  Schalke, nicht für einen Spielmacher aus Südamerika – machte auf ihn aufmerksam und die Umstände seines Abgangs.

Er wurde oft eingewechselt in dieser ersten Rückrunde im Werder-Trikot, doch man sah sofort: das war kein Talent, sondern ein kompletter, fertig ausgebildeter Spieler mit toller Technik, gutem Passspiel und herausragendem Spielverständnis.

Er entwickelte sich, sammelte Erfahrungen und ein Jahr später war klar, dass er in einer Reihe mit Diego stehen würde, vielleicht sogar mit Micoud (wenn der uns nicht auf seine lässig-filigrane Art zur Meisterschaft geführt hätte).

Doch Özil war anders. Diego und Micoud glänzten am Ball, doch Özil war eleganter: er verneinte das Spiel, blendete es zunächst aus, indem er seine Aktionen ohne Ball begann. Versteckte sich im Raum zwischen gegnerischem Mittelfeld und Abwehr, wich auf den Flügel aus; wartete, bis ein Stürmer den Ball verarbeitet hatte, um dann im richtigen Moment durch die Viererkette zu laufen.

Diego spielte oft hinter dem Ball, wollte das Spiel vor sich haben, es bremsen und erst nach einem Doppelpass mit Pizarro in den Strafraum gehen. Özil hingegen spielte weniger wuchtig, lauerte vor dem Ball in den Passwegen, brauchte riskante, vertikale Anspiele durchs Dickicht der gegnerischen Hälfte. Man sah, dass er einen schlechten Tag hatte, wenn ihm diese harten Anspiele über den linken Fuß rutschten.

Den Jahrhundert-Herzinfarkt gegen Hoffenheim läutete er mit der Führung ein, und am Ende schlich er einer euphorisierten Hoffenheimer Viererkette seitlich davon und schloss eiskalt ab. Beim historischen 5:2 Sieg bei Bayern spielte er einen genial getimten Pass auf Rosenberg vor dem Führungstreffer, dann jagte er einen Ball durch Demichelis hindurch: in den Winkel.

Er schoss nie mit Kraft, sondern allein mit der Technik seines linken Fußes.

In den letzten beiden Jahren bereitete er 33 Tore vor – viele davon durch seine Standards aus dem rechtem Halbfeld, aber auch durch seine Ecken. Wenige Flugkurven sind so unberechenbar dreidimensional – ein curve ball.

Seine Probleme vor und während der WM, im eins gegen eins mit den Torwart zu verwandeln, haben mich überrascht. erz hat irgendwo geschrieben (wenn ich mich recht erinnere), dass Özil eine Sekunde mehr hat, als alle anderen Spieler auf dem Platz. Man könnte auch sagen: er braucht eine Sekunde weniger als alle anderen. Vor dem Tor tut er das, was der Torhüter erst einen Moment später erwartet. Der Torwart denkt, da kommt noch ein Schritt, da muss noch ein Standbein für den Schuss auftauchen, aber da kommt nichts mehr. Der Ball liegt schon im Tor.

Wenige Spieler beherrschen es, auf diese Weise den Bewegungsablauf des Torwarts zu beherrschen: wenn der Keeper vor dem Schuss noch einen Schritt vom Angreifer erwartet, versucht er sich noch einen Meter noch vorne zu schieben, um den Winkel enger zu machen, und den Körper erst dann zu öffnen. Genau in diese Vorwärtsbewegung schob Özil einige Male den Ball, und der Keeper war chancenlos.

Beim Tor gegen Bochum schien es keinen Winkel mehr zu geben, den Özil noch hätte nutzen können. Daher hat er Heerwagen im Glauben gelassen, er könnte noch einen Schritt auf ihn zu machen. Als Özil laut Heerwagens Zeitablauf hätte schießen sollen, lag der Ball schon im Tor – als ob er ein Bein weniger hatte, und deswegen auf den letzten Schritt verzichten konnte.

Wer bei uns unterschreibt, muss sein Leben lang in Werder-Bettwäsche schlafen, oder beim Abschied wenigstens eine fette Ablöse-Summe auf den Nachttisch legen. Das ist die Haltung der meisten Fans. Ich freue mich lieber, solange Fussballer wie Micoud, Diego und Özil bei uns sind – denn realistischer Weise bleiben solche Fußballer eben nur drei Jahre bei einem Verein wie Werder. Im Vergleich zu anderen Clubs muss man sagen: sogar drei Jahre.

Als Diego ging, war ich nicht enttäuscht. Weil ich kein Fan von Spielern bin, die den Ball lange halten. Es war offensichtlich, dass Diegos Abgang unser Spiel ändern, aber ihm auch neuen Fluss geben würde. Und weil Özil ja schon längst da war.

Alles Gute, Messi. Es war schön, Dir auf dem Platz zuzusehen.

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Werders Nachwuchskratzer

von Johan Petersen am 23. Februar 2010

Die Krise der letzten Wochen und Monate tat ohnehin schon weh, aber sie hat für mich auch einen grundsätzlichen Kratzer um so schmerzhafter gemacht: der Verein hinkt bei Erfolgen in der Nachwuchsarbeit anderen Bundesligisten weit hinterher. Bargfrede ist seit Hunt der erste Spieler, der den Sprung in die erste Mannschaft geschafft hat. Zur Erinnerung: Hunt hat in der Saison 2005/2006 sein erstes Bundesligaspiel gemacht.

Im Vergleich: Stuttgart hat in der gleichen Zeit fast eine ganze Bundesligamannschaft hervorgebracht, viele davon Nationalspieler. Nun ist Stuttgart in der Nachwuchsarbeit traditionell führend, aber es gibt viele andere Beispiele. Berlin, zum Beispiel. Gladbach hat zuletzt drei herausragende offensive Mittelfeldspieler in die Bundesliga gebracht (Baumjohann, Marin, Reus). Dortmund hat zur Zeit deswegen die jüngste/erfolgreichste Mannschaft, weil es neben einigen Zukäufen auch Spieler aus dem Verein geschafft haben. Bayern hat in dieser Saison mit Müller und Badstuber zwei Talente auf allerhöchstem Niveau aus dem Hut gezaubert.

Nichts dergleichen bei Werder. Das kann grob gesagt zwei Gründe haben – die Nachwuchsarbeit produziert nicht genügend Qualität, oder der Trainer baut lieber auf von woanders gekaufte Spieler.

Ich kann nicht genau einschätzen, was bei Werder der Fall ist (u.a. da ich die Amateure nie sehe). Schaaf hat zu Beginn seiner Bundesliga-Karriere Spieler eingebaut, die er schon von seiner Arbeit bei den Amateuren kannte (Stalteri, Tjikuzu). Danach kamen aber nur noch Borowski, Schulz, Hunt und Bargfrede. Vielleicht würde Dennis Diekmeier, an dem jetzt vermutlich die halbe Liga interessiert ist, heute noch bei uns spielen, wenn Schaaf in der letzten Saison nicht Fritz eine miserable Hinrunde gewährt hätte. Mit Kruse bei St. Pauli gibt es einen weiteren Spieler, den man heute gerne in unserem Profi-Kader sehen würde.

Nun hat Werder — im Unterschied zu einigen der oben genannten Vereine — zuletzt fünf Jahre lang Champions League gekickt und um die Meisterschaft mitgespielt. Auf dem Niveau, wenn es in jedem Spiel um alles geht, kann man schlechter Talente einbauen, als wenn man so lange im Mittelfeld herum dümpelt, dass das Umfeld mit wenig zufrieden ist (siehe Dortmund). Ein Rolfes konnte sich in der Saison 2004/2005 eben nicht durchsetzen, weil mit Baumann, Ernst und Borowski die Qualität einer Meistermannschaft zu groß war.

Das gilt aber seit der letzten Saison nicht mehr. Die vergangene Rückrunde oder die Krise vor der Winterpause wären ideal gewesen, um Nachwuchskräfte einzubauen. Entweder Schaaf wollte nicht, oder es war nichts da. (Er setzt Nachwuchsspieler dann ein, wenn es viele Verletzte gibt, so wie Ayik gegen Bayer.)

Werder hat in den letzten Jahren sehr junge, aber fertig ausgebildete Spieler wie Boenisch, Marin und Özil von außen zugekauft. Wenn es dann noch zwei oder drei Nachwuchsspieler in der Mannschaft gibt, gibt es zu wenige erfahrene Spieler. Der Kauf von Özil und Marin ist aber andererseits auch das Ergebnis davon, dass von den Amateuren keine Spieler auf diesem Niveau nachkommen. Wenn sie es in den Kader schaffen, bekommen sie fast keine Einsatzchancen. 

Vielleicht schafft Ayik es ja, so wie Bargfrede. Man träumt von einem Bundesligastürmer aus den eigenen Reihen. Vielleicht ist Marko Futacs, der mit seinen 1,96 eine erstaunlich gute Ballbehandlung hat, ein neuer Frank Neubarth?

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Unsere Zweitligastürmer (II)

von Johan Petersen am 20. Februar 2010

Vor der nächsten Saison gibt es bei Werder wohl am meisten Gedrängel in der zweiten und dritten Sturmreihe. Hinter der ersten Reihe — Pizarro, Marin und Almeida — kämpfen mit Rosenberg, Wagner, Harnik, Mosquera, Oehrl und Schindler sechs Spieler um zwei oder drei Plätze. Fünf davon spielen gerade in der zweiten Liga oder haben bis zuletzt dort gespielt (Wagner).

Harnik überzeugte immer schon mit seiner Schnelligkeit und Dribbelstärke – jetzt schießt er auch Tore: elf Treffer und drei Vorlagen in 19 Zweitligaspielen. Auch Oehrl ist gestern Abend mit einem Tor und zwei Vorlagen in der zweiten Liga angekommen. Mosquera hat nach der starken Vorrunde dieses Jahr noch nicht getroffen. Schindler hat diese Saison weder in Augsburg noch in Duisburg auf sich aufmerksam gemacht.

Vom restlichen Verlauf der Saison wird wohl abhängen, ob Werder im Sommer im Sturm den großen Wurf versucht, oder darauf setzt, dass sich aus dieser langen zweiten Reihe schnell jemand zu einem Bundesligastürmer entwickelt, der 15 Tore garantiert. Dann könnte man mehr Geld für einen defensiven Mittelfeldspieler ausgeben, oder für einen Kracher für die Abwehr, um eventuell Mertesacker oder Naldo zu ersetzen.

Ich gehe eigentlich davon aus, dass Rosenberg nicht länger auf der Bank sitzen will, und sich etwas anderes sucht. Damit bleiben drei Plätze, und meine Favoriten sind Harnik, Wagner und Mosquera. Oehrl ist mit 24 schon kein Talent mehr, und Schindler hat für mich zuviel Defizit in der Ballbehandlung.

Hoffentlich gibt Schaaf Harnik noch einmal eine Chance. Er wäre ideal als spielstarker, beweglicher Stürmer um Pizarro oder Almeida herum. Mosquera hat neben seiner Schnelligkeit von allen die beste Technik. Favorit wird wohl Sandro Wagner sein. Beidfüßige Schusstechnik, passable Schnelligkeit, und mit 1,94 Meter Körpergröße hoffentlich kopfballstark. Er dürfte sich auf jeden Fall als Bundesligastürmer etablieren, die Frage ist nur, ob es zu der Sorte Topstürmer reicht, die wir in der nächsten Saison unbedingt als zweiten Mann neben Pizarro brauchen.

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Die Zöpfe von Thomas Schaaf

von Johan Petersen am 5. Februar 2010

Der neunte September 2001 war der vielleicht wichtigste Tag in der Trainerkarriere von Thomas Schaaf. Nach einem schwachen Saisonstart stand Werder im Keller. Schaaf hat kurzerhand die beiden größten Werder-Ikonen der 90er Jahre, Eilts und Herzog auf die Bank gesetzt, einen jungen Mann von der rechten Seite vor die Abwehr befördert, und Banovic zum neuen Regisseur gemacht. Er hat die Probleme analysiert, und auf dem Platz gehandelt. Am Ende wurde Werder sechster, UEFA-Pokal.

“Ich musste etwas ändern,” hat Schaaf damals in etwa gesagt, hat mit seiner trockenen Art, mit diesen einfachen Worten einen gewaltigen Umbruch in der ersten Elf beschrieben.

Nach fünf Niederlagen in Folge, sieben sieglosen Spielen, ist Werder wieder in der Krise. Es ist jetzt die Aufgabe von Schaaf, die Lage zu analysieren und auf dem Platz zu handeln.

Für mich ist Torsten Frings eine wesentliche Ursache der Talfahrt. Vor seiner Verletzung im Herbst war er in guter Form, aber seitdem ist er ein Sechser, der den Ansprüchen von Werder nicht mehr genügt. Er gewinnt wenig Bälle, kommt spät in die Zweikämpfe und leistet sich viele einfache Ballverluste. Seine An- und Mitnahme läuft wie im Lehrbuch immer zum Mittelfeld hin ab – man sieht ihm an, dass er den Schaafschen Spielaufbau in den Füßen hat, aber die Umsetzung ist langsam, er hält viele Bälle zu lange. Oft steht er falsch, wie vor dem 0:1 gegen Schalke. (Das liegt allerdings manchmal auch daran, dass die Flügelspieler der Raute nicht genug helfen. Der Sechser kann den Außenverteidigern nicht gegen gegnerische Flügelspieler helfen, er muss das Zentrum halten, den Raum vor den Innenverteidigern sichern.)

Schaaf und Allofs sind der Meinung, Frings sollte nach Südafrika fahren. Hoffentlich sagen sie das, um sich öffentlich vor ihren Kapitän zu stellen.  Wenn sie tatsächlich dieser Meinung sind, zeugt das von einem bedenklichen Realitätsverlust. Dann sollte man ihnen schnellstens ein Band mit den Leistungen von Khedira und den neuen Qualitäten von Schweinsteiger schicken. Die spielen auch vor der Abwehr, aber in einer anderen Liga.

In Werders Spielsystem, das sich vor allem über eine oft sehr hochstehende Viererkette definiert, ist ein überdurchschnittlicher Sechser aber unabdingbar. Wenn die Viererkette kurz hinter der Mittellinie steht, muss der Raum unmittelbar vor der Abwehr beherrscht werden, damit der Gegner keine kontrollierten Flachpässe in die Tiefe spielen kann, und lange Bälle nicht per Kopf durch die Innenverteidiger in den Lauf eines Stürmers verlängert werden können.

Deswegen war der wahre Verlust im vergangenen Sommer der Abschied von Frank Baumann, nicht der Abgang von Diego. Diesen Verlust hat der Kader nicht kompensieren können.

Alte Zöpfe soll man abschneiden, und daher sollte sich Werder im Sommer von Frings trennen und sich jetzt nach einem Nachfolger umschauen. Im eigenen Verein und auf dem Transfermarkt. Wenn sich die jetzige Lage nicht ändert, sollte Schaaf Frings sogar vorher schon auf die Bank setzen. Wobei es leider aus anderen Gründen keine echte Alternative gibt.

Aber kann Schaaf das? Frings ist sein Kapitän, wegen ihm ist er nicht nach Juve gegangen, sondern bei Werder geblieben. Das Verhältnis der beiden soll über die Jahre sehr eng geworden sein. Kann Schaaf noch wie als junger Trainer einen verdienten Spieler, einen echten Werderaner, einen Kapitän auf die Bank setzen? Kann er sich noch verändern?

Der Adjutant, den Schaaf damals im September vom Flügel ins Zentrum versetzt hat, und damit das Denkmal Dieter Eilts vom Sockel geholt hat, hieß Torsten Frings.

Ich gehe jetzt zu meinem Kleiderschrank, ziehe mir ein Frings-Trikot an, hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank und hoffe vor dem Fernseher, das alles irgendwie besser wird. Dass Schaaf sich noch ändern kann.

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Talente-Romantik bei Werder?

von Johan Petersen am 28. Dezember 2009

In einem langen Interview, das Klopp über die Weihnachtstage der SZ gegeben hat, war auch folgendes über Kevin-Prince Boateng und den BVB zu lesen:

“Nein, es geht ums Fußballerische: Es wäre ein Projekt gewesen, ihm die sogenannte Positionstechnik beizubringen. Ihm zu sagen: Spiel ganz einfach, spiel nicht mit dem Außenrist, bevor es nicht 4:0 für uns steht. Ich beneide Uli Hoeneß, wenn er über einen Timoschtschuk sagen kann: Der braucht noch Zeit, lasst ihn sich entwickeln. Bei elf Millionen Ablöse! Wir können uns solche Projekte leider im Moment nicht leisten. Bei uns muss jeder, der eine Ablöse kostet, auch ein Volltreffer sein.”

Da denkt man als erstes an Werder, und unser Image, dass Talente bei uns die Zeit haben, sich zu entwickeln. Ist das wirklich so? Ich glaube nicht, dass es in unserem Kader romantischer zugeht als anderswo. Sicherlich auch Realität im Fall von Hunt, aber ansonsten scheint die Durchlässigkeit in den Profikader bei uns geringer zu sein als in Berlin, Hamburg, Stuttgart oder da, wo Magath gerade werkelt. Zumal wir in den letzten Jahren CL-Verein waren.

Wir brauchen in der Rückrunde Punkte, wenn wir da wieder hin wollen. Man denkt also an Marin, der noch einen langen Weg vor sich hat, von einem Dribbel-Talent zu einem vielseitigen und effektiven Offensivspieler. Da er so teuer war, wird er sicherlich viel Zeit bekommen, und er spielt ja auch erst ein halbes Jahr bei einem Verein, der Titel holen will.

(Man denkt an Sammer, der nur den Hamburger Boateng mag. Beim DFB wird man es noch bereuen, dass der andere bald für Ghana spielt.)

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Rückrunden-Lehren aus Bilbao?

von Johan Petersen am 18. Dezember 2009

Die erste Halbzeit gegen Bilbao war so gut, dass man sich fragt: warum eigentlich?

Reden wir also über einen, der nicht dabei war. Über Marin. Nicht über den Spieler, dessen individuelle Klasse unbestritten ist, sondern über den Spielertypen Marin und seine Rolle als Angreifer im Spielsystem von Werder.

Wenn Marin spielt, folgen erfolgreiche Angriffe über ihn vor allem einem von zwei Mustern: er wartet an der Außenlinie auf den Ball, zieht an ein oder zwei Gegenspielern in die Mitte und setzt die zweite Spitze oder einen aufgerückten Mittelfeldspieler ein. Variante zwei: er lässt sich im Zentrum fallen, wird kurz angespielt, bindet Angreifer und legt den Ball auf den Flügel.

Ich habe das Gefühl, dass Werder bei zwei klassischen Stürmern früher im Spielzug mehr Möglichkeiten hat. Wenn Marin auf dem Flügel wartet, kann er erst in einem späteren Stadium des Angriffs angespielt werden, weil der Ball erst quer gespielt werden muss. Außerdem hängt der gesamte Angriff davon ab, dass er sich auch durchsetzt und zur Flanke kommt.

Ohne Marin hat Werder im Zentrum mehr Anspielstationen (das schnelle, vertikale Spiel in die Spitze ist die große Stärke fast aller unserer Mittelfeldspieler), und kann obendrein auch lange Bälle spielen, die ein Stürmer erlaufen (Rosenberg, Almeida) oder auf den anderen ablegen (Pizarro, Almeida) kann.

Gegen Bilbao stimmte das so wichtige Kontinuum zwischen Mittelfeld und Angriff wieder: beide griffen ineinander. In einigen Spielen zuvor wurde im Mittelfeld fleißig kombiniert, aber der Übergang ins letzte Spielfeldrittel gelang nicht – deswegen hatten wir gegen Köln keine einzige klare Torchance. Am Mittwoch hatte der Spielfluss von Jensen, Borowski und Özil ein Ziel, wurde durch ein Becken geleitet und landete dann unweigerlich bei Rosenberg und Pizarro.

Quasi in der gesamten Hinrunde hatte Schaaf immer nur einen Stürmer von Format zur Verfügung. Almeida, Pizarro und Rosenberg waren abwechselnd verletzt, letzterer dazu noch völlig außer Form. Insofern war Marin im Sturm die beste der zur Verfügung stehenden Lösungen, auch wenn er im drittbesten Sturm der Liga nur zwei Tore geschossen und drei vorbereitet hat.

Jetzt sind aber alle drei wieder fit. Gerade Pizarro läßt sich auch fallen, nimmt wie Marin am Kombinationsspiel teil (verliert weniger Bälle). Er deckt also Marins spielerische Rolle als Bindeglied zwischen Sturm und Mittelfeld ab, und dann hat man oben drauf noch einen zweiten, echten Stürmer und kann damit viel variabler spielen, anstatt Pizarro auf den Torabschluss im Strafraum zu beschränken.

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Unsere Zweitligastürmer

von Johan Petersen am 30. Oktober 2009

In dieser Saison hat Werder Stürmer nicht nur in der ersten, sondern auch der zweiten Liga am Start. Martin Harnik in Düsseldorf und John Jairo Mosquera bei Union Berlin. Beide scheinen in guter Form zu sein: Harnik drei Tore und zwei Assists in sieben Spielen, Mosquera sechs Tore und drei Assists in elf Spielen.

Bei Harnik habe ich nicht das Gefühl, dass er sich unter Schaaf je durchsetzen wird. Dem scheinen die Trainingsleistungen nicht zu genügen. Ich habe ihn in der zweiten Liga im Düsseldorfer 4-4-2 (ich vermute) nicht gesehen, aber auf mich wirkte er immer wie ein hervorragender Flügelstürmer, der fast immer durchs 1 gegen 1 kommt. Einen, den man bei Rückstand als dritten Stürmer bringt, damit er auf dem Flügel für Freistöße und Flanken sorgt.

Anders bei Mosquera. Wenn der weiter so trifft, könnte ich mir den in der nächsten Saison sehr gut im Kader vorstellen

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