von Johan Petersen am 20. Februar 2010
Das Zusammenspiel aus mannschaftlichen und individuellen Faktoren ist für mich vielleicht das Schönste am Fußball – man trainiert die Gruppe so, dass sie ganze Lehrbücher auf dem Platz umsetzt, aber wenn einer patzt, war alles umsonst. (Oft müssen zwei patzen, denn Mannschaftstaktik hat ja gerade zum Ziel, dass die Fehler einzelner vom Kollektiv ausgeglichen werden.) Oder der Gegner hat einen so genialen Spieler, dass er durch zwei Spieler durchkommt, und dann einen nicht vorher zu sehenden Pass spielt.
Überzahlspiel ist der heilige Gral im Fußball – den wollen alle haben. Da aber sowohl die angreifende als auch die verteidigende Mannschaft dahinter her sind, kann zu jedem Zeitpunkt im Spiel immer nur einer die Hände an diesem Pott haben.
In dieser Situation hat ihn Werder fest im Griff, trotzdem schießt Enschede ein Tor.
Ausgangssituation: Werder spielt auf engstem Raum mit sechs Spielern gegen den ballführenden Spieler (weißes Rechteck). Fast wie im Lehrbuch – allerdings läßt sich Özil (11) angesichts der bereits bestehenden Überzahl zu weit auf den Flügel ziehen und die Kette steht vielleicht zu tief (weiße Pfeile), und hat daher keinen Zugriff, als der spätere Schütze zu seinem Solo ansetzt. Vor allem kann sich der Gegner mit einem Pass zurück in die Abwehr befreien. Gerade Marin (10) und Frings (22) , dessen Grätsche weder zu Ballbesitz noch Spielunterbrechung führt, sind nicht agressiv genug.

Der Spielzug: Der Schütze kann über den ganzen Platz laufen, weil Werder komplett auf den linken Flügel verschoben war. Die Kette weicht zurück, bis es zu spät ist. Sie hätte auch stehen bleiben können, um den Schützen zu verlangsamen, und die anderen Stürmer ins Abseits zu stellen.

(Ich würde dieses Tor übrigens nicht Özil ankreiden, wie woanders zu lesen war. Zwar läuft er dem Torschützen vierzig Meter hinter her, aber der Vorsprung war realistischer Weise nicht aufzuholen. Eher hätte Mertesacker (29) den Schützen früher stellen können, um Özil mehr Zeit zu geben.)
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Gegentreffer
von Johan Petersen am 13. Februar 2010
Außenverteidiger müssen viele Dinge auf einmal im Auge behalten. Den Gegenspieler auf der einen Seite, den Abstand zum Mitspieler auf der anderen Seite, und dann auch noch den Ball irgendwo vor sich. Ein anspruchsvoller Job.
Um fehlerfrei durch dieses Gestrüpp aus Anforderungen zu kommen, muss der Spieler die richtige Antwort auf wieder kehrende Spielsituationen schon kennen, wenn sie auftauchen. Ein Grundprinzip: spielt der Gegenspieler (8) im 1 gegen 1 den Ball nach innen, muss sich der Verteidiger (2) sofort in den Raum hinter ihm fallen lassen, um bei einem Doppelpass den Ball abzulaufen oder zumindest den Laufweg seines Gegenspielers zu antizipieren. Also nicht dem Ball hinterher in die Mitte gehen (rotes Kreuz):

Unter van Gaal basiert die Spieleröffnung der Bayern oft darauf, dass der Gegner durch eine Ballstafette zwischen den Verteidigern und einem der Sechser auf eine Seite gelockt wird. Der Ball wird dann bei Überspielen eines Innenverteidigers auf einen hoch stehenden Außenverteidiger (2) auf der anderen Seite geschlagen. Der Nachteil: wenn der Ball nicht präzise in den Lauf gespielt wird bzw. der Spieler einen Moment braucht, um den hohen oder halbhohen Ball zu verarbeiten, kann der Gegner den Außenverteidiger oft stellen, bevor er den freien Raum nutzen kann.

Über rechts sind die Bayern dann brandgefährlich, wenn van Buyten (3) im Spielaufbau Lahm (2) überspielt, indem er den Ball direkt auf Robben (11) passt. Der dribbelt dann nach Innen, bindet einen oder zwei Gegenspieler, während Lahm hinter ihm in den dadurch frei werdenden Raum auf dem Flügel sprintet. Verdammt schwer für die Verteidiger, alle drei Optionen Robbens abzudecken: (1) eigenes Dribbling in Richtung Tor, (2) Flanke aus dem Halbfeld auf Gomez, (3) Pass auf Lahm.

Der Führungstreffer gegen Werder war eine sehr schöne Variante dieses Spielzugs, ermöglicht auch durch typische Unzulänglichkeiten in Werders Defensive während der Krise.
Robben (7) dribbelt nach Innen, Abdennour (16) folgt ihm und entblößt damit den Raum hinter sich. Ihm bleibt aber nicht viel anderes üblich, denn er muss eine mögliche Halbfeldflanke verhindern, die Robben oft schlägt. Das Problem ist: es dauert zu lange, bis der nächste Spieler Zugriff auf Robben bekommt (rote Fläche). Das ist in diesem Fall Frings (22), der dazu seine Position vor der Abwehr verlassen muss. Hunt (14), dessen Aufgabe dies eigentlich wäre, ist zu weit aufgerückt .

Als Frings Robben stellt, spielt dieser einen Querpass auf den aufgerückten van Bommel (6), der den Ball direkt durch eine Gasse zwischen Frings und Naldo (4) auf den durch gestarteten Lahm spielt. Keiner dieser Pässe kann verhindert werden, auch Özil (11) kann van Bommel nicht stören. Lahm befindet sich mit Ball im Rücken der Viererkette, und damit ist der Rest Formsache: Querpass auf Olic (9), der aus wenigen Metern einnetzt.

Werder wurde von den Bayern teilweise vorgeführt, weil Schaaf in einer tiefen Krise der eigenen Mannschaft gegen einen sehr spielstarken Gegner trotzdem volles Risiko gegangen ist, mit offensiv besetzter Raute und hoch stehender Kette.
Mittlerweile läßt er eher mit zwei Sechsern spielen (Frings, Niemeyer). Das hätte hier das Tor vielleicht verhindert, weil ein Sechser, der nicht aus dem Zentrum kommen muss, Robben schneller gestellt hätte. Er befindet sich ja bereits auf der Halbposition. Dann hätte der Außenverteidiger außen bleiben können, und der Sechser hätte vermutlich auch den Passweg von van Bommel auf Lahm zugestellt.
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Gegentreffer,
Theorie
von Johan Petersen am 16. Dezember 2009
Ein typischer Werder-Gegentreffer: Die Kette steht im Nirgendwo, und keiner weiß, warum. Zwei Minuten nach der Pause in einem Heimspiel gegen einen abgezockten Gegner, den man bisher absolut im Griff hatte.
Die Ausgangslage: Wenn man so hoch steht, sollte der Kontakt zum Mittelfeld sehr eng sein. Hier aber nicht der Fall, wie die weiße Fläche darstellt – Frings (22) steht als 6er nicht zentral, sondern sehr weit rechts. Vielleicht, weil der rechte Rautenspieler zu weit aufgerückt ist. Der Raum ist auch deswegen verwaist, weil Naldo (4) und Mertesacker (29) keinen Kontakt zueinander haben. Holtby (7) spielt einen schönen aber simplen Doppelpass, den Frings nicht unterbinden kann und ihn noch weiter raus zieht.

Der Torabschluss: Ein ballführender Spieler (7) unbedrängt im Raum unmittelbar vor der Kette – das müsste eigentlich das Signal sein, dass alle vier Abwehrspieler agressiv einige Meter nach vorne gehen, um zu retten, was noch zu retten ist. Passiert leider nicht. Holtby spaziert durch besagten Raum, spielt einen tollen Ball durch die Kette, den Kuranyi (11) gerade noch vor Wiese (1) erwischt.

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Gegentreffer
von Johan Petersen am 30. November 2009
Dzeko ist ein Weltklassestürmer. Dass er am Samstag zwei Hütten gemacht hat, war trotzdem unnötig.
Die Ausgangslage: Werder steht geordnet. Allerdings fehlt ein Spieler hinter dem Ball und der Abstand zwischen Mittelfeld und Sturm ist zu groß – unmittelbar vor dem eröffnenden Pass der Wolfsburger gewinnt Frings (22) den Ball, doch Rosenberg (9) steht zu weit weg/schaltet zu spät, so dass der Ball gleich wieder weg ist (hier nicht dargestellt).
Wolfsburg mit einem Querspass auf die Halbposition (2), einem weiteren auf den Flügel (3). Es folgt ein klassisches Überlaufen der beiden Spieler.

Der Torabschluss: Werder verschiebt sich zum Ball. Vermutlich nicht aggressiv genug, denn die beiden Spieler auf dem Flügel haben viel Zeit, um sich zu überlegen, was sie als nächstes machen. Der entscheidende Lapsus aber unterläuft Naldo (4), der genau vor dem Pass unmotiviert einige Schritte nach vorne macht, obwohl er weder den Ball noch einen Gegenspieler in seiner Zone hat. Er steht sogar noch höher als Boenisch (2), in dessen Zone sich der Ball befindet.
Die weiße gestrichelte Linie wäre so etwas wie die ideale Stellung der Kette gewesen, die schwarze gepunktete ist die Abweichung, durch die der Pass geht.

Vielleicht hätte Mertesacker (29) Pass und Antritt von Dzeko (9) besser antipizieren können, aber da war es letztlich schon zu spät. Naldo hat sowohl Pass- als auch Laufweg angeboten, und Wolfsburg hatte die Klasse, das zu erkennen und eiskalt auszunutzen.
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Gegentreffer
von Johan Petersen am 30. Oktober 2009
Gegentreffer sind im Moment so selten, vor allem in der Liga, dass sie zu einem kostbaren Analysegegenstand geworden sind. Also lassen wir uns das 1:0 von Bochum lieber nicht entgehen.
Für mich ein Tor, bei dem man eher den Gegner loben sollte als Fehler in der eigenen Abwehr suchen. Nach dem Ballverlust im Mittelfeld — der allerdings haarsträubend war –, müsste Werder energischer umschalten, aber Bochum macht das klasse: spielt einige direkte, präzise Pässe (darunter kein Querpass), die sich nicht unterbinden lassen, bevor der Ball lang auf einen Stürmer gespielt wird, der die hochstehende Kette überläuft.
Die Ausgangslage: Ballverlust im Mittelfeld.

Der Spielzug: Der Schaafschen Doktrin entsprechend bleibt die Viererkette stehen und läßt sich nicht vor den Strafraum fallen (gestrichelte Linie). Sie muss sich in einem Bruchteil entscheiden, ob sie einen Schritt nach vorne geht, oder den Laufweg des Stürmers (11) aufnimmt, indem sie sich fallen läßt. Stehen bleiben reicht nicht, weil Sestak zu schnell ist. Hunt (14) könnte den finalen Passgeber energischer stören, in diesem Moment kam Werder einem erfolgreichen Stören des Gegners am nächsten.

Der Torabschluss: Eine hochstehende Viererkette funktioniert nur dann, wenn aus dem Raum unmittelbar vor ihr (weiße Fläche) keine kontrollierten Pässe in die Spitze gespielt werden können. Sestak läuft zwischen Boenisch (2) (dem die Sicht auf den Passgeber verstellt zu sein scheint, so dass er die Situation schlecht antipiziert) und Naldo (4) durch die Kette, nimmt den Ball gut mit und trifft vor Wiese die richtige Entscheidung.

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Gegentreffer