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Deutschland

Gegen England: Stellt Capello wegen Özil um?

von Johan Petersen am 25. Juni 2010

Leider liegt noch ein ganzes Wochenende zwischen uns und dem Spiel. Immerhin ist damit Zeit, sich mit einer kleinen Auswertung unserer Vorrunde gründlicher als sonst auf das Spiel vorzubereiten.

Die bisherigen Spiele haben gezeigt, dass man gegen uns am besten in einem 4-1-4-1 spielt.

Am wichtigsten ist, dass Özil keinen Raum zwischen den 6ern und den Innenverteidigern bekommt. Wie hier dargestellt, spielt also der zentrale 6er (6) immer zwischen Özil und dem eigenen Tor. Zwei weitere zentrale Mittelfeldspieler (8) (7) pressen gegen Schweinsteiger und Khedira. Eine Spitze (9) pendelt zwischen Mertesacker und Friedrich, während die Flügelspieler (10) (11) die schwierigere Aufgabe haben, sowohl unsere Außenverteidiger (Lahm eher als Badstuber, Boateng etc.) als auch Podolski bzw. Müller unter Druck zu setzen – und sie müssen die Passwege zwischen den Innenverteidigern und unseren Flügelspielern zustellen.

Denn die Schwachstelle hier ist, dass Müller und Podolski nur schwer unmittelbar zu decken sind (weiße Flächen). Es geht darum, zügig und geschlossen auf den jeweiligen Flügel zu verschieben, bevor der Ball dort ankommt.

Deutschland kann zwei Mittel dagegen setzen. Eine Spieleröffnung über die drei zentralen Mittelfeldspieler mit vertikalen Flachpässen (schwarze Pfeile). Denn je länger der Ball im Zentrum bleibt, desto später weiß der Gegner, auf welchen Flügel er verschieben muss. Pässe vom Innenverteidiger auf den Außenverteidiger sind also tabu. (Für mich das Geheimnis von Werders spielerischer Qualität unter Thomas Schaaf, aber man braucht dazu auch die Spieler, die den Ball unter Druck zum Spielfeld hin mitnehmen können.)

Dazu kann Özil auf den jeweiligen Flügel kommen, um Überzahl herzustellen.

Die zweite Möglichkeit: den Gegner durch Querpässe bis hin zum Außenverteidiger auf eine Seite locken, und dann mit langen Bällen blitzschnell das Spiel verlagern. Gegen Ghana hat das überhaupt nicht funktioniert, und es ist auch prinzipiell die schlechtere Alternative (weißer Pfeil).

Ein 4-2-3-1 funktioniert ähnlich gut, wobei einer der beiden 6er relativ tief stehen muss, und dazu die Abstimmung zwischen beiden sehr gut sein muss.

Ein klassisches 4-4-2 hingegen  – wie England es spielt – hat Probleme gegen unser 4-2-3-1, weil es unseren drei zentralen Mittelfeldspielern nur zwei entgegen setzt.

Dabei hat den Engländern die Rückkehr von Barry bereits gut getan, weil die Abstimmung zwischen Gerrard und Lampard im ersten Spiel gegen die USA nicht funktioniert hat. Aber wenn Capello nicht umstellt, könnte Özil die Freiräume haben, die uns die Viertelfinale bringen (weiße Fläche):

Die Abwehr um Terry im Verbund mit den defensiven Mittelfeldspielern ist die Schwachstelle. Wir sollten sie mit unserem flexiblen Angriffsspiel immer wieder durchbrechen können. Rooney ist im letzten Spiel der Vorrunde gegen Slowenien aufgetaut ist und hatte einige gute Ideen – hoffentlich steigert sich Mertesacker und verbessert das Zusammenspiel mit Lahm.

Kroos für Schweinsteiger ist eine große Schwächung. Ich erwarte, dass Khedira die tiefere Rolle von Schweinsteiger übernimmt, und Kroos stattdessen ab und zu mit aufrückt. Kroos hat ohne Frage die spielerischen Qualitäten für diese Position, aber diese Vorstöße erfordern gute Abstimmung und viel Erfahrung, zumal er mit Lampard auf einen Top-Spieler und alten Hasen trifft. Wenn ich mich nicht täusche ,hat er diese Position im Verein noch nie gespielt. Immerhin bringt er hoffentlich bessere Standards mit sich.

Vorne erwarte ich Klose anstelle von Cacau. Er verschafft Özil mehr Platz, u.a. weil man ihn auch über die Viererkette hinweg anspielen kann – eine wichtige Option, wenn der Gegner wie oben beschrieben unseren Spielaufbau lahm legt. Gegen Ghana stand sie nicht zur Verfügung. Außerdem kann man mit Klose überraschende Flanken aus dem Halbfeld schlagen, die wie gegen Australien fast aus dem Nichts zu Toren führen.

Wer hinten links spielt, spielt diesen beiden Veränderungen gegenüber eine weniger große Rolle – wobei Milner wie gesehen gute Flanken schlagen kann.

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Ghana vs Deutschland

von Johan Petersen am 23. Juni 2010

Die Revolution des Joachim Löw hat sehr leise begonnen. Verborgen hinter dem Hans-Dampf-In-Allen-Gassen Jürgen Klinsmann konnte er wirken, sie behutsam angehen. Man wolle nach vorne spielen, um den Heimvorteil auszunutzen, Euphorie zu entfachen und sich so bis ins Finale zu spielen. So fing es 2004 an.

Gegen Ghana ist sie nun zu Ende gegangen, und das mit einem lauten Knall. Die Nation, die die Spieler Horst Hrubesch und Kopfballungeheuer hervor gebracht hat, ist vermutlich zum ersten Mal in ihrer WM-Geschichte ohne einen klassischen, kopfballstarken Stürmer angetreten.

Damit hat sich Löw komplett für das spanische Modell entschieden. Vier flexible, spielstarke Offensivspieler sollen die gegnerische Viererkette mit schnellem Lauf- und Passspiel auseinander nehmen (nur dass Podolski und Müller strikter ihre Seiten halten).

Ich habe nichts gegen Revolutionen, und schon gar nichts gegen eine Modernisierung, wie sie Löw der deutschen Nationalmannschaft verordnet hat. Aber aus zwei Gründen hätte ich eher mit Gomez begonnen als mit Cacau.

Die Viererkette Ghanas stand durchweg sehr hoch, meistens zwanzig Meter hinter der Mittellinie. Trotzdem kann ich mich im gesamten Spiel an keinen einzigen langen Ball erinnern, den wir über die Kette hinweg gespielt hätten. Cacau kommt entgegen, und bekommt Anspiele in den Fuß. Gomez hingegen explodiert und kann lange und steile Bälle erlaufen. Die Folge war, dass die ghanaischen Verteidiger sich permanent auf die Verteidigung nach vorne konzentrieren konnten, weil unser Angriffsspiel zu berechenbar war. Sie konnten sich darauf verlassen, dass der zentrale Stürmer kurz anttäuscht und dann mit einem langen Ball entwischt.

Ghana hat es wie Serbien gemacht: hoch stehen, in der Mitte unserer Hälfte attackieren und die Passwege auf Khedira und Schweinsteiger zu stellen. Dadurch entwickelte sich ein Spiel, das ich trotz des geringen Tempos wegen der engen Räume auf relativ hohem Niveau ansiedeln würde. Viele Mannschaften stehen deutlich tiefer.

Es gab allerdings in den ersten zehn bis fünfzehn Minuten ein Zeitfenster, durch das zu sehen war, dass Ghana solide und geordnet spielte, aber mit der nötigen Geduld zu überwinden war. Die hochstehende Abwehr war anfällig, wenn Deutschland es schaffte, zu den Flügeln durchzuspielen (wegen des erneut zu niedrigen Tempos in der Spieleröffnung natürlich zu selten). Das Fenster schloss sich, auch wegen unserer Nervosität, aber ich hatte nie wieder das Gefühl, wir würden nicht gewinnen – zumal Ghana in seiner Chancenverwertung da weiter gemacht hat, wo es gegen Serbien und Australien weiter gemacht hat. Sie schießen Tore eben nur durch Elfmeter.

Die Chance von Özil hätte das Spiel bereits entscheiden müssen – je mehr Zeit man vor dem Tor hat, desto eher gibt man alle Möglichkeiten aus der Hand und schiebt dem Torhüter am Ende den Ball in die Füße. Beim Tor konnte er nicht überlegen, und hat einfach geschossen.

Das Spiel überhaupt, aber vor allem die Minuten vor dem Tor waren wie eine Suche nach der Grenze zwischen Geduld und Fahrlässigkeit. Wie immer im Leben weiss man erst hinterher, wo man sich aufgehalten hat. Deutschland versuchte (ähnlich wie Werder) in der zweiten Halbzeit, in der sich Ghana zunächst weiter zurück zog, sich mit Doppelpässen in den Straufraum zu kombinieren, anstatt zielstrebiger und aus der Distanz den Abschluss zu suchen.

Sicherlich hatten wir in der Abwehr Probleme, aber ich konnte nichts erkennen, was strukturell Anlass zu Sorgen geben würde (unter anderem wegen der starken Leistung von Neuer). Mertesacker ist in dieser Form ohne Zweifel ein Problem, aber am ehesten unterstützte das Mittelfeld die Abwehr in wichtigen Momenten nicht ausreichend. Und Gyan bereitete uns vor die erwarteten Kopfschmerzen.

Zurück zu Gomez. Der zweite Grund, warum ich ihn aufgestellt hätte, sind unsere Standards, die Anlass zur größten Sorge geben. Es fehlten kopfballstarke Spieler auf dem Platz. Und ich würde Löw gerne Fragen, wie viele Stunden Standards er bisher hat trainieren lassen – es ist kaum etwas zu erkennen.

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Gegen Ghana: Das Turnier beginnt

von Johan Petersen am 21. Juni 2010

Eine WM beginnt – im Gegensatz zur EM, bei der man schon am ersten Spieltag potentielle Finalpaarungen sieht –traditionell erst mit dem Achtelfinale. In der Vorrunde sieht man ein bisschen Folklore, ein 8:0 gegen Saudi-Arabien, oder ein 7:0 gegen Nord-Korea – die Favoriten holen die Feinabstimmung nach, für die es im Training noch nicht gereicht hat.

In Südafrika ist es anders, und gegen Ghana beginnt unsere K.O.-Spiele eben eine Runde früher.

Ich hoffe, dass zunächst Gomez Klose ersetzt. Bei Cacau sehe ich die Gefahr, dass er sich zu oft neben Özil fallen lässt, und damit das Sturmzentrum im entscheidenden Moment nicht besetzt ist.

Das Kombinationsspiel über die linke Seite muss sich auch irgendwann verbessern, damit wir schwerer auszurechnen sind – bisher geht fast alles über rechts. Aber ich gehe davon aus, dass Löw an Badstuber festhält, und das ist auch akzeptabel.

Ghana ist ein in der Defensive kompaktes, und gut organisiertes Team – gegen das sich unsere spielstarke Offensive trotzdem durchsetzen müsste, vor allem wenn das Tempo des Passspiels im Mittelfeld wieder so hoch ist wie gegen Australien.

Vorne hatte Ghana gegen die Serben Probleme, sich im letzten Spielfelddrittel durchzusetzen und sich Chancen zu erspielen. Viele Flanken aus dem Halbfeld wurden vergeblich geschlagen. Ähnlich dann gegen zehn Australier.

Trotzdem wird Ghanas einzige Spitze Gyan unserer Innenverteidigung Probleme bereiten. Der ist in Top-Form. Sowohl die langen Pässe von Boateng als auch seine Vorstöße und Distanzschüsse aus der Tiefe sind gefährlich. Man sollte sich mit ihm als Fußballer beschäftigen, und er ist ein sehr guter. Mit Ayew und Tagoe verfügt Ghana auch über passable Flügelspieler.

Trotz unserer Jugend werden wir für eine K.O.-Situation bessere Nerven haben als Ghana (bei der gerade die Abwehr für individuelle Fehler anfällig ist) – das hat die gute Reaktion auf den Platzverweis gegen Serbien gezeigt.

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Deutschland vs Serbien

von Johan Petersen am 18. Juni 2010

Zum Schiedsrichter am Ende. Erst fassen wir uns an die eigene Nase – das lohnt sich.

Serbien hat die richtigen Schlüsse aus unserem Sieg gegen Australien gezogen, und mit Kuzmanovic einen sehr defensiven, zentralen Spieler aufgestellt. Zusammen mit Stankovic und Ninkovic störten drei Spieler unseren Spielaufbau, während Krasic und Jovanovic strikt die Flügel besetzt hielten. Pantelic spielte nicht, und Zigic war die einzige Spitze.

Bei diesem System hätte das Mittelfeld schnell überbrückt werden müssen, um Müller und Podolski einzusetzen, bevor diese offensiven Flügelspieler zurück eilen konnten. Aber, und das wäre meine Hauptkritik, das Tempo war sehr niedrig, unsere Spieleröffnung war zu schleppend. Es gelang uns nicht wie gegen Australien, das defensive Mittelfeld schnell zu überspielen.

Dabei stellte sich Serbien nicht hinten rein, sondern attackierte uns auch immer wieder tief in unserer Hälfte. Gelangten wir an den gegnerischen Strafraum, dann meistens weil sich bei unserem langsamen und geduldigen Aufbauspiel Serbien irgendwann zurück fallen ließ – nicht durch das überfallartige Passspiel, das gegen Australien begeistert hat. Kamen wir durch, schlug Müller schwache Flanken.

In diesem Sinne hat uns eine europäische, auf hohem taktischem Niveau spielende Mannschaft Grenzen aufgezeigt. Damit haben hoffentlich die letzten begriffen, dass sich Australien gegen uns die bisher taktisch schlechteste Leistung der WM geleistet hat (die wir mit unserer spielerischen Klasse sehr gut ausgenutzt haben).

Auch das Tor war klasse gemacht. Schon vor dem Platzverweis bekam Badstuber Krasic nicht in den Griff (klare Antwort auf die Frage aus dem Vorbericht). Bei einem Angriff über unsere rechte Seite wird sich jeder Stürmer auf den langen Pfosten fallen lassen, wo Lahm der vermutlich kleinste Verteidiger des Turniers ist: entweder der Stürmer gewinnt das Kopfballduell, oder er zieht einen Innenverteidiger aus dem Zentrum – in diesem Fall Mertesacker.

In der zweiten Halbzeit zeigte die Mannschaft eine tolle Reaktion. Das zeigte, dass wir ohne den Platzverweis wohl gewonnen hätten.

Aber: Lukas Podolski steht am Scheideweg seiner Karriere. Wenn er nur seine linke Klebe und seine Flügelläufe zu bieten hat, dann muss er vor dem Tor eiskalt sein, und das war er heute nicht. Bereits gegen Australien wurde er wegen zwei starker Szenen völlig überbewertet – er vollendet, aber er nimmt wenig am Spiel teil, er kreiert nicht.

Bei seinem Elfmeter fehlte ihm eindeutig das nötige Selbstbewusstsein – weil er in den Minuten zuvor zwei Riesen-Chancen vergeben hat. Dann sollte ein anderer Spieler schießen. Der vergebene Elfmeter hat uns das Genick gebrochen.

Löw hätte früher Marin bringen können, der wie kein anderer Fouls und gelbe Karten provoziert. Der linke serbische Außenverteidiger war auch früh verwarnt, dann auch beide Innenverteidiger.

Ich kann verstehen, dass er den nachlassenden Müller und nicht Podolski raus genommen hat, der sich immerhin Torchancen erarbeit hat. (Özil hingegen setzte bis zu seiner Auswechslung Akzente und hätte eher als Cacau weitere gelbe Karten provozieren können.)

In der letzten Viertelstunde brach auch die Ordnung zusammen – Podolski und Marin kamen über links, während der rechte Flügel erst besetzt wurde, wenn Lahm aufrückte.

Es ist ein Ziel guter Schiedsrichter, Platzverweise zu vermeiden – dann steht der Fußball im Mittelpunkt, elf gegen elf; dieses Ziel erreicht man unter anderem mit flexibler Spielführung.

Bei der WM hingegen war schon in den ersten Spielen offensichtlich, dass die Schiedsrichter in der ersten Halbzeit gelbe Karten für harmlose Fouls zeigten, und sich damit jeglichen Spielraum für härtere Fouls nahmen. Das ging gut, weil es bisher eine unheimlich faire WM ohne rüde Fouls ist (wie in jeder Vorrunde zu erwarten). Ob das in der K.O.-Runde mit engen Spielen funktioniert? Ich glaube nicht.

Undiano hat übertrieben. In der ersten Halbzeit gab es 14 Fouls, sieben davon wurden mit gelben Karten geahndet. Höchsten zwei wären es es wert gewesen (Lahm, Kolarov).

Der einzige, der das nicht mitbekommen hat, war die Trantüte Miroslav Klose. Ein Spieler mit seiner Erfahrung muss kapieren, wie der Schiedsrichter tickt, und sich zurück halten. Klose ist mir schon lange ein Rätsel – meine Erklärung: er ist nicht in Form, hat auch gegen Australien auf frappierende Weise Torchancen vergeben, und wollte sich über gewonnene Zweikämpfe und viel Einsatz Selbstbewusstsein erarbeiten. Das wirkte reichlich übermotiviert.

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Gegen Serbien: Antworten auf unsere Fragen?

von Johan Petersen am 18. Juni 2010

Nach dem Vorhersage-Desaster vom Auftaktspiel (Australien = unangenehmster Gegner) halte ich es dieses Mal akademisch.

Ich beschränke mich auf die Fragen, deren Antworten das Spiel gegen Serbien bringen könnte – nachdem sie das erste Spiel völlig offen gelassen hat – und die für unser Abschneiden im Turnier wegweisend sein werden.

Bei Ballbesitz haben wir gegen Australien alles gesehen, was wir wissen wollten. Bei gegnerischem Ballbesitz sind wir hingegen noch vollkommen ungetestet. Serbien muss gewinnen, und daher sollte das Spiel Aufschlüsse bringen.

Serbien wird viele lange Bälle einstreuen: wie gut ist also die Abstimmung zwischen den Innenverteidigern und den 6ern bei der Kontrolle zweiter Bälle? Zigic ist über zwei Meter groß, da werden Friedrich und Mertesacker nicht alle Duelle in der Luft gewinnen.

Wie sicher stehen wir bei Standards? Wie gut kommen Badstuber und Schweinsteiger gegen einen guten Flügelspieler wie Krasic klar, und wie diszipliniert hilft ihnen Podolski?

Wie effektiv stören Özil und Klose den Spielaufbau des Gegners? Spielen sie wieder auf einer Höhe, oder pendelt Klose alleine zwischen den beiden Innenverteidigern, und Özil stellt etwas tiefer die Aufbauspieler zu? Jemand sollte sich um Stankovic kümmern, vielleicht auch Kuzmanovic.

Wie tief steht die Viererkette in längeren Phasen gegnerischen Drucks, den Serbien eher aufbauen wird als Australien, und wie verhält sie sich bei plötzlichen Ballverlusten im Mittelfeld? Ich würde gerne wissen, mit welcher grundsätzlichen taktischen Maßgabe Löw während des Turniers spielen lässt. Je tiefer, desto einfacher für unsere nicht sehr schnellen und wendigen Innenverteidiger. Je höher, desto riskanter, da das Mittelfeld dann um jeden Preis kontrollierte Pässe durch die Schnittstellen der Kette vermeiden muss. Allerdings auch ertragsreicher, weil man bei Ballgewinnen näher am gegnerischen Tor ist.

Was zurück zur Frage führt, wo Özil gegen den Ball spielt. Im Pokalfinale  hat er ebenfalls quasi als Spitze agiert, während Werder sehr tief stand. Bei Ballgewinnen im eigenen Spielfeld-Drittel stand er dann zu hoch, um sofort kurz anspielbar zu sein und mit seiner Ball- und Passsicherheit für Entlastung zu sorgen und eventuell sofort die Spitze oder die Flügel einzusetzen.

Die roten Pfeile zeigen, dass je nachdem, was Löw in diese beiden Variablen einsetzt, die Distanz zwischen der Stelle, an der wir den Ball erobern und Özils Position, doppelt so lang sein kann:

 

Ansonsten glaube ich, dass mit Ghana der schwerste Gegner erst am Ende kommt. Daher müssen wir uns weitere Fragen noch aufsparen: wie gut verteidigen wir gegen schnelles und variables Passspiel, das uns spätestens im Viertelfinale gegen Argentinien erwartet?

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Deutschland vs Australien

von Johan Petersen am 13. Juni 2010

Beim Auftaktspiel ging es um zwei Dinge. Drei Punkte zu holen, und Miroslav Klose in Form zu bekommen. Ersteres ging überraschend einfach, bei letzterem hat es gehapert. Er macht physisch in der Tat einen sehr viel besseren Eindruck, aber Kaltschnäuzigkeit und Selbstvertrauen sind noch nicht wieder da. Gerade im 1 gegen 1 gegen den Torhüter schließt er schwach und zu schnell ab. Neben seinem Tor hatte er drei weitere Großchancen, von denen er in einem Viertelfinale nur noch eine bekommt. Die muss dann rein.

Deutschland hat im Grunde mit zwei Systemen gespielt. Bei gegnerischem Ballbesitz spielten Klose und Özil auf einer Höhe, um die Passwege der gegnerischen Verteidiger zu verstellen. Dahinter eine Viererkette aus den übrigen Mittelfeldspielern (in weiß dargestellt). Ein sehr strukturieres, einfach zu spielendes System, für das Australien allerdings zu keinem Zeitpunkt eine Herausforderung war.

Bei eigenem Ballbesitz (in schwarz dargestellt) sah man das erwartete 4-2-3-1. Dabei spielte Schweinsteiger tiefer, stellte damit die wichtige Staffelung zu Khedira her und diente als erste Passstation für die Innenverteidiger. Auch Khedira war anspielbar, stellte aber durch seine höhere Position bereits Verbindung zum offensiven Mittelfeld her, und konnte so überspielt werden bzw. seine Antritte in die Spitze vorbereiten. Während es Podolski links überschaubar hielt (und so im gesamten Spiel wenig eingebunden war), zeigte rechts Müller sein ganzes Repertoire an Laufwegen – das macht ihn um Klassen stärker als Trochowski.

Die rechte Seite war allerdings aus verschiedenen Gründen stärker, einer davon die unterschiedlichen Rollen Schweinsteigers und Khediras.

Özil, sicherlich der stärkste deutsche Mittelfeldspieler, wurde immer wieder kurz angespielt, und schuf damit Räume für die Flügelspieler und Khedira. Diese vertikalen Pässe auf ihn zu unterbinden, muss ein Hauptziel für jeden Gegner sein. Oder er wich auf den rechten Flügel aus, wie vor dem 1:0, bei dem Müller dann aus dem Zentrum auf die Halbposition lief.

Zur Pause war Australien mit zwei Toren gut bedient. Wie auch in den Testspielen war Özil nicht auszuschalten, und seine flexiblen Laufwege zwischen Mittelfeld und Abwehr und durch die Viererkette bekam auch Australien nicht in den Griff. Allerdings — ebenfalls bereits in den Testspielen zu sehen — fehlt ihm wie Klose im Moment Überzeugung und Fortune im Abschluss.

Insgesamt sah man die erhoffte spielerische Qualität, und ein gutes Spiel ohne Ball. Viele Mechanismen im Offensivspiel sind bereits vorhanden.

Leider können wir uns aber die Debatte, ob wir so stark waren oder Australien so schwach, nicht ersparen. Sie waren ein Schatten der Mannschaft von 2006, und hatten spielerisch und technisch nicht das nötige Niveau. Ihre Kette stand schon in der ersten Halbzeit in den falschen Momenten sehr hoch, was das flexible deutsche Angriffsspiel immer wieder ausnutzen konnte. Beim Führungstreffer fehlte jegliche Ordnung.

Ihre Überforderung machte sich schnell darin bemerkbar, wie sehr sie mit den (schwachen) Schiedsrichtern haderten.

In der zweiten Halbzeit entschied die rote Karte dann das Spiel, und Deutschland schaltete einige Gänge zurück.

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Wir scheiden früh aus (WM-Szenario 2)

von Johan Petersen am 10. Juni 2010

Es gab Zeiten, da hieß früh ausscheiden für uns: vor dem Halbfinale. Ich glaube, dass wir nach den Erfolgen 2002, 2006 und 2008 davon nicht mehr weit entfernt sind. Bis dahin gilt wohl: vor dem Viertelfinale.

Wenn das eintrifft, wird es hieran gelegen haben:

Standards. Mit nur einer Spitze und ohne Ballack hat Deutschland nur drei kopfballstarke Spieler auf dem Platz, ergänzt von Badstuber und den beiden 6ern. Löw scheint Trainingsschwerpunkte auf Fitness und spielerische Elemente zu legen, daher fehlt die Abstimmung zwischen Laufwegen und Flugkurven. Wir schießen zu wenig Tore nach Standards, die je wichtiger werden, desto stärker die Gegner werden. Wenn es wider Erwarten spielerisch hakt, brauchen wir sie bereits in der Vorrunde.

Unerfahrenheit. Die junge Mannschaft hat spielerisch und taktisch ausreichend Qualität. Aber bei unglücklichen Rückständen, oder Spielen gegen starke Gegner bleibt das Ass deutscher Turniermannschaften plötzlich im Ärmel stecken: die Nervenstärke. (Auch beim Elfmeterschießen?). Wir sind nicht mehr dann besiegt, wenn wir im Bus sitzen, sondern wenn wir in Rückstand geraten, weil wir deswegen die fußballerische Qualität nicht mehr abrufen können.

Sturm. Kein Stürmer ist in der Lage, aus dem Nichts oder durch eine Einzelaktion ein Tor zu erzielen und damit ein Spiel zu wenden, in dem sich die Mannschaft schwer tut.

Ballack. Weniger seine Führungsrolle in der Mannschaft, als vielmehr seine fußballerische Klasse fehlt. Mangels zweitem Stürmer vor allem seine Kopfballstärke und auch sein Schuss aus der zweiten Reihe.

Kein dritter und vierter 6er. Khedira oder Schweinsteiger fallen in einem oder mehreren K.O.-Spielen wegen Verletzungen oder gelben Karten aus. Es gibt keinen adäquaten Ersatz, geschweige denn, dass er getestet worden wäre.

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Wir kommen ins Finale (WM-Szenario 1)

von Johan Petersen am 9. Juni 2010

Keine Ahnung, wie weit wir kommen. Die Mannschaft unterscheidet sich zu sehr von früheren Truppen. (Ich hab’ aber mittlerweile kein schlechtes Gefühl, und gehe mindestens vom Viertelfinale aus.)

Relativ einfach ist es hingegen, die Faktoren zu identifizieren, die den Ausschlag in Richtung Erfolg oder Misserfolg geben werden. Wenn wir ins Finale kommen, oder Weltmeister werden, wird das hier in den Analysen nach der WM stehen:

Teamgeist: Die Verletzung von Ballack hat die Mannschaft zusammen geschweißt. Andere füllen die Lücke, es entstehen positive Energien.

Özil. Er ist einer der überragenden Mittelfeldspieler des Turniers. Seine Standards sind immer gefährlich. Er überläuft im richtigen Moment die gegnerische Kette und ist vor dem Torwart mit seiner Technik eiskalt. Aus der Tiefe spielt er flache Pässe durch die gegnerische Abwehr.

Offensiv-Potential. Das deutsche Offensivspiel ist mit den drei Mittelfeldspielern hinter einer Spitze variabel angelegt, kombinationsstark und schwer auszurechnen. Im richtigen Moment stößt Khedira à la Ballack in die Spitze, ein wichtiges Überraschungsmoment. Wie Frankreich 1998 schießen wir so ohne starken Stürmer ausreichend Tore, um die zwar stabile, aber nicht turnierentscheidende Abwehr zu übertünchen.

Dichte im Kader. Mit Marin, Jansen und Cacau verfügt der Kader über Einwechselspieler, die in der zweiten Hälfte einer Partie jeden Gegner überraschen – gerade über die Flügel.

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Deutschland vs Bosnien-Herzegowina

von Johan Petersen am 4. Juni 2010

Im Halbfinale der WM 2002 gab es diese herrlichen Szene, in der Ballack aus dem Rückraum eine Flanke von rechts direkt nimmt, sein Schuss abgeblockt wird und er den zweiten Versuch dann versenkt. Während der gesamten Szene hatte man eigentlich nur Sorge, ob Oliver Bierhoff rechtzeitig aus dem Weg geht.

Wenn Löw an Klose festhält, droht uns ähnliches in Südafrika. Erneut fiel er nur dadurch auf, sich über die Flanken seiner Mitspieler aufzuregen. Keine Laufwege, keine Zweikämpfe, kein Torabschluß. Das Spiel als einzige Spitze, die das Zentrum halten soll, ist ihm sichtbar fremd. Erst Cacau hat es in der zweiten Halbzeit mit einer sehr viel besseren Matrix aus vertikalen und horizontalen Laufwegen hinbekommen, Räume fürs Mittelfeld zu schaffen - vielleicht hat er sich einfach diese Freiheiten genommen, und es tat unserem Spiel sehr gut.

Klose löste sich nur einmal geschickt, bevor er kurz vor der Pause Khedira auflegte. Wir brauchen aber in einem 4-5-1 vorne keinen barmherzigen Samariter, sondern einen Killer, der aus dem Nichts Tore macht und anspielbar und agil genug für Özils Anspiele und Doppelpässe ist.

Denn das ist die Stärke dieses Systems, wie bereits gegen Ungarn zu sehen: die Spitze bindet im Zentrum Gegenspieler, und nachrückende Mittelfeldspieler stoßen variabel durch die gegnerische Kette, idealer Weise durch Doppelpässe. Die zweite Halbzeit hat gezeigt, dass Müller dafür sehr viel geeigneter ist als Trochowski, der einfach nicht das nötige Verständnis für Pass- und Laufwege zu haben scheint.

In der ersten Halbzeit litt unser Angriff dann auch darunter, dass eigentlich nur Özil technisch in der Lage war, das Spiel schnell zu machen. Podolski zeigte immer wieder seine Unkonzentriertheiten bei der Ballverarbeitung, und Trochowski war blass und selten anspielbar. Die Außenverteidiger hielten sich sehr zurück, wobei Badstuber im Passspiel fast überfordert war und auch nie den richtigen Moment für Vorstöße im Rücken von Podolski fand.

Marin hat wieder überzeugt. Während allerdings Podolski immer den richtigen Moment für den Torschuss findet, verpasst ihn Marin quasi jedes Mal. Solange er sich da taktisch nicht verbessert, ist er für mich kein Kandidat für die Startelf.

Unter dem Strich war der Test fast zu gut. Selbstvertrauen ist gut, aber ein bisschen Unsicherheit über den eigenen Leistungsstand kann besser sein. Das hat gerade deutschen Turniermannschaften immer gut getan. Und ab dem 1:1 habe ich mich gefragt, warum Bosnien-Herzegowina so eingebrochen ist. Die Fouls und Undiszipliniertheiten deuteten auf nachlassende Kraft und Konzentration hin, und die offensiven Mittelfeldspieler ließen die Saison an einem schönen Sommerabend gemütlich ausklingen, sie hatten (wegen der Wechsel?) kaum noch Bindung zum Spiel.

Unsere Standards waren beunruhigend schwach. Das reicht nicht für ein WM-Turnier, bei dem viele enge Spiele am einfachsten so zu entscheiden sind.

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Nach Ballack – die Zukunft beginnt früher

von Johan Petersen am 17. Mai 2010

Die (Turnier)-Ära Ballack in der Nationalmannschaft ist vorbei. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit 35 noch bei der EM dabei sein wird.

Es ist ein Rückschlag für Südafrika, für die Struktur und Hierarchie der Mannschaft. Ohne ihn ist niemand mehr aus der Generation um 30 Jahre und drüber dabei. Klose zähle ich wegen seiner hängenden Schultern und seiner permanenten Abspiele, obwohl er besser zum Tor steht, nicht dazu. Frings hat am Samstag auf und neben dem Platz endgültig gezeigt, warum er trotz zuletzt aufsteigender Form kein Nationalspieler mehr ist.

Fußballerisch ist der Ausfall weniger dramatisch. Jetzt können Schweinsteiger und Khedira zeigen, dass die Zukunft eben ein bisschen früher beginnt. Özil hat für mich das Zeug, einer der besten Spieler der WM zu werden. Die Prügel, die er nach dem Pokalfinale von Journalisten und Fans bekommen hat, zeigen, dass er noch immer einer der meist unterschätzten Spieler der Bundesliga ist.

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