Das mit dem Wiegen und der Waage, Argentinien und Brasilien haben wir gestern schon besprochen.
Daher direkt zum Spiel. Wie erwartet, geht es ab dem Viertelfinale zunehmend um Standardsituationen – siehe Niederlande vs Brasilien. Wie nicht erwartet, begann das Spiel mit einem deutschen Tor nach einem Standard.
(Natürlich sind diese Bälle aus dem Halbfeld für einen Torhüter knifflig, er weiß erst Zehntel-, Hundertstelsekunden vor seiner Ballberührung, ob der Stürmer den Ball noch touchiert oder nicht. Aber gerade deswegen trifft er entweder eine frühe Entscheidung, geht ins Risiko, oder stellt sich möglichst beweglich auf – Romero hingegen verwandelte sich kurz entschlossen in einen Volleyballer, der einen gegnerischen Schmetterball oder Aufschlag raus pitchen will. Damit war so beweglich wie ein breitbeiniger Sumoringer.)
Der Freistoß resultierte aus einer Einzelaktion Podolskis gegen Otamendi. Er machte im gesamten Spiel einen wesentlich agileren, konzentrierteren Eindruck als bisher und unterstützte auch die Defensive in einigen Situation sehr gut. Wie ebenfalls erwartet waren diese Duelle auf den Flügeln, gegen die schwachen argentinischen Außenverteidiger dieses Mal spielentscheidender als die Aktionen Özils im Zentrum. Denn Özil hatte mit Mascherano zum ersten Mal im Turnier einen tiefsitzenden, Weltklasse-Gegenspieler gegen sich. Andererseits war er auch nicht so stark wie bisher – sein Spiel ohne Ball war bei weitem nicht so aggressiv und weiträumig wie in den ersten Spielen.
Ein frühes Tor also, und in der ersten Viertelstunde sah man noch das mittlerweile von uns gewohnte Kombinationsspiel. Zunehmend warteten wir aber auf den Fehler, den sich Heinze oder Demichelis leisten würden. Dieser Fehler kam in der 24. Minute, aber Klose vergab aus elf Metern.
Zunehmend versickerte allerdings unser Angriffsspiel – das Spiel ohne Ball im letzten Spielfelddrittel blieb bei weitem hinter dem zurück, was wir in den bisherigen Spielen gesehen haben. Gerade bei einigen Angriffen über links (zum ersten Mal gab es eine Balance zwischen beiden Flügeln) versäumten es Özil und Klose, sich auf den linken Flügel oberhalb Podolskis und Boatengs zu lösen. Auf beiden Flügeln gab es zwischen Außenverteidiger und Flügelspieler bisher nicht gesehene Missverständnisse bei den Laufwegen. Lahm bzw. Boateng kontrollierten den Ball, anstatt direkt Müller bzw Podolski zu überlaufen. So verschenkten wir einige Situationen, in denen wir Überzahl hätten herstellen können. Gerade Lahm hatte auf rechts große Freiräume, die oft verschenkt wurden.
Nach etwa 25 Minuten wurden wir immer passiver, und konnten unser Passspiel immer seltener durchbringen.
Auf der anderen Seite begann Argentinien wie erwartet mit einer Art Mittelfeldraute. Ich habe Messi während der Saison nicht gesehen, aber er schien sich tiefer als sonst fallen zu lassen, er nahm die Bälle an der Mittellinie entgegen, und lief dann auf unsere Abwehr zu bzw. versuchte, mit Doppelpässen in Richtung Strafraum zu kommen.
Das meiste lief über unsere linke Seite: fast jeder Angriff Argentiniens lief über einen kleinen Raum, eine kleine Tasche im Rücken von Podolski und neben oder vor Schweinsteiger. Dort kreierte Argentinien immer wieder kritische Winkel, die Boateng dazu zwangen, seine Position zu verlassen – was entweder Raum auf dem Flügel oder Passwege durch unsere Kette schuf. Das sorgte für viele kritische Situationen am und im Strafraum, und wir retteten das 0:1 letztlich in die Pause.
Trotzdem war es eine sehr gute Abwehrleistung - ich kann mich an keine Situation erinnern, in der ein deutscher Verteidiger allein ins 1 gegen 1 gehen musste. Beeindruckend, wie sich alle gegenseitig unterstützt haben, wie die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen und den Verteidigern immer stimmten. Hinzu kam (vor allem nach der Pause), dass Argentinien die falschen taktischen Mittel gegen unsere tiefstehende Abwehr eingesetzt hat: zu oft wollten sie sich in den Strafraum kombinieren, es fehlte die Durchschlagskraft.
Das ist der Rückblick, während des Spiels hingegen fühlte es sich ab der 25. Minute so an, dass Argentinien sukssive Druck aufbaute, und ein Tor nur eine Frage der Zeit schien. Das hatte einen Grund: fußballerisch haben wir heute in der Phase zwischen diesem Zeitpunkt und dem 0:2 die mit Abstand schwächste Leistung geboten. Es war vermutlich das erste Zugeständnis an den großen Druck: es gab es keinen deutschen Spieler, der sich nicht einfache Ballverluste in Form von Fehlpässen und schlampigen Ballannahmen leistete. Selbst gegen Ghana und Serbien, als die Räume eng waren und wir wenig kombinieren konnten, leisteten wir uns nicht solche Ballverluste. Das galt auch und vor allem für unsere besten Fußballer: Lahm, Schweinsteiger und Özil.
In der Phase vor dem 0:2 sah es so aus, dass uns nur ein Rückfall in hundert Jahre deutsche Turnier-Historie retten würde: Grass fressen und kämpfen.
Letztlich spielentscheidend war aber — neben der unter dem Strich guten Ordnung in der Defensive–, dass sich sowohl Schweinsteiger als auch Khedira trotz der spielerischen Probleme weiterhin vorne einschalteten. Das wichtige 0:2 wurde nicht von Müller, sondern von Khedira vorbereitet, der einen Raum vor sich erkannte und mit Ball hinein stiess.
Auch Schweinsteiger spielte überragend und liess sich von seinen eigenen Problemen am Ball nicht verunsichern. Seine Passsicherheit half uns bereits im ersten Drittel, er ersetzte in gewisser Weise Özil als Spielmacher, aber nach einem langen Loch nahm er das Heft in die Hand, trieb unsere Angriffe voran und zeigte vor dem 0:3 ein tolles Solo.
Auf der einen Seite denke ich, dass unser Sieg wegen des Spielverlaufs um ein oder zwei Tore zu hoch ausfiel. Auf der anderen Seite ist es offensichtlich unsere Qualität, einen angeschlagenen Gegner im richtigen Moment endgültig in die Seile zu schicken, und die Führung auszubauen. Brasilien ist gestern ausgeschieden, weil es genau diese Qualität nicht hatte.
Die drei letzten Tore fielen alle über unsere linke Angriffsseite, ausgeführt mit klinischer Präzision und Selbstlosigkeit. Bei keinem unserer Angriffsspieler hat man das Gefühl, dass sie sich an der Spielkonsole verdribbeln. Sie legen den Ball dem besser stehenden Mitspieler auf, und dann ist er drin. Hört sich selbstverständlich an, ist es bei dieser WM aber nicht.
Ist Neuer ein Jahrhundert-Torhüter? Man kann das nicht mehr ausschließen.
Es gibt eine Sache, die ich damals im Geschichtsunterricht falsch verstanden habe. Deswegen bin ich heute so verwirrt wie ein von Messi ausgedribbelter Verteidiger: mir hat im Klassenraum keiner gesagt, dass man live dabei sein kann, wenn Geschichte geschrieben wird. So, wie es diese Mannschaft tut.
Tagged as:
Deutschland,
Nachbetrachtung,
WM