von Johan Petersen am 2. Oktober 2010
Ein ausgeglichenes Spiel, bei dem St. Pauli seine Möglichkeiten besser eingesetzt hat als Hannover - entschieden durch einen Traum aus Außenbahn.
St. Pauli begann in einem 4-5-1 mit Ebbers als einziger Spitze, dahinter Kruse (der leider nicht mehr bei uns spielt), links Hennings und rechts Bartels. Hannover 96 spielte ein 4-4-2 mit Pinto und Schmiedebach vor der Abwehr, Stindl und Abdellaoue im Sturm und Rausch und Stoppelkamp auf den Flügeln.

Hannover schaffte es während des gesamten Spiels nicht, eine überzeugende Spielanlage auf den Platz zu bringen. Vor allem der Spielaufbau krankte unter dem strukturellen Nachteil des 4-4-2 gegenüber dem 4-5-1, das im zentralen Mittelfeld Überzahl hat. St. Pauli verschob zudem sehr diszipliniert zum Ball und machte die Räume immer wieder eng.
Hannover griff zu dem Mittel, mit dem ein 4-5-1 trotzdem geknackt werden kann (wie es Sampdoria gegen Werder vorgemacht hat): lange Seitenwechsel auf die äußeren Mittelfeldspieler, vor allem von Pogatetz auf Stoppelkamp. Der Ertrag war gleich null, denn kaum hatte Stoppelkamp diese Bälle verarbeitet, sah er sich gleich zwei Gegnern gegenüber. [click to continue…]
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Nachbetrachtung
von Johan Petersen am 3. August 2010
“Im modernen Fußball wird die Spieleröffnung mehr denn je den Füßen des Außenverteidigers anvertraut…”
Diese Aussage hat so viel Wahrheitsgehalt wie ein Teebeutel (mit denen Außenverteidiger heute in der SZ aus irgendeinem Grund verglichen werden.) Man könnte sagen, das Gegenteil stimmt: ein Angriff, der über die Außenverteidiger eröffnet wird, ist zum Scheitern verurteilt.
Denn je früher ich den Ball auf eine Seite verlagere, desto eher weiß der Gegner, über welche Seite ich komme. Das Anspiel auf einen Außenverteidiger ist für den Gegner ein Signal für Pressing und Verschieben zum Ball hin: spätestens, wenn ich in der Mitte der gegnerischen Hälfte angekommen bin, ist alles dicht. Ich muss hinten rum spielen, neu aufbauen.
Wird der Ball hingegen von den Innenverteidigern vertikal auf die 6er gespielt, haben diese noch alle Optionen. Eine sehr effiziente Strategie der Spieleröffnung ist es daher, soweit wie möglich im Zentrum nach vorne zu kommen und damit auch den Gegner im Zentrum zu halten.
In rot der Gegner, nachdem der erste Pass auf den Außenverteidiger gespielt wurde. In blau, nachdem der erste Pass nach vorne ins Mittelfeld gespielt wurde. Ein Unterschied so groß wie der zwischen einem ausgetrockneten Teebeutel und knackigem Röstkaffee:

Die blauen Kasten stellen die Räume dar, die der Gegner nicht besetzen kann, weil er nicht weiß, wohin es als nächstes geht. Vor allem die äußeren Mittelfeldspieler (8) (9) werden lange im Zentrum gehalten, und in ihrem Rücken können die Außenverteidiger aufrücken. Denn erst jetzt wird der Ball auf den Flügel gespielt, so dass die Außenverteidiger von hinten mit Tempo in die Anspiele laufen können.
Für mich ist dieser erste Pass nach vorne das Geheimnis von schönem Fußball, und Schaaf hat das bei Werder mit der Raute perfektioniert:

Warum spielen dann so viele Mannschaften den ersten Ball auf den Außenverteidiger, obwohl das dem Gegner in die Karten spielt?
Man braucht Mittelfeldspieler, die den Ball auch unter Druck zum Spielfeld hin mitnehmen können. Die sind auch auf höchstem Niveau erstaunlich rar. (Schweinsteiger gehört dazu, van Bommel nicht.)
Daher spielen viele Innenverteidiger gezwungener Maßen Querpässe auf die Außenverteidiger – doch das ist entweder eine Sackgasse oder es führt zu einem Drahtseilakt die Außenlinie entlang, auf den der Gegner nur wartet. Außenverteidiger sind daher in guter Spieleröffnung geradezu tabu.
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Theorie
von Johan Petersen am 9. April 2010
Manchmal bekommt man Gegentreffer, bei denen man sich fragt: fehlte uns die Ordnung, oder war der Angriff einfach zu gut?
Der Dortmunder Angriff vor dem 1:0 war ein Fünf-Gänge-Menü mit Sternchen. Es begann mit einer schnellen Seitenverlagerung, dann wurde ein vertikaler Laufweg eines Stürmers serviert, es folgte ein direkter Doppelpass, eine hervorragende Flanke und das ganze Ensemble gekrönt vom sehr guten Timing bei einem kniffligen Kopfball als Torabschluß.
Andererseits standen in unserem Restaurant viele Tische falsch und damit den Dortmunder Kellnern nicht im Weg. Zu keinem Zeitpunkt vor der Flanke kamen wir auch nur in die Nähe eines Zweikampfs.
Die Ausgangssitution: Der Dortmunder 6er verlagert einen von der anderen Seite kommenden Ball zu Owomoyela (5), der damit Marin (10) auf sich zieht. Gleichzeitig (!) löst sich Zidan (13) aus der Spitze in den dadurch frei werdenden Raum. Hunt (14) als defensiver Mittelfeldspieler steht zu weit innen (gelbe Fläche), womit Marin und Pasanen (3) auf sich alleine gestellt sind. Toller Laufweg des Angreifers: er schafft eine Anspielstation und gleichzeitig Raum hinter sich für den Passgeber.

Der Spielzug: Owo spielt einen direkten Doppelpass mit Zidan. Marin läuft ihm dann hinterher, auch weil er sich bei Owos Pass nicht schnell genug fallen lässt. Pasanen geht Zidan zwar hinterher, aber er weiß, dass er da nicht hingehört – er zögert und kann so Zidans Pass nicht verhindern. Auf jeden Fall ist er jetzt so weit ins Mittelfeld gezogen, dass der Flügel komplett offen ist (wieder gelbe Fläche). Naldo ist zu weit weg, um einzugreifen.

Der Torabschluss: Auch Naldo kommt zu spät, um die Flanke zu verhindern. (Seit der EM 2008 lassen einige Mannschaften den Verteidiger außen allein, damit der Innenverteidiger die Flanke im Zentrum abwehren kann. Ob aber dadurch Mertesacker (29) nach hinten durch gerückt wäre und die Flanke erwischt hätte – schwer zu sagen.) Toller Kopfball dann, den Fritz (8) nicht verhindern kann. Er befindet sich auch in der vielleicht schwierigsten Situation für Verteidiger, da er den Ball genau vor sich und den Laufweg des Stürmers genau hinter sich im Auge behalten muss.

Wäre dieses Gegentor mit Frings oder Jensen auf dem Platz auch gefallen? Ich denke schon. Zwar steht Hunt sehr weit innen, aber er hatte sich richtiger Weise zuvor zum Ball hin verschoben. Durch das Direktpassspiel der Dortmunder kann er dann nicht mehr eingreifen.
Vor dem Pokalfinale müssen wir aber das Problem, dass auf dem Flügel nicht schnell genug gedoppelt wird, dringend lösen. Robben lässt grüßen.
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Gegentreffer
von Johan Petersen am 2. Dezember 2009
Mein erster Gedanke war: da hat sich einer in der Sportart vertan. Ein Leichtathlet, aber kein Fußballer. Hüftsteif, grobe Motorik. Dagegen wirkt Clemens Fritz auf der anderen Seite mit seiner Leichtfüßigkeit (na gut, und dem Haarband) wie eine Rasenelfe aus dem Herrn der Ringe.
Eher eine seltene Mischung aus Sprinter und Langläufer: 90 Minuten die Linie rauf und runter. Power pur. Wenn nur der Ball nicht ab und zu ins Spiel käme. Gerade bei unübersichtlichen Laufwegen vor sich haarsträubende Fehlpässe.
Das war im Herbst 2008. Viele Spiele weiter sieht die Sache ganz anders aus. Mit ein bisschen Fantasie kann Boenisch nach Jahren des Suchens eine sehr gute, langfristige Lösung für unsere traditionelle Baustelle linker Außenverteidiger werden.
Seine Schnelligkeit hilft in vielen Szenen hinten und vorne, sein Stellungsspiel ist passabel und er kann bärenstark im Zweikampf sein, nicht mehr so ungestüm wie zu Beginn. Stattdessen bringt er oft im richtigen Moment den Oberkörper vor den Gegner.
Die Fehlpässe quer durch die eigene Hälfte sieht man nicht mehr. Fehlpässe nach vorne oder diagonal finde ich bei einem Außenverteidiger nicht so dramatisch. Dafür spielt er manchmal sehr gut getimete Bälle die Linie entlang, wie vor dem 1:0 gegen Freiburg.
(Auch wenn er im Moment in einem kleinen Loch steckt, schon gegen Freiburg hat die Mannschaft ihn durchgeschleppt, und vor dem 0:1 am Samstag kommt er gegen Dzeko schlecht in den Zweikampf, mit dem falschen Fuß voran. Schaltete sich auch in der ersten Halbzeit kaum mit nach vorne ein, so dass gegen so einen tiefstehenden Gegner unsere Flügel schlapp herab hingen, anstatt Hugo mit Flanken zu füttern.)
Entgegen tribünenläufiger Meinung kann Boenisch sehr gut flanken. Überhaupt beherrscht er alle drei Optionen eines Außenverteidigers beim Torabschluss, er kann (1) außen vorbeigehen und von der Torauslinie flanken (wobei er dafür Platz braucht, weil er im Dribbling über Schnelligkeit kommt, nicht Finesse), (2) abbrechen und aus dem Halbfeld flanken und (3) mit seinem guten Schuss in die Mitte ziehen.
Vielleicht keine andere Position im heutigen Fußball muss ein so umfangreiches und vielfältiges Anforderungsprofil bewältigen wie die des Außenverteidigers. Schnelligkeit, Ausdauer, Geschicklichkeit, Technik, Kopfballspiel, Zweikampfstärke, Torabschluss, alles dabei.
Wie im echten Leben kann man nie alles haben. Boenisch deckt den Leichtathletikteil so gut ab wie kein anderer in der Liga. Vermutlich ist uns an ihm ein hervorragender Zehnkämpfer verloren gegangen. Verstehe ich eigentlich auch, Laufen mit Ball am Fuß macht einfach mehr Spaß als ohne.
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Spieler
von Johan Petersen am 25. September 2009
Was ist aus dem Fritz seiner Anfangszeit bei Werder geworden? Flankenläufe, ob effektiv oder spektakulär, sehen wir nicht mehr. Im Gegenteil, er geht kaum noch ins 1 gegen 1: entweder er (1) bricht ab und spielt den Ball zurück auf die Halbposition, (2) legt den Ball am Strafraum quer für einen Doppelpass – mit hohem Risiko, dass der Ball dabei verloren geht – oder (3) flankt aus dem Halbfeld (das allerdings oft recht gut).
Warum also kommt Fritz so selten ins 1 gegen 1? Er hat in Interviews mangelndes Selbstvertrauen in der vergangenen Saison erwähnt – und Selbstvertrauen braucht man im 1 gegen 1. Ich frage mich, ob das auch an seiner An- und Mitnahme liegt, bei der das Tempo fehlt. Kommt der Ball aus der Mitte, wartet er, läßt den Ball am Standbein vorbeilaufen und nimmt ihn mit dem starken, äußeren Fuß mit (wie fast alle Flügelspieler, die den starken Fuß außen haben).
Könnte er das nicht beschleunigen, wenn er in die Mitte dem Ball entgegen geht, und ihn dann mit links mitnimmt? Dann wäre er auch schwerer auszurechnen.
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