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Abwehr

Warum England nie wieder Weltmeister wird

von Johan Petersen am 6. Juni 2011

Da wir gerade bei den Standards waren. Gegen die Schweiz hat die englische Abwehr umfassend dargestellt, wie man sich nicht verhält.

Vor allem beim zweiten Tor von Barnetta, als die Mauer aus dem Nichts Eigenleben entwickelt. (Dem link folgen, das Einbetten von youtube-Videos hat hier auch schon mal besser geklappt.)

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Man kann der Masse nicht vorwerfen, dass sie nicht verstehen will. Es muss nur einfach sein.

Das ist das schöne am Sündenbock: er vereinfacht komplexe Sachverhalte, und alle können mitreden und manchmal sogar -denken.

Werders Krise hat viele Ursachen und viele Symptome, aber in der Kurve muss man sich auf einen Grund einigen; am besten auf einen, den man auspfeifen kann, einen Spieler also: Silvestre. [click to continue…]

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Bayer vs Werder, das 2:2: der Schuss ins Herz

von Johan Petersen am 6. Oktober 2010

Das 1:0 von Bayer zeigte, dass eine hochstehende Viererkette nichts bringt, wenn im Vorfeld der Abwehr zu viele Zweikämpfe verloren werden, und der Gegner den Ball daher kontrolliert durch die Kette stecken kann. Ein Tor, wie wir es über die Jahre immer wieder gesehen haben. Das 2:2 fiel allerdings, weil die Viererkette nicht hoch genug stand.

Leverkusen spielt einen vertikalen Pass auf Derdiyok (9), der sich im viel zu großen Raum zwischen unserer Abwehr und den Sechsern Jensen (20) und Wesley (5) befindet. Eigentlich stehen sie so, wie man diese Pässe ins Sturmzentrum verhindern sollte: etwas versetzt zueinander und nicht auf gleicher Höhe. Aber der halbhohe Pass geht über Jensen hinweg und Derdiyok (von dem ich dachte, er würde einer der besten Stürmer der WM werden) holt ihn toll aus der Luft.

Die rote Fläche zeigt, dass die Viererkette zehn Meter zu tief steht, der Kontakt zum defensiven Mittelfeld ist abgerissen (anders herum könnte auch das Mittelfeld tiefer stehen).

Ein vertikaler Pass in den Raum unmittelbar vor der Abwehr ist der gefährlichste Pass, den es im Fußball (vor der Abwehr) gibt: er ist immer ein Schuss ins Herz der Verteidigung. Vor allem wenn der Stürmer sich zum Tor drehen kann, denn dann kann er auf die Abwehr zu gehen. In jedem Fall bindet er Spieler im Zentrum, und kann dann auf dem Flügel Spieler direkt an die torgefährliche Zone schicken.

Derdiyok kann auf die Abwehr zu dribbeln, die sich zurück zieht (eine andere Möglichkeit: stehen bleiben und auf abseits spielen, aber das wäre hier wegen des zweiten Stürmers zu riskant gewesen). Weil Pasanen sehr weit außen steht (roter Pfeil), und Derdiyok auf diese Lücke zu geht, kann ihn das Dreieck Pasanen-Mertesacker-Jensen erst am Strafraum stellen, also bereits in der torgefährlichen Zone.

Hinzu kommt noch, dass Mertesacker wegen seiner Größe schnellen Drehungen des Gegners mit Ball am Boden nicht folgen kann, und so schießt Derdiyok den Ball von der Strafraumgrenze ins Tor.

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Wie verteidigen, wenn es keine Stürmer mehr gibt?

von Johan Petersen am 1. August 2010

Ich weiß nicht, was die Lösung ist, aber hier ist schon einmal das Problem: zu viele Tore fallen, weil ein Innenverteidiger im falschen Moment seine Position aufgibt, um Ball oder Gegenspieler jagen zu gehen, und damit dem Gegner den entscheidenden Pass- oder Laufweg in seinen Rücken ermöglicht. Dieses Problem könnte sich in den nächsten Jahren noch verschärfen, wenn tatsächlich mehr und mehr Mannschaften ohne echten Stürmer antreten.

Rückblende: Ein wichtiges Prinzip beim Verteidigen ist das Bilden von Dreiecken – ein Abwehrspieler sichert im Rücken des anderen ab, falls der überspielt wird. Deswegen gab es früher den Libero – siehe das blaue Dreieck.

Die Abwehrkette hat dieses Prinzip beibehalten, es aber genialer Weise entlang der weißen Linie umgestülpt – der Verteidiger, in dessen Zone ein Gegenspieler auftaucht, attackiert diesen. Damit entsteht ebenfall ein (hier gelbes) Dreieck. Als Bonus oben drauf kommt noch, dass man mit einer Kette sehr viel besser auf abseits spielen kann und man die Räume im Mittelfeld viel enger machen kann. Anders herum ausgedrückt: die Kette hat diese Dinge ermöglicht, ohne das eigentliche Prinzip aufgeben zu müssen. Genial.

So weit, so lange her.

Der Angriff hat darauf eine einfache Antwort gefunden: Stürmer kommen kurz. Zunächst im 4-4-2: wie hier dargestellt, kommt ein Stürmer dem Ball entgegen, zieht den Verteidiger mit, in dessen Zone er sich befindet, und sein Sturmpartner kreuzt hinter seinem Rücken in den frei werdenden Raum.

 In einem 4-5-1 mit nur einer echten Spitze ist diese Taktik von der angreifenden Mannschaft noch verfeinert worden: die Spitze (9) kommt entgegen, und der 10er (10) oder ein anderer Mittelfeldspieler (11) stößt durch die Viererkette.

 

Seit einigen Jahren experimentieren nun Spitzenmannschaften sogar damit, ohne echten Stürmer anzutreten.  Jonathan Wilson glaubt allerdings, dass diese Versuche zunächst gescheitert sind. Der heimliche Bundes-Revolutionär Löw kam der Sache gegen Ghana erstmals sehr nah, als er für Klose Cacau und nicht Gomez aufgeboten hat.

In diesem System ist die einzige Spitze nicht mehr der einsame Killer, der sich im Busch verbirgt und zuschlägt, wenn ihm der Stamm das Opfer zugetrieben hat. Hier jagen alle zusammen, und der Stürmer hat vor allem die Aufgabe, rückwärtig am Spiel teilzunehmen und mit seinen Laufwegen die Abwehrspieler rauszulocken, und so Räume für flexibel nachrückende Mittelfeldspieler zu schaffen. An dieser Stelle macht es Sinn, wie erz zwischen Position und Funktion zu unterscheiden.

Dieses Verhalten stürzt Innenverteidiger in ein veritables Dilemma, aus sie in den nächsten Jahren vielleicht mit einer Weiterentwicklung ihrer taktischen Anweisungen befreit werden. Man sieht bereits nicht mehr, dass sie ihre Gegenspieler auf Gedeih und Verderb bis an die Mittellinie verfolgen. Aber trotzdem fielen z.B bei der WM einige Tore, weil sich Innverteidiger heraus locken ließen, z.B. beim englischen Treffer gegen die USA oder beim Führungstor Brasiliens gegen die Niederlande:

Aus der Bundesliga fällt mir dieser Stellungsfehler von Naldo ein, auch wenn er hier keinen Gegenspieler brauchte, um seine Position fataler Weise zu verlassen.

Man müsste also die Kriterien verschärfen, anhand derer ein Innenverteidiger seine Position nach vorne verlagert. 

Vereinfacht gesagt: wenn er unter der Annahme, dass er im gleichen Angriff nicht mehr auf seine Position zurück kommen kann, aber er sein Heiligtum, seine kuschelige Ecke zwischen seine Abwehrkollegen immer noch verlassen würde, darf er raus. (Also z.B. dann, wenn er mit seiner Aktion den Ball klärt.) Denn wenn er zwischen Ball und Tor steht, kann er immer noch eingreifen. Befindet sich der Ball zwischen ihm und dem Tor, ist er für den Rest des gegnerischen Angriffs aus dem Spiel genommen. In diesem Sinne ein weiteres Rubikon-Problem im Fußball.

Etwas komplizierter ausgedrückt: Selbst wenn sich ein Gegenspieler in seinem Raum befindet, darf er die Linie seiner Mitspieler in der Kette nicht verlassen, wenn eines der drei folgenden Kriterien erfüllt ist:

- ein anderer Gegenspieler so nah ist, dass er in der gleichen Spielsituation diagonal durch die Kette in seinen Rücken laufen kann

- ein ballführender Spieler einen freien Passweg durch die Position hindurch hat, die er aufgibt

- er nicht vor seinem Gegenspieler an den Ball kommen kann (kein Grund, die antizipierende Deckung gleich mit über Bord zu schmeißen).

Demgegenüber muss er selbst bei Erfüllung eines dieser Kriterien auch dann die Linie verlassen, wenn zusätzlich gilt:

- ein in seinem Raum ballführender Spieler aufs Tor schießen kann

- sich ein oder zwei weitere, torgefährliche Gegner auf seine Höhe befinden – die darf der Gegenspieler in seinem Raum nicht kontrolliert einsetzen dürfen.

Ansonsten wartet er. Eine – geradezu revolutionäre – Konsequenz davon wäre, dass ein Innenverteidiger z.B. eher einen Gegenspieler mit Ball in einem engen Raum unmittelbar vor der Abwehr duldet, als dass er seine Position in der Kette aufgibt. Denn wenn er sich dann noch zwischen Ball und Tor befindet, kann er gegen diesen Gegenspieler mit anderen Abwehrspielern immer noch Überzahl herstellen.

Das bedeutet allerdings, dass dieser Raum unmittelbar vor der Abwehr anders besetzt werden muss. Auch unter bestehenden Maßgaben müssen die defensiven Mittelfeldspieler bei gegnerischem Ballbesitz immer engen Kontakt zu den Abwehrspielern halten. Entbindet man aber wie hier diskutiert die Innenverteidiger von der Aufgabe, kurz kommende Stürmer auf Teufel komm raus zu verfolgen, müsste diese Anforderung noch verschärft werden.

Dabei bietet das 4-1-4-1 gegenüber dem 4-2-3-1 den Vorteil, dass ein Mittelfeldspieler die feste Aufgabe hat, die Position vor der Abwehr zu halten und dort Gegenspieler zu übernehmen. Man hat also — z.B. gegen einen sich fallen lassenden Stürmer — im oft entscheidenden Raum vor der Abwehr ein festes Dreieck, das die Innenverteidiger im vom Vorwärtsverteidigen entlastet; es muss weniger oft wie oben von einem Innenverteidiger gebildet werden:

 

 Die offensiven Mittelfeldspieler müssen dann weiterhin agressiv tiefer stehende Passgeber des Gegners attackieren.

 Fazit: Ich habe keine Lösung für das Problem, aber ich glaube, dass die von Abwehr und Mittelfeld gebildete Dichte neu justiert werden sollte – dass sich also die Anforderungen an Innenverteidiger noch weiter von dem klassischen Verfolgen von Stürmern weit ins Mittelfeld weg entwickeln werden, und diese Aufgabe zunehmend dem Mittelfeld übertragen wird, oder durch ein anderes Zusammenspiel zwischen Abwehr und Mittelfeld gelöst wird.

Die Idee ist, sich weniger von den Laufwegen des Gegners beeindrucken zu lassen, sondern sich auf die gefährlichen Räume vor dem Strafraum zu konzentrieren. Wenn ein Robinho auf seinem Weg zum Tor da früher oder später vorbei kommt, sollte besser jemand anwesend sein.

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