Das Spiel bewies eindrucksvoll, wie schnell es im Fußball nach unten und nach oben gehen kann. Vor einem Jahr hat Dortmund Heimspiel um Heimspiel in der ersten halben Stunde entschieden. Gestern wusste man nicht mehr, wer wer war. Hertha habe ich noch am ersten Spieltag zum Abstiegskämpfer erklärt, nun haben sie beim Meister gewonnen.
Klopp brachte sein gewohntes 4-5-1, Kagawa hinter Lewandowski, auf rechts ersetzte Kuba den gesperrten Götze. Auch Babbel wählte wieder ein 4-5-1. Gegen den Ball ließen sich allerdings die Flügelspieler Ebert und Torun auf die Höhe der Sechser fallen, so dass ein 4-4-1-1 entstand.

Von Beginn an war Hertha besser im Spiel. Die Mannschaft stand tief, und bei Dortmund stimmt einfach die Grundlage nicht: Tempo und Genauigkeit im Passspiel. Hummels spielte lange Bälle ins Nichts, der bemitleidenswerte Schmelzer wurde ständig im Rücken angespielt. Gündogan fehlte oft das Gespür, ob er mit einer Ballmitnahme zum Spielfeld hin Tempo ins Spiel bringen konnte, oder mangels Raum den Ball klatschen lassen musste. Zu oft entschied er sich für letzteres – eines der wirklich fundamentalen Probleme im Fußball, wie regelmäßige Leser dieses blogs hoffentlich verstanden haben.
Der Pinsel fehlt
Hertha stand gut. Weil Ebert und Torun sich fallen ließen, konnten die Sechser Ottl und Niemeyer das Zentrum zu machen und Kagawa ausschalten. Der Japaner ist das genialste Mosaikstück der Bundesliga, wenn Hochgeschwindigkeitsfußball gespielt werden kann – doch er ist nicht der klassische Spielmacher, der einen Schritt zurück von der Leinwand macht, den Pinsel nimmt und noch einmal von vorne anfängt. Er verpasste es, auf die spielerische Malaise zu reagieren, und aus tieferen Positionen das Spiel schnell zu machen.
Großkreutz und Kuba agierten im wesentlichen von den Halbpositionen – konsequent an den Linien klebende Flügelspieler wären wohl das bessere taktische Mittel gewesen. Das hätte die Schnittstellen zumindest in der Berliner Mittelfeldkette vergrößert und aus dieser Ausgangsposition hätte Dortmund auch klare Pärchen auf dem Flügel aufbauen können. (Kuba-Piszczek und Schmelzer-Großkreutz). Das wiederum allerdings hätte schnelle Spielverlagerungen benötigt, wozu vermutlich das Tempo im Passspiel gefehlt hätte.
Hätte, Wenn und Aber – Dortmund spielte sich in der ersten Halbzeit nur zwei oder drei Chancen gegen einen geordneten Gegner heraus, plus einige vage Möglichkeiten nach Berliner Ballverlusten in deren Hälfte.
Wer ist wer?
Doch meistens schaltete Hertha sehr gut um, und zeigte in ein oder zwei Szenen sogar das technisch versierte Direktpass-Spiel, das wir von Dortmund kennen.
Klopp reagierte zur Pause und ersetzte den restlos enttäuschenden Gündogan durch da Silva. Das änderte aber nichts an den grundlegenden Problemen in der Spielanlage, und wenige Minuten nach der Pause ging Berlin verdient in Führung.
Anschließend versuchte Klopp einige Umstellungen (erst kam Großkreutz nach der Perisic-Einwechslung über rechts, dann Kagawa), ohne dass Herthas Ordnung je wirklich gefährdet wurde. Dortmunds Passspiel bekam mehr Zug, und Kagawa taute etwas auf, doch viel zu oft versuchte Dortmund sich durchs Zentrum zu kombinieren, wo das sehr gut stehende Quadrat Ottl-Niemeyer-Hubnik-Mi alles abräumte.
Die Hertha versäumte es, das Spiel mit einem ihrer Konter früher zu entscheiden, letztlich geriet der Sieg aber nie in Gefahr.
Fazit: eine produktive Niederlage?
Ich glaube, dass diese Niederlage für Dortmund sehr produktiv war. Vom ersten Spiel an war offensichtlich, dass die Mannschaft aus diversen Gründen und auf vielfältige Weise nicht mehr die Übertruppe der Vorsaison ist. Jetzt ist jedem klar, dass nur der FC Bayern in jedem Jahr Meister werden muss und auch kann. Damit ist der Druck weg, und die Mannschaft kann in Ruhe ihre Punkte sammeln.
Die Möchtegern-Experten werden auch passender Weise alles am Fehlen von Götze fest machen, doch Klopp weiß, dass die Probleme woanders liegen. Allerdings müsste er jetzt den einen oder anderen der Meister-Helden vorüber gehend auf die Bank setzen, doch es fehlt fast überall im Kader am Konkurrenz-Kampf – nur Perisic drängt sich auf.
Babbel hat eine sehr gute Taktik gewählt. Weil Hummels, Bender und Gündogan nie Tempo ins Spiel bekamen, konnte er vorne Dortmund Räume gewähren, und sein Mittelfeld gegen die sonst gefährliche Reihe um Kagawa konzentrieren. Wenn die Hertha ihren technisch guten Fußball auch gegen tiefer stehende Mannschaften zu Hause zeigen kann, ist die erste Tabellenhälfte sicher zu erreichen.
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