HSV vs Wolfsburg: Finks Flügel-Raffinesse bändigt die Wölfe

von Johan Petersen am 23. Oktober 2011

Mit Thorsten Finks erstem Spiel auf der Bühne Bundesliga hat die junge Trainer-Generation Verstärkung bekommen. Der Auftakt gegen Wolfsburg machte auch gleich Appetit auf mehr Taktik-Häppchen. Auf der Gegenseite hat allerdings auch der alte Hase Magath bewiesen, dass er mit der Zeit gehen kann und auf seine lange gehegte Vorliebe für zwei Stürmer verzichten kann.

Hamburgs neuer stellte ein 4-4-2 auf, mit Petric und Guerrero in der Spitze, auf den Flügeln Jansen und Töre sowie Rincon und Kacar im Zentrum. Magath brachte ein 4-5-1, mit Koo hinter der einzigen Spitze Mandzukic und auf den Flügeln Dejagah und Ochs.

Als Einstieg wählte das Spiel eines meiner Lieblingsthemen: die Beidfüßigkeit, bzw. ihr Fehlen im Spitzenfußball. Aogo wollte einen Ball rechts vom Standbein mit links schlagen, und der klägliche Versuch landete beim Gegner und wenige Ballkontakte später im eigenen Tor. Von einem, der zur EM will, ist das ein Affront. Bei der anschließenden Flanke durfte Mandzukic von Innenverteidigung und Torwart ungestört aus wenigen Metern einköpfen.

Der HSV beisst sich ins Spiel

Es entwickelte sich anschließend ein intensives und temporeiches Spiel. Der HSV hatte am frühen Rückstand zu knabbern und brachte zunächst wenig konstruktives zustande. Wolfsburg zeigte die bessere Spielanlage: bei Ballgewinnen wurden sofort Koo (der mir mit seiner Technik und Zielstrebigkeit zuerst hier aufgefallen ist – ich hatte gedacht und gehofft, er würde sich in der Bundesliga gleich durchsetzen) oder Mandzukic mit vertikalen Pässen gesucht, die durch ihr Entgegenkommen Räume für den jeweils anderen und die beiden Flügelspieler schuffen. Hamburgs Abwehr zeigte in der ersten Viertelstunde bedenkliche Lücken.

Finks Mannschaft biss sich jedoch nach und nach ins Spiel, weil auch die Wolfsburger Abwehr in einigen Szenen nicht überzeugte. In der Innenverteidigung haperte es bei langen Bällen an der Abstimmung.

Und Magaths Truppe hatte zunehmend Mühe, sich auf eine Besonderheit des Hamburger 4-4-2 einzustellen. Töre hatte ohnehin eine sehr freie Rolle, und begann viele Hamburger Angriffe nicht auf dem Flügel, sondern auf der Halbposition. Stattdessen besetzte der Außenverteidiger Westermann den Flügel sehr hoch, und das Hamburger Passspiel hatte genug Qualität, um die so entstehende Räume zu nutzen. Als nach gut zwanzig Minuten Jansen und Töre kurz die Flügel tauschten, kam Hamburg zu ersten, guten Chancen von dieser Seite.

Auf links schien Jansen etwas weiter außen zu agieren – der HSV war trotzdem gefährlich, wenn Aogo an seiner Stelle früh diagonal in Richtung Strafraumeck zog. Auf beiden Flügeln hatten die Wolfsburger Außenverteidiger Probleme, sich im Verbund mit den Sechsern diesen Strukturen im Hamburger Spiel entgegen zu stellen. Manchmal stimmte in der Reaktion auf die sehr hoch agierenden Hamburger Außenverteidigern die Abstimmung zwischen Außenverteidigern, Sechsern und den Flügel Dejagah bzw. Ochs nicht.

Zur Pause nahm Fink den mit zu vielen Fouls agierenden Rajkovic vom Feld, dessen Position in der Innenverteidigung Westermann übernahm. Auf rechts sorgte an seiner Stelle der eingewechselte Diekmeier für viel Schwung. Wolfsburg kam sehr viel passiver aus der Kabine, und der HSV kam immer gefährlicher vors Tor.

Wolfsburg konnte die Hamburger Flügel immer weniger unter Kontrolle halten, und rutschte gelegentlich zu tief an den eigenen Strafraum. Das rächte sich, als vor dem Ausgleich Kacar ungestört einen Hamburger Stürmer am Strafraum mit einem vertikalen Ball unten anspielen konnte – immer brandgefährlich. Der Ball gelangte zu Petric, der im Gegensatz zur ersten Halbzeit eiskalt abschloss.

Hamburg drückte auf den Siegtreffer, doch im Rückblick hatte der Druck mit dem Ausgleich bereits seinen Scheitelpunkt erreicht. Insgesamt nahm das Tempo im Spiel ab – stellvertretend hierfür stand Töre, dem immer mehr die Konzentration fehlte, um sich rechtzeitig vom Ball zu trennen. Fink hätte ihn rausnehmen können, doch vielleicht fehlten im Hamburger Kader die Alternativen.

Erst in der Schlussphase wachte Wolfsburg wieder auf, ohne dass sich aus den zahlreichen Möglichkeiten zum Konter wirklich gute Torchancen ergaben. Die Hamburger Abwehr stand in der Version der zweiten Halbzeit sehr viel besser – das weite Aufrücken der Außenverteidiger riss allerdings im Spielaufbau beängstigende Lücken zwischen die Verteidiger, vor allem wenn die beiden Sechser Rincon und Kacar in einigen dieser Szenen auch noch zu hoch spielten.

Wolfsburg konnte dies allerdings nie ausnutzen, weil die Mannschaft ihre Bälle zu tief gewann, und die Flügelspieler zuviel in der Defensive zu tun hatten.

Fazit: Fink schafft Strukturen

Es war ein gutes und intensives Spiel zweier Mannschaften, die in dieser Form eher ins obere Mittelfeld gehören. Ab der 70. Minuten mussten sie allerdings nach meinem Eindruck zunehmend dem hohen Tempo zu Beginn Tribut zollen.

Beim HSV waren nach einem Spiel Fink mehr Ideen und Strukturen in der Spielanlage zu erkennen als nach über einem halben Jahr Oenning. Die Flügel Jansen und Töre agierten vor allem auf den Halbpositionen, was den Außenverteidigern viel Räume bescherte. Nimmt auch noch Petric am Spiel teil, erreicht Hamburg eine erstaunliche Flexibilität im Spiel. Limitierende Faktoren sind allerdings das mangelnde Spielverständnis des (noch jungen) Töre und die spielerische Beschränktheit von Rincon. Die schwache Chancenverwertung dürfte sich mit der Zeit legen.

Es bleibt die Frage, ob Fink auch bei einer Führung im Rücken mit derart hohen Außenverteidigern agieren wird.

Wolfsburg begann engagiert und laufstark, verpasste es aber, mit dem zweiten Tor das Spiel zu entscheiden. Je länger das Spiel dauerte, desto passiver wurde Magaths Truppe.

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topflappen 23. Oktober 2011 um 8:56 pm

Es hat sich übrigens offensichtlich herumgesprochen, dass du und andere Blogger hervorragende taktische Analysen vornehmen! Im ZDF im “aktuellen Sportstudio” habe ich am Samstag genau zu diesem Spiel zum allerersten Mal eine erhellende und gut gemacht Taktikanalyse im Fernsehen gesehen. Da wurde die Rolle der Hamburger Sechser mit/gegen den Ball beleuchtet. Also, du bekommst Verstärkung/Konkurrenz :-)

Johan Petersen 24. Oktober 2011 um 6:39 am

Das ASS macht das allerdings schon sehr lange und war damit fast die einzige Ausnahme in deutschen Medien.

Was haben sie dort gesagt? Ich hatte manchmal den Eindruck, dass Rincon/Kacar die hohen Aussenverteidiger nicht tief genug absicherten.

BenHasna 24. Oktober 2011 um 11:03 am

Im ASS gabs keine Kritik für Rincon/Kacar. Oft werden da ja auch nicht allzu viele Dinge bewertet, sondern vor allem illustriert, was eh ok ist. Insgesamt auf jeden Fall ein gutes Gefäss und war auch gut gemacht diesmal wieder.

Finks Fussball ist wirklich sehr interessant anzuschauen. Habe zuletzt in Basel gelebt und viele Spiele gesehen da. Bin sehr neugierig, wie das in der Bundesliga umgesetzt werden wird.

Fürs erste Spiel war das hier eh ok, waren viele Dinge zu sehen bereits. Allerdings auch, dass die Abläufe für die Spieler momentan noch ziemlich unnatürlich sein müssen. Wann und wie sich Rincon/Kacar fallen liessen, wirkte etwas erzwungen – als hätten sie einen Mann im Ohr, der inständig Anweisungen gibt (“Ball auf dem Weg von Torhüter zu Innenvertedigier, jetzt losmarschieren”…). Zeitweise war der Abstand der Innenverteidiger zueinander zu gering, um sich noch dazwischen fallen zu lassen, da hätten sie abwarten oder sich gleich nach links oder rechts aussen fallen lassen sollen. Auch das Verhalten der Innenverteidiger selbst und die Kommunikation untereinander hat da wohl nicht immer ganz gepasst. Auch weiter vorne gabs ähnliche Dinge zu sehen, Jansen hat sich schlecht bewegt. Aber eben, kein Vorwurf nach dem ersten Spiel. Ist mir nur aufgefallen, weil bei Basel viele Abläufe schon viel natürlicher drin sind. Allerdings bin ich schon skeptisch, ob Rincon/Kacar und Jansen die richtigen Leute für diese Rollen sind. Es wird bestimmt besser werden, aber ob Rincon/Kacar jemals das nötige Gefühl für die Situationen und Ruhe am Ball entwickeln werden, hmm…

Absicherung wird auf jeden Fall ein Thema sein, war es bei Basel eigentlich bis zuletzt, wobei hinten drin meist nicht allzu viel schief ging. Es wird da nicht viel mehr Absicherung zu sehen sein im System als am Samstag schon, man wird beim Aufbau fast immer 7 Leute vor dem Ball haben, was wirklich ziemlich riskant ist und in der Bundesliga vielleicht Probleme bereiten könnte. Es wird im Gegensatz zur Schweizer Super League hier mehr Teams geben, die höher angreifen werden und vor allem gibts mehr, die aus solchen Positionen viel schneller und effektiver umschalten können. Aber da der Ball so souverän lief (dank der individuellen Überlegenheit auch und der tief stehenden Gegner) waren bei Basel nicht unbedingt diese klassischen Konter ein Problem. Vielmehr waren es Offensivspieler, die bei Ballverlust nicht richtig reagiert haben. Sie sind auf Grund der variablen Laufwege meist ausser Position und müssten dann schnell nach hinten umschalten, bzw. Kollegen müssten ihre Positionen übernehmen. Insgesamt müssten im Rückwärtsgang viel kommuniziert, Spieler übergeben werden, usw. Das hat nicht immer geklappt. Und so waren dann zwar wieder 6, 7 Leute hinter dem Ball, aber ein Flügel verwaist oder die Abstimmung in bestimmten Räumen schlecht. Mal sehen, wie das beim HSV aussehen wird.

Johan Petersen 24. Oktober 2011 um 11:35 am

Was wären wir hier ohne Dich. Hast Du zufällig eines der letzten Spiele unter Oenning gesehen? Wenn der HSV da nicht ähnlich strukturiert agiert hat, ist es schon erstaunlich, wieviel Fink in wenigen Tagen bewegt hat. In diesem Fall glaube ich auch nicht, dass wir Oenning noch einmal in der Liga sehen werden. Kaum einmal hat ein Trainer über Monate hinweg so wenig bewegt.

Jansens Dynamik fand ich so schlecht nicht. Zusammen mit Aogo sind seine Laufwege von außen nach innen schwer zu verteidigen – siehe seine Chance nach etwa 50 oder 55 Minuten. Schöner Angriff.

Rincon und Kacar sind sicherlich die größte Baustelle. Westermann muss auf die Innenverteidigung beschränkt bleiben.

topflappen 24. Oktober 2011 um 1:32 pm

Jaja, das ASS macht das schon länger, aber aufschlussreich fand ich es nicht immer. Am Samstag zeigten sie jedenfalls die Rollenteilung der Sechser bei Ballbesitz in Kombination mit weitem Aufrücken der Außenverteidiger. Ähnlich wie du mal eine Variante des Spielaufbaus beschreiben hast, in der einer der Außenverteidiger ins Mittelfeld zieht und dann eine “Dreierkette” den Spielaufbau bestreitet, zog sich hier immer Rincon oder Kacar zwischen die beiden Innenverteidiger zurück, während die Außenverteidiger hoch standen und der andere 6er als hohe, zentrale Anspielstation, ähnlich wie in der Raute, agierte. Was zum Beispiel nicht hinterfragt wurde, war, dass die Ketten im Falle eines Ballverlustes sehr weit von einander weg sind, die Außenverteidiger ebenfalls, und dass somit im Falle eines Konters eine Dreierreihe über den Haufen gelaufen werden kann.

Johan Petersen 24. Oktober 2011 um 1:47 pm

Jetzt wird mir auch klar, warum Thoelke und Kyrgiakos immer wieder zu weit voneinander standen – der Grieche kann immer noch kein Deutsch.

BenHasna 24. Oktober 2011 um 3:20 pm

Jo, ich sehe Oenning auch nicht mehr als Cheftrainer in dieser Liga. Ich glaube er hat viele Dinge richtig erkannt, aber der Mannschaft überhaupt nicht vermitteln können. Vor allem die Balance zwischen genereller Spielidentität und einzelnen taktischen Elementen hat er nicht hingekriegt. Ganz zum Schluss hat sich das doppelt negativ ausgewirkt. Da hat er in Verzweiflung versucht mit bestimmten Auf- und Einstellungen irgendwie aus dem jeweils folgenden Spiel Erfolg rauszupressen.

Gegen Köln zum Beispiel sehr schön die Schwächen Kölns bespielt (Flügel/Flanken, Bälle über die Abwehr, usw.), sehr gute Angriffe einstudiert gehabt, das Team hats auch umgesetzt, ist zu Chancen gekommen, aber das schon zuvor schwächelnde Defensivzentrum wurde nicht stabilisiert und man hat wegen Kontern und Standards noch verloren. Der Plan war nicht schlecht, war auch Pech dabei, aber eben, halt doch verloren und irgendwie eine Chance vergeben, mit dem Team grundsätzlich die Identität zu entwickeln, Schwachstellen auszubessern, ganzheitlich besser zu spielen.
Oder gegen Gladbach, mit neun “Defensivspielern” angetreten, die richtigen Räume geschlossen auch, gar nicht so schlecht ausgesehen, aber dann doch ein bisschen aufgemacht und vorgeführt worden. So dieses Spiel verloren und wieder eine Chance vergeben, mit dem Team grundsätzlich weiterzukommen…

Aber jo, ist halt blöd, wenn man in einer Krise steckt. Irgendwas muss man tun und wenns keine Identität gibt, auf die man sich stützen kann, weil Spieler und Verantwortliche daran glauben, dann ists doppelt schwierig.
Klar hat er in einem ersten Schritt es versäumt, so etwas entstehen zu lassen, bzw. konnte es nicht vermitteln. Aber zu seiner Verteidigung muss auch angefügt werden, dass die Situation nicht einfach war mit den Verpflichtungen, teilweise erst im laufenden Betrieb abgeschlossen (Rajkovic, Skjelbred, etc.). Letztlich haben Werder und Schaaf letztes Jahr auch v.a. dank der Rückkehr zur Raute und z.b. einem starken Borowski oder sich entwickelnden Silvestre aus dem Tief gefunden. Oenning hatte weder eine Raute noch einen Borowski in der Hinterhand… Aber eben, das entschuldigt auch nicht alles und eine weitere Chance in der Liga würde ich ihm nicht geben.

Fink ist sicher in der vorteilhaften Position, dass die Spieler nach einer klaren Identität lechzen dürften. Und bringt natürlich selbst die Qualität mit, über eine ganz bestimmte Spielweise zu verfügen, bedingungslos daran zu glauben und diese auch vermitteln zu können. Insofern ist er zweifellos der bessere Mann. Und verdient sich zwar das Lob für neu gewonnene Struktur im HSV-Spiel, wird sich aber zumindest von mir an anderen Punkten messen lassen müssen. Denn genau dafür steht Fink, für eine klare Idee und den Glauben daran. Aber flexibel war er zumindest in Basel zum Beispiel nur beschränkt, Plan B am Ball oder Alternativ-System gabs fast gar nicht, das (Gegen-)Pressing war kaum ausgeprägt und gewisse (Personal-)Entscheidungen haben auch mal seine Ungeduld oder Festgefahrenheit durchschimmern lassen. Jedenfalls, ich bin gespannt, wie diese Ideen in der Bundesliga umgesetzt werden können und wie er sie allenfalls anzupassen in der Lage ist.

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