Das Spiel wollte den Beweis für folgenden, nicht in allen Gesellschaften gleich funktionierenden Volksglauben antreten: jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Denn im Matchplan des Fußballgottes stand geschrieben, dass Hannover erneut vom Gegner früh einen unnötigen Elfmeter bekommt, der die Dynamik des Spiels entscheidend verändert. Dies war bereits gegen Bremen der Fall, und dieses Mal legte der Gegner auch noch einen frühen, ebenso unnötigen Platzverweis oben drauf.
Doch Hannover hat dieses Matchglück auch verdient. Die Viererkette agiert sehr harmonisch, die Konter sind ohnehin klasse und im Zentrum setzt Slomka auf spielerische Sechser – niemand hindert die Leverkusens, Herthas und Augsburgs dieser Liga es ihm nach zu tun.
Slomka im gewohnten 4-4-2, in dem Schlaudraff immer mal wieder ins Mittelfeld abtauchte, und auch tiefer gegen den Ball arbeitete als Abdellaoue, der die Spitze hielt. Bei Bayern agierten Kroos und Schweinsteiger vor dem zentralen Sechser Gustavo. Links Ribery, rechts Müller – beide hielten ihre Seiten.
Es war vom Anpfiff weg ein tolles, leckeres Fußballspiel. Was Bayern zur Zeit zeigt, hat ganz viel mit Fußball zu tun. Die Technik und Passschärfe, die Ballan- und -mitnahme des zentralen Mittelfelds sind beeindruckend, ebenso die Flanken von Ribery und Müller. Die Bewegungsabläufe und das Spielverständnis von Toni Kroos sind zur Zeit schon das Eintrittsgeld wert. In dieser Form kann er einer der besten drei Spieler der EM im nächsten Sommer werden.
Doch Hannover bewegte sich — in seiner naturgemäß anders angelegten Spielanlage — ebenfalls auf höchstem Niveau. Der Konter nach zehn Minuten, den Abdellaoue an den Pfosten setzte, war einer der sehenswerteten, den ich in der Liga gesehen habe. Das hochwertigste technische Kabinettstückchen wurde nicht von Ribery, Kroos oder Schweinsteiger vorgeführt, sondern von Schmiedebach.
Bayern verteilt Geschenke
Es spricht für die Qualität von Hannovers Abwehr, die manchmal ein bisschen tief an den Strafraum rutschte, dass sie bei aller spielerischer Qualität der Bayern in den ersten zwanzig Minuten nur zwei Torchancen der Bayern zu ließ – den Kopfball von Gomez und den Lattentreffer nach herrlichem Solo von Kroos.
Dann gab es die Geschenke von Lahm und Boateng. Nach dem Platzverweis rückte Gustavo in die Abwehr, und Kroos und Schweinsteiger sollten das Mittelfeld alleine schmeißen. Bis zur Pause hatte Hannover das Geschehen unter Kontrolle, ohne die sich bietenden Räume wirklich konsequent auszunutzen.
Nach Wiederanpfiff hatte Gomez plötzlich zwei Großchancen, doch es war nicht sein Tag (auch seine Laufwege überzeugten einige Male nicht). Direkt in der nächsten Szene köpfte Rafinha einen langen Ball unbedrängt zurück zu Hannover – ein seltener Fall, in dem eine Rückgabe zu Neuer wohl besser gewesen wäre. Pander durfte 30-40 Meter auf die Bayern-Abwehr zulaufen, ohne dass diese ihm entgegen getreten wäre. Sein ins Tor abgefälschter Ball führt uns zurück zum Glück des Tüchtigen. Wer es aus der zweiten Reihe nicht versucht, erzielt diese Tore auch nicht.
Mit dem Platzverweis von Cherundolo kippte die Dynamik wieder zugunsten der Bayern, aber Hannover ließ in der folgenden Abwehrschlacht nur noch einen Gegentreffer zu.
Fazit: nichts passiert
In einem Spiel auf technisch ganz hohem Niveau hat Hannover wohl verdient gewonnen. Bayern hat spielerisch beeindruckt — auch in Unterzahl! –, sich aber in Person von Lahm, Boateng und Rafinha in der Abwehr gleich drei Patzer geleistet, die man sich gegen Hannover nicht leisten darf. Zumal, wenn vorne Gomez beste Chancen liegen lässt.
Bayern hatte also (im Grunde selbstverschuldetes) Pech, im Hinblick auf die Meisterschaft ist hier nichts passiert. Doch Hannover wusste wie gewohnt mit seinem Glück auch etwas anzufangen.


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Sehr treffender Spielbericht.
Der Hannoveraner Konter in der ersten HZ über Pander und Abdellaoue war wirklich brandstark gespielt.
Zudem bleibt festzuhalten, dass Manuel Schmiedebach ein hochveranlagter 6er ist. Es wird sehr interessant sein zu beobachten, ob 96 in der Lage ist, sich gegen potenzielle Bewerber zu behaupten und ihm einen Verbleib über 2012 hinaus schmackhaft zu machen.
Ein kleiner Hinweis am Rande: In deiner Aufstellung fehlen Stindl sowie Pander.
Huch, danke für den Hinweis.
Die Medien diagnostizieren immer diesen angeblichen Mangel an Linksverteidigern. Der besteht aber eher auf Schmiedebachs Position. Oder auch nicht, wenn die Liga noch nicht soweit ist und weiter auf die Rolfes dieser Welt setzt.
Wirklich ein richtig gutes Spiel, für mich das beste dieser Saison bisher (auch wenn mir das Ergebnis natürlich weniger schmeckt).
Das erste Tor war einfach schlecht verteidigt. Lahm und Rafinha waren beide gut am schwimmen, was die Vermutung nahelegt, dass es systembedingt gewesen sein könnte.
Ich frage mich, ob Lahms spätere Versetzung auf die rechte Seite auch etwas mit seiner defensiven Leistung zu tun hatte…
Beim zweiten Tor rückt keiner aus der Kette raus, um Pander zu stellen. Die “6er” sind ewig weit weg und stufen die Situation scheinbar als ungefährlich ein, wenn man dem das Tempo zugrundelegt mit dem sie verschieben. Wenn man Pander da schießen lässt muss man sich nicht wundern, wenn es rappelt. Auch wenn dieses Tor schon glücklich war.
Mein erster Gedanke nach der roten Karte war einen beweglicheren Stürmer für Gomez zu bringen, um die Hoheit im Mittelfeld nicht zu verlieren. Also entweder Müller vorne rein und jemanden (Alaba) für den Flügel oder Olic für Gomez. Gomez stand dann aber (für mich überraschenderweise) noch einige Male im 1ggn1 mit Zieler, also hat Heynckes wohl alles richtig gemacht.
Auf welcher Position siehst Du Kroos denn in der Nationalmannschaft?
Wenn Du vor allem seine Spielintelligenz lobst: Ich finde er weiß manchmal seine unbestritten überragenden Fähigkeiten noch nicht (voll) auszunutzen. Im Vergleich zu Götze wirkt er einfach noch nicht so “reif”.
Und danke für den Artikel, hatte schon nicht mehr damit gerechnet.
Was ist denn gegen die Rolfes dieser Welt einzuwenden?
Zu selten offene Stellung zum Spielfeld hin, zu selten Ballverarbeitung aus der Bewegung heraus. Kann das Spiel daher nicht schnell machen.
Bei Lahm und Rafinha hatte ich eher den Eindruck, dass die beiden einfach individuell nicht ihren besten Tag erwischt haben. Aber auch als Gesamtgebilde war die Bayern-Abwehr nicht so griffig wie sonst.
In der Nationalmannschaft gibt es für Kroos nur eine Position, auf der Sechs neben Schweinsteiger, im 4-2-3-1. Wenn Löw auf ein 4-1-4-1 umstellt, was ich im Moment sehr skeptisch sehe, landet er vermutlich auf der Bank.
Ich sehe Kroos nicht so oft wie Du – habe aber den Eindruck, dass er weiter ist als Götze. Kroos hat ja auch zwei Profijahre Vorsprung, wenn ich richtig rechne. Götze ist auf höherem Niveau eingestiegen — bei Dortmund ist es auch einfacher, sich durchzusetzen und bei kleinen Löchern nicht gleich wieder aus der Mannschaft zu fliegen –, muss jetzt aber den nächsten Schritt machen, und die gleichen Leistungen in der Champions-League und bei der EM zeigen. Er leistet sich noch zu viele schlampige Pässe mit dem rechten Außenrist – von einem Mesut Özil, bei Kontern wohl auch Podolski trennen ihn bei diesem Detail Welten. Auch Kroos hat besseres Timing bei seinen Bällen in die Spitze.
was mir auffällt ist, dass lahm wiederholt hinten böcke schießt dieses jahr. in der nationalelf, wie im verein. auch nicht sein erster verschuldeter elfmeter, ein überraschend dummer übrigens. oder sehe ich nur die ganzen anderen spiele nicht, wo er hinten richtig gut ist? habe den eindruck dass er rechts defensiv besser ist als links, allerdings ist er dort offensiv stärker. hm.
Ja, Lahm ist rechts hinten stärker, weil er meistens mit dem starken Fuß in den Zweikampf gehen kann. Sagt er auch selber.
Scheint nicht seine beste Saison zu sein, aber wer in einer Abwehr spielt, die bis zum Sonntag quasi kein Gegentor bekommen hat, kann auch nicht sehr viel falsch machen.
Mich wundert, dass die Medien diese Lahm: rechts oder links?!-Debatte nicht sofort wieder aufgegriffen haben.
Kroos ist wirklich ein … kroosartiger Spieler (höhö). Es geht mri auch hauptsächlich um den Kopf. Bei Götze ist alles so natürlich, er tut alles so selbstverständlich, “als hätte er sein Lebtag noch nichts anderes gemacht”. Kroos dagegen wirkt auf mich gehemmt.
Ich denke er kann sein Potential momentan nicht mal annährend ausnutzen.
Das mit dem 4-2-3-1 oder 4-1-4-1 ist so eine Sache: Wenn man 4-1-4-1 spielen lässt, um Götze und Özil beide ins zentrale offensive Mittelfeld zu stellen, sehe ich das auch kritisch. Wenn aber einer der beiden “6er” temporär aufrückt, um zusammen mit dem “10er” die “Doppel-6″ oder “Doppel-8″ (4-1-2-3) besser pressen zu können finde ich es gut.
Bedenkt man, dass die Spielertypen, die man auf die “Doppel-6″ stellt ein relativ verlässlicher Gradmesser dafür sind, welche Art Fußball eine Mannschaft spielen möchte frage ich mich nur, was das über die Nationalmannschaft aussagen würde.
Auch ein Khedira hat seine Qualitäten.
Aber es bleibt abzuwarten, ob sich die Frage überhaupt stellt. Ausfälle gibt es ja immer.
Da wir sowieso bei der Nationalmannschaft sind eine kurze Frage, die nichts mit dem Thema zu tun hat: Siehst Du Hunt im EM-Kader?
Nochmal Kroos: Er leistet sehr viel und ich will auch nicht sagen, dass er sich nicht anstrengt! (z.B. seine Bereitschaft einen Zweikampf körperbetont und dreckig zu bestreiten ist in den letzten Wochen enorm gewachsen)
Ich wollte auch sicher keinen *****vergleich Kroos vs. Götze anstellen, allein schon, weil sie in meiner groben “internen” Einteilung zwei verschiedene Spielertypen sind (Götze ein Dribbler, Kroos ein Passer).
Ich meine nur, dass er sein spielerisches Licht unter einen Scheffel stellt.
Interessant. Wenn er noch nicht am Limit spielt, umso besser für uns.
Ich bezog mich auf ein 4-1-4-1 mit Özil und Götze. Özil und Kroos könnte ich mir auch vorstellen, wobei in den Nuancen vielleicht das 4-2-3-1 besser abschneidet. Will man Schweinsteiger auf eine sehr tiefe Rolle reduzieren?
Ich finde Aaron Hunt großartig. Im Moment schmeisst er bei uns an manchen Tagen im Alleingang das Mittelfeld (weil die anderen Formprobleme haben).
In der Nationalmannschaft ist allerdings die Konkurrenz noch mal eine Nummer stärker – Özil, Götze, Müller, Podolski, Kroos, Schweinsteiger, Schürrle, auch Holtby scheint sich zu entwickeln. Khedira. Damit sind wohl schon alle Kader-Plätze weg, und realistischer Weise sind ihm diese Spieler grundsätzlich ein ganzes Stück voraus. Hinzu kommt: er ist weder ein Flügelspieler, noch ein Sechser. Im 4-2-3-1 könnte er am ehesten hinter der Spitze spielen.
Es müsste also zwei oder drei Ausfälle geben, damit er ganz hinten in den Kader rückt.