Die Abhängigkeits-Tabelle der Bundesliga: Platz 6 bis 1

von Johan Petersen am 21. Oktober 2011

6. Hertha BSC Berlin. Der Hauptstadt fehlt es an guten Fußballern in der Abwehr. Für Roman Hubnik, Andre Mijatovic, Maik Franz und Levan Kobiashvili ist der Ball ein Arbeitsgerät, das ihnen während einer Schicht nun mal einige Male unterkommt – aber Gegenspieler werden zur Erfüllung des Produktionssolls bevorzugt. Weil davor auch Andreas Ottl und Peter Niemeyer Sechser der alten, unbeweglichen Schule verkörpern, tut sich Hertha in Heimspielen schwer, das Spiel zu machen. Noch weiter vorne spielen allerdings einige gute Fußballer, aus denen Raffael noch einmal herausragt – siehe seine Gegenangriffe beim Sieg in Dortmund.

5. 1. FC Köln. Kaum prophezeie ich Lukas Podolski den Herbst seiner Karriere, läuft er wie gewohnt zur alten (Konter)form auf. Zwar hat Köln einige spielerische Stützen in der Mannschaft, und zeigt unter Stale Solbakken manchmal auch durchdachte Spielzüge gegen tief stehende Gegner – doch seine einmalige Wucht bei Kontern und allgemein vor dem Laden machen ihn unverzichtbar.

4. Bayer Leverkusen: Ähnlich wie Dortmund hat Bayer viele gute Fußballer im offensiven Mittelfeld und mit Eren Derdiyok auch im Sturm. Doch es fehlt ein kreativer Spieler, der aus tiefen Positionen das Angriffsspiel strukturiert und Tempo ins Passspiel bekommt. Die kantigen Lars Bender, Simon Rolfes und Michael Ballack fahren in deutscher Tradition als unbewegliche Panzer auf der Sechser-Position auf. Daher wird in dieser Saison viel von den atemberaubenden Antritten Andre Schürrles abhängen.

3. SC Freiburg. Papiss Demba Cisse knipst und knipst und knipst. Zwar verfügt Freiburg im Vergleich zu anderen Kellerkindern immer noch über eine gute Spielanlage, die fast immer Chancen heraus spielt. Doch das Team hängt von der Kalblütigkeit Cisses ab, um die vielen Gegentore zu kompensieren.

2. Schalke 04. Bei Schalke war in den letzten Jahren der große Kontrast zwischen Erfolg und spielerischer Qualität auffällig: vertikale Bälle auf Kevin Kuranyi, Effizienz bei Standards, eine gute Abwehr und Manuel Neuer waren die Säulen des Erfolgs. Ralf Rangnick hat versucht, mit Lewis Holtby im defensiven Mittelfeld endlich mehr spielerische Tiefe in die Mannschaft zu bekommen. Und trotzdem haben auch in dieser Saison die außergewöhnlichen Antritte Jefferson Farfans Schalker Spieler entscheiden müssen – so gegen Mainz, als er nach seiner Einwechslung das Spiel gedreht hat. Mit Raul und Jan-Klaas Huntelaar steht vorne viel Qualität auf dem Platz. Rangnick hat auch einige standardisierte Angriffe über die Flügel in die Mannschaft gebimst, die auf rechts wie links funktionieren. Dennoch liegt Schalke in dieser Tabelle fast an der Spitze, weil an manchen Tagen immer noch viel von der Schnelligkeit Jefferson Farfans abhängt.

1. Borussia Mönchengladbach. Lucien Favre hat Mönchengladbach in der letzten Monaten spielerisch in eine andere Umlaufbahn katapultiert. Vor seinem Amtsantritt konnte die Mannschaft nur kontern. Jetzt kann sie an guten Tagen selber das Spiel machen; Martin Stranzl und das defensive Mittelfeld zeigen über den rechten Flügel schöne und gründlich automatisierte Angriffszüge. Doch diese funktionieren nur über die rechte Seite, und an normalen Tagen hängt die Mannschaft immer noch von den Explosionen von Marco Reus ab. Seine Schnelligkeit und seine (noch ausbaufähige) Kaltschnäuzigkeit vor dem Torwart bei Kontern sowie seine diagonalen Läufe von außen nach innen sind die wesentliche Waffe Gladbachs – zumal die anderen Verdächtigen im Sturm vor dem Tor bei vielen Chancen genau das bleiben: verdächtig (Gladbach hat den drittschlechtesten Sturm der Liga). Gladbach ist daher erster.

Eine Spielerei. Aber wenn man alle Bundesligisten unter diesem Aspekt querliest, ergeben sich auch Erkenntnisse. Wenn Mannschaften stark von einem Spieler abhängen, dann ist dieser meistens ein überdurchschnittlicher Flügelspieler. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Mannschaft Probleme hat, als Mannschaft den Ball spielerisch und variabel in die torgefährliche Zone zu bekommen. Es hapert bei diesen Mannschaften also an einer guten, vertikalen Spieleröffnung aus der Abwehr und an spielstarken Sechsern, die den Ball zum Spielfeld hin mitnehmen.

Denn Räume auf dem Flügel, die auch einem durchschnittlichen Flügelspieler genügen, schafft eine Mannschaft, indem sie die ersten ein oder zwei Pässe des Angriffs in das Dickicht in der Mitte spielt.

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borttronic 21. Oktober 2011 um 9:15 am

Stimme Dir da nur begrenzt zu. Werder ist von Pizarro deutlich abhängiger als Leverkusen von Schürrle oder auch Hannover von Schlaudraff.

Johan Petersen 21. Oktober 2011 um 9:43 am

Kannst Du das erläutern.

Topflappen 21. Oktober 2011 um 5:02 pm

Ich bin in einigen Fällen etwas erstaunt über dein Fazit. Ich hatte vor deinen Charts eigentlich gedacht, dass ein systematischer Ansatz, also eine mannschaftsübergreifende Spielidee/taktische Ausrichtung die Abhängigkeit einer Mannschaft vom Einzelkönnen einiger Spieler reduziert. In deiner Liste tauchen aber hier interessanterweise gerade Mannschaften ganz oben auf, die durch eine systematische Herangehensweise auffallen bzw. sich gerade in der letzten Zeit unter neuen Trainern von der “Junge, gib ma rischtig Gas!”-Idee verabschiedet haben (Gladbach unter Favre, Köln unter Solbakken, Schalke unter Rangnick, Hannover unter Slomka, Leverkusen unter Dutt?).
Ich habe eher das Gefühl, dass das Erstellen deiner Hitliste immer schwieriger wird, weil fast alle Vereine mit wenigen Ausnahmen mittlerweile dazu übergegangen sind, mannschaftsübergreifend zu denken und Trainer zu engagieren, die systematisch an die Sache herangehen. Zählt man nämlich zu der Liste oben noch die Freiburg, Mainz, Dortmund und Hoffenheim, bei denen der Ansatz früh verfolgt wurde, hinzu, dann sind ja fast schon alle Mannschaften beisammen. Wahrscheinlich gibt es auch immer noch Ausnahmen (Schalke unter Stevens würde ich jetzt mal darunter vermuten oder Wolfsburg vielleicht). Aber ich glaube, du hast mehr eine Analyse der wichtigsten Spieler einer jeden Mannschaft erstellt, als ein Ranking, welche Mannschaft am stärksten von Einzelspielern abhängt.

Topflappen 21. Oktober 2011 um 5:09 pm

Nachtrag:
Was aber nicht deiner Gesamtanalyse widerspricht, denn auffallend ist in der Tat die Abhängigkeit von den Flügelspielern. Das hat aber, wie du ja selbst sagst, weniger mit den Spielern an sich zu tun, sondern mit den systematischen Bedingungen eines Spielzugs. Vielleicht lautet die hinter deinem Ranking stehende Frage also eher, welche Mannschaft in welcher Konsequenz in der Lage ist, ihre Spielidee umzusetzen. Dabei stößt man dann wahrscheinlich eher weniger auf Spitzenkönner, sondern mehr auf limitierende Faktoren (wie du sie in einigen Beispielen auch schon angesprochen hast).

Alfred 22. Oktober 2011 um 2:59 am

Ich stimme im grussem und ganzem die Auflistung zu. Die Meinung über Bayer 04 Leverkusen kann ich allerdingss nicht teilen. Diese Fussball-Manschaft ist viel mehr als nur André Schurrle, und ist auch sehr stark Besetz im Mittelfeld ohne ihn. Siehe Sidney Sam und Reanato Augusto, die Meinung nach noch ein ticken beweglicher sind.

Johan Petersen 22. Oktober 2011 um 11:34 am

@topflappen: Gladbach und Köln haben sich wie gesagt spielerisch enorm weiterentwickelt zuletzt, und sind damit natürlich auch prinzipiell weniger abhängig von Einzelspielern. Nun haben aber beide mit Reus und momentan Podolski überragende Einzelspieler in ihren Reihen, ohne die sie einfach andere Mannschaften wären. Es ist sozusagen eine Abhängigkeit auf relativ hohem Niveau.

Rangnick war bei Schalke mit seinen Versuchen, die spielerische Qualität zu heben, noch nicht sehr weit gekommen, hatte ich in den ersten Saisonspielen den Eindruck. Bzw. es fehlte noch die Konstanz.

Leverkusen bewerte ich grundsätzlich anders als die meisten Beobachter. Die Mannschaft hat meiner Meinung nach ein großes Problem in Spieleröffnung und Passspiel aus dem defensiven Mittelfeld, wo Rolfes und Bender keine gute Ballan- und -mitnahme zeigen. Wenn der Ball aber doch einmal Schürrle und sicherlich auch Sam erreicht hat, geht die Post ab. Daher sind sie so wichtig. Daher ist auch Renato Augusto wichtig als Gegengewicht zu Rolfes/Bender, aber er ist einfach zu blass im Moment.

Und es dauert, bis Trainer wie Rangnick oder Dutt diese Probleme beheben können. Deswegen kann ich die Kritik an Dutt auch nur teilweise nachvollziehen.

Hennes 2. November 2011 um 5:42 pm

Sehe das ähnlich wie meine Vorredner, namentlich borttronic. Schürrle ist längst noch nicht so weit, Leverkusens Droge zu sein. Auch zeigt Ballack seit ein paar Wochen, dass er das Panzer-Klischee in Deinem Beitrag mit feinem Füßchen spielerisch tunnelt.
Bremen ist – angesichts der Tore von Pizarro bei gleichzeitiger Abstinenz ernsthafter Sturmalternativen – abhängiger denn je vom Peruaner! Dass Bremen hier nicht auftaucht, ist ganz klar ein Versäumnis!

Johan Petersen 3. November 2011 um 12:41 am

Auf Grundlange der letzten drei Spiele müsste Werder hier unter den ersten fünf stehen. Zuvor war Werder spielerisch so gut, dass die Mannschaft sich ohne Pizarro Torchancen erarbeitete – wer die dann vorne verwertet, ist demgegenüber nicht mehr so wichtig. Keine ernsthaften Alternativen? Mit Rosenberg und Arnautovic gibt es auch Alternativen, die vor dem kleinen Loch zuletzt mehr treffen als jede andere zweite Garde der Liga. Steht doch alles schon oben im Beitrag.

Ballack hat sich gesteigert, ändert aber nichts an den strukturellen spielerischen Problemen dahinter.

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