Welche Spuren hinterlassen Solbakkens Innovationen auf dem Bundesliga-Acker?

von Johan Petersen am 25. August 2011

Das ewige Prinzip des Fußballs ist der doppelte Wettstreit zwischen Angriff und Verteidigung: man versucht besser zu verteidigen als der Gegner angreift und besser anzugreifen als der Gegner verteidigt.
Beide Strategien bedingen einander – wer in der gegnerischen Hälfte den Ball erobert, kann in der Folge effektiver angreifen, als wenn er ihn am eigenen Strafraum gewinnt.

Die vielen kleinen Zufälle, Reibungen, Lücken und Fehler, die dieser Wettstreit in den Platz furcht, bestellen das Fußballfeld für Innovationen.

Alle paar Jahre versucht sich auch ein Bundesligist an einem ausländischen Modernisierer. Köln hat Stale Solbakken verpflichtet, doch erst nach den ersten Niederlagen scheint dem Verein und der Mannschaft zu dämmern, wie tief sie nun in den Furchen des Innovation-Ackers wühlen müssen.

Im Zentrum von Solbakkens Taktik steht die Antwort auf die Frage, die ich im letzten Jahr gestellt habe: wie verteidigen, wenn es keine Stürmer mehr gibt? Anders gesagt: ist die Anforderung an Verteidiger, ihren Gegenspielern durch ihre Zone zu folgen, noch zeitgemäß, wenn die Stürmer nur noch die Aufgabe haben, sie durch ihre Laufwege aus ihren Positionen zu locken und damit den gesamten Abwehrverband zu zertrümmern?

Das veranschaulicht dieses gerade diskutierte Beispiel aus dem Freundschaftsspiel Deutschland gegen Brasilien: Lucio (3) folgt Klose (9) dem Ball entgegen, und öffnet damit gleichzeitg den Passweg für Kroos (10) und den Laufweg für Götze (8), die sich so tödlicher Weise direkt vor dem Torwart vereinigen.

Durch Lucios Ausrücken bricht das kollektive Gebilde Viererkette in seine Einzelteile auseinander.

Ich habe damals einige Kriterien formuliert, anhand derer Verteidiger entscheiden, ob sie ihre Position in der Viererkette verlassen. Bei Solbakken sollen sie dies nur tun, wenn sie den Ball sicher erobern können. Das fügt den Entscheidungen, die Abwehrspieler treffen müssen, eine völlig neue und ungewohnte Dimension hinzu, die zunächst überfordern muss. Es dauert lange und bedarf viel Trainings, bis diese vom Kopf in die Intuition übergehen.

Noch ganz dicht?

Wäre das Tor Götzes gegen Brasilien auch gefallen, wenn Lucio seine Position gehalten hätte, anstatt Klose zu folgen? Zunächst hätte Klose den Ball annehmen und sich auf die Viererkette hin drehen können, vermutlich unterstützt von Kroos. Das ist aber erst einmal nur dann ein gefährliches Szenario, wenn ihm Passwege auf Mitspieler zur Verfügung stehen, die Laufwege durch die Abwehr haben. Genau die würde Lucio aber zu stellen, so dass Klose ins Dribbling gegen zwei Innenverteidiger müsste, die von den Aussenverteidigern unterstützt werden – sehr wahrscheinlich verliert er hier den Ball.

Trotzdem eine gefährliche Situation, vor allem wenn Klose den Ball auf Flügelspieler durchstecken kann, die nicht im Abseits stehen. Deswegen ist es so wichtig, dass in Solbakkens 4-4-2 die beiden Viererketten – Abwehr und Mittelfeld – ganz dicht beieinander stehen. Kann Lucio den auf ihn zulaufenden Klose nur kurz aufhalten, muss der von oben kommende Sechser wieder eingreifen können.

Der springende Punkt für mich ist, ob man daraus Konsequenzen für die Höhe und Breite der Mannschaft zieht. Bei Solbakken soll die Viererkette sehr hoch stehen – das ist riskant, braucht verdammt schnelle Abwehrspieler und einen sehr gut mitspielenden Torwart. International geht der Trend eher wieder davon weg. Ich glaube auch nicht, dass es dadurch einfacher wird, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen kurz zu halten.

Die Sichel bricht

Zu Solbakkens Neuerungen gehört, dass die Außenverteidiger im 1 gegen 1 auf dem Flügel alleine gelassen werden.

Eine Ungenauigkeit der Presse bei diesem Punkt scheint mir zu sein, dass es schon länger nicht mehr zwingend üblich ist, dass der Innenverteidiger mit dem Außenverteidiger doppelt. Es ist international bereits seit einiger Zeit zu beobachten, dass sie sich ins Zentrum zurück ziehen, um dort die Flanken abzuwehren – zum Beispiel bei der WM in Südafrika; auch Werder handhabt das so.

In der blauen Sichel sichert der Innenverteidiger (4) den Außenverteidiger ab. In der roten, neueren Sichel hält er das Zentrum:

Allerdings doppeln in der Liga die Mittelfeldspieler den Außenverteidiger, vor allem gegen Spieler der Klasse Robbens oder Riberys.

Solbakken denkt also einen Schritt weiter, und versucht, die Außenverteidiger gar nicht erst in diese 1 gegen 1-Situation auf dem Flügel geraten zu lassen. Dazu sollen die Flügelspieler im 4-4-2 bzw. 4-5-1 so weit außen stehen, dass Pässe auf die gegnerischen Flügelspieler zugestellt werden:

Damit steht die gesamte Mannschaft sehr breit, während es eine sonst oft zu beobachtende Strategie ist, den Gegner auf den Flügel zu lenken, und ihn dann mit Pressing an der Seitenlinie festzunageln: man trifft die Fliege nicht, wenn sie durch den Raum schwirrt, sondern wenn sie an der Wand sitzt. Hier ist entsprechende Arbeit der Stürmer gefordert, damit der Gegner das Spiel auch dann nicht vertikal eröffnen kann, wenn die Flügelspieler nicht einrücken.

Spätestens an dieser Stelle ergeben sich allerdings Konsequenzen für die Höhe der Mannschaft. Steht sie am eigenen Strafraum und der Außenverteidiger verliert das 1 gegen 1, brennt sofort der Baum, weil er direkt flanken kann. Passiert dies hoch in der eigenen Hälfte, ist noch genug Zeit, den Brandherd zu löschen.

Wieviel reisst der Provinz-Gott mit sich?

Ob sich Solbakken in Köln behaupten kann, wird mitentscheiden über die Innovationsfreudigkeit der Bundesliga, die sich taktisch im Vergleich zu anderen europäischen Spitzenligen oft langsamer entwickelt.

Leider trifft er in Köln auf eine der unglücklichsten Konstellationen der Liga, deren Innovations-Hochburgen an den ruhigen Standorten in Freiburg und Mainz stehen, vielleicht auch Nürnberg und Hoffenheim. Er trifft dort nicht nur auf das unruhigste Medien-Umfeld, sondern auch auf den Provinz-Gott Lukas Podolski, der seit zwei bis drei Jahren stagniert und der in der Nationalmannschaft bei der EM im nächsten Sommer von Schürrle oder Götze verdrängt werden wird. Er ist auf dem Weg zu einem lokalen Helden, der am Ende der Versuchung erliegen könnte, seinen Bedeutungsverlust ausserhalb des Clubs durch eine Zementierung seiner Position innerhalb seines kleinen Horizonts auszugleichen. Seinen Kampf um einen Nationalmannschaftsplatz wird er über seine — tatsächlich unverwechselbaren — bang-boom-bang Tore führen wollen, nicht indem er Solbakkens kleinteilige Anweisungen im Stellungsspiel gegen die gegnerischen Sechser buchstabengetreu umsetzt.

Die Situation Solbakkens in Köln erinnert an Werders Verpflichtung von Aad de Mos als  Nachfolger von Otto Rehhagel 1995. Dessen Retro-Fussball lag in Bremen in seinen letzten Zügen (erlebte aber später in Lautern und Griechenland eine erstaunliche Renaissance) und nach fast 15 Jahren Amtszeit bestand ein grosser Modernisierungs- und Änderungsbedarf. De Mos führte die Viererkette ein, doch er wollte zu viel zu schnell, und das Experiment dauerte nur ein halbes Jahr.  Die Liga hat die Kette flächendeckend später als andere Ligen eingeführt.

Damit sind wir beim nicht minder spannenden – aber hier zu weit führenden – Thema, unter welchen Bedingungen Innovationen in Institutionen gelingen oder nicht. Günstig ist eine schwere Krise, die allen Beteiligten die Notwendigkeit für Änderungen deutlich macht – zum Beispiel die Situation beim DFB Anfang der 2000er Jahre. Sonst braucht ein Trainer vermutlich erst Akzeptanz und Erfolg, bevor er radikale Veränderungen durchsetzen kann.

Ein weiterer, in diesem Sinne interessanter Schauplatz ist in dieser Saison Bayer Leverkusen, wo der innovative und taktisch sehr versierte Dutt auf die ewigen Platzhirsche Ballack und Rolfes trifft.

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Niklas 25. August 2011 um 5:05 pm

Zu deinem Lieblingsthema “Wie verteidigen, wenn es keine Stürmer mehr gibt?”:
Das 2:0 von Mainz. Spielaufbau über Noveski, Soto weicht auf den Flügel und zieht Papadopoulos raus, Allagui kommt entgegegen und ist frei im Raum zwischen Mittelfeld und Abwehr. Keiner der Schalker Abwehrspieler kommt mit, weil eigentlich Papadopoulos als einziger 6er diesen Raum besetzen sollte und zusätzlich Ivanschitz vorne für Unruhe sorgt. Allagui muss den Ball dann zwar mit dem Rücken zum Tor annehmen, wird dabei von Holtby aber auch kaum gestört und kann nahezu ungehindert aus 20 Metern abziehen. Nach Fährmanns Fehler verpassen es dann sowohl Höwedes als auch Höger Elkin Soto nachzusetzen, der den Abpraller nur noch einnetzen muss.
Das Interessante ist ja wieder, dass unter den Abwehrspielern kaum ein Schuldiger auszumachen ist. Papadopoulos muss Soto folgen um eine Mainzer Überzahl auf dem Flügel zu verhindern. Dass Höwedes und Matip stehen bleiben, finde ich auch in Ordnung, da sonst entweder Invanschitz oder Soto in die entstandene Lücke hätten stechen können.
Der entscheidende Fehler liegt denke ich vorne bei Moravek und Holtby. Moravek könnte statt Papadopoulos Soto übernehmen und vor allem Holtby hätte den freien Raum vor der Abwehr übernehmen müssen um Allagui im Zweikampf energischer am Torschuss zu hindern.
So ähnlich hätte Klose gegen Brasilien zum Torerfolg kommen können, wenn Lucio auf seiner Position in der Innenverteidigung stehen geblieben wäre.

reader 25. August 2011 um 5:44 pm

Die Innovation besteht also darin, dass die 4erkette nicht so stark nach außen verschiebt und die Mittelfeldaußen nicht nach hinten doppeln, sondern gegen die gegnerischen Außenverteidiger arbeiten?

Doppelt einer der 6er, wenn die Mannschaft doch einmal am eigenen Strafraum verteidigt?

Was passiert, wenn ein Außenverteidiger zu weit aufgerückt ist und der Gegner nun mit Tempo die Seitenlinie entlangzieht? Rückt ein Innenverteidiger dann doch auf den Flügel oder hält er das Zentrum?

Und wie verhindert man, dass der Ball hinter die Abwehr gespielt wird, wenn man “nur” im Raum steht und wenig Druck auf dem Ball ist?

reader 25. August 2011 um 6:07 pm

Ich muss ENTSCHIEDEN WIDERSPRECHEN!!!

… sein Lieblingsthema ist immer noch die Ball an- und mitnahme :)

Bei dem Tor von Mainz hätte ein Innenverteidiger aber selbst nach den im anderen Beitrag verschärften Kriterien rausrücken müssen.
Das Tor geht trotz den diversen Fehlern vorher trotzdem zu mindestens 65% auf Fährmanns Kappe.

Bei Götzes 2:0 bin ich mittlerweile der Meinung, dass Klose auf jeden Fall auch ohne Lucio im Nacken den Doppelpass mit Kroos gespielt hätte, der sich wunderschön im Rücken seines Gegnspielers löst.
Wahrscheinlich wäre es also wirklich besser gewesen Klose nicht anzugreifen, um ihn am Drehen zu hindern, sondern erstmal abzuwarten und erst anzugreifen, wenn er es wirklich versucht.

darkman 25. August 2011 um 7:33 pm

Analysen wie diese machen den Blog so lesenswert. Selbst wenn man mit Werder weniger anfangen kann. Vielen Dank dafür.

Thor 25. August 2011 um 8:13 pm

Ein toller Bericht mit Bezug auf einen älteren, aber nicht minder tollen, Bericht! Macht wirklich Spass, sowas über das liebste Hobby zu lesen.

Um deinem Tore-Archiv noch Futter zu geben:

Der Gladbacher Strafstoß vom Wolfsburg-Spiel resultierte aus einer der von dir beschriebenen Szenen.
Dante spielt einen tollen vertikalen Pass im Aufbau auf den sich kurz anbietenden Bobadilla.
Obwohl die Wolfsburger Viererkette ohnehin schon recht hoch stand, lässt sich Kjaer von Bobadilla noch ein Stück weiter rausziehen, ohne ihn aggressiv zu bearbeiten.
Der Argentinier legt den Ball auf Hanke quer, der in den freigewordenen Raum hinter Kjaer auf den gezündeten Reus passt, der den sich mühenden Schulze in einen riskanten Zweikampf zwingt und den Elfer wie wir wissen “rausholt”.

Johan Petersen 26. August 2011 um 11:58 am

@Niklas: Bei Mainz gegen Schalke waren auf beiden Seiten so viele Fehler im Spiel, dass die Strategie dazwischen kaum zu erkennen war. Auf jeden Fall ist wie beschrieben hier die Position der 6er das Problem gewesen.

Überhaupt finde ich das Niveau in der Bundesliga bisher schwächer als in der letzten Saison, trotz der ungestörten Vorbereitung zeigen sich wenige Mannschaften kompakt und mit klaren Spielideen. Habe mittlerweile auch Gladbach gegen Wolfsburg gesehen – Favre hat das Gladbacher Angriffsspiel enorm weiter entwickelt, aber gut was das Spiel nicht. Gerade Wolfsburg spielt wie in der Meistersaison – von hinten umschalten, ohne je umzuschalten. Plus gravierende Fehler in der Viererkette wie vor dem 1:1 und 4:1.

@reader. Nein, die Innovation besteht in der Zonendeckung, die Spieler halten in ihrem Raum eher ihre Position. Aber natürlich wird überall auf dem (definierten) Platz Druck auf den Ball ausgeübt. Es geht um Feinheiten, aber ein solches Prinzip wird nicht außer Kraft gesetzt. Auch greifen die Außenverteidiger den ballführenden an, in diesem Sinne verschiebt die Kette weiterhin, aber es gibt innerhalb der Kette eine anderen Gewichtung, siehe die Zeichnung mit den Sicheln.

Johan Petersen 27. August 2011 um 6:02 am

Noch etwas zur historischen Einordnung. Das Doppeln des Außenverteidigers durch den Innenverteidiger stammt noch aus der Zeit, als vor allem mit einem Sechser gespielt wurde. Die Entwicklung hin zu zwei Sechsern ermöglicht aber, dass die Innenverteidiger das Zentrum halten. Werder hat damit manchmal Probleme, weil die Außenspieler der Raute diesen Job nicht so gut leisten können.

Es ging hier aber wie gesagt vor allem um das Verhalten im Raum, nicht das Doppeln der Außenverteidiger, auf die sich die Debatte hierzulande zu sehr kapriziert.

reader 27. August 2011 um 10:20 am

Geht der Innenverteidiger raus an die Seitenlinie, wenn der Außenverteidiger nicht mit hinten ist oder hält er das Zentrum und greift erst an, wenn es Richtung Strafraum geht/wartet auf die Flanke?

Johan Petersen 27. August 2011 um 10:27 am

Dann verschiebt er zum Ball und versucht vor der torgefaehrlichen Zone einzugreifen.

Werda? 28. August 2011 um 6:09 pm

Wie siehst du eigentlich die Entwicklung in Hamburg und was denkst du über Oenning? Der hat ja nun auch einige sieglose Spiele aneinandergereit und das Medienumfeld in der großen Hansestadt ist ja nun auch nicht… freundlich gesinnt.

Johan Petersen 28. August 2011 um 6:26 pm

Von Oenning halte ich nichts. Der hat seinen Job meiner Meinung nach nur den Wirren um Hofmann zu verdanken, der neuen Führung fehlte bei Übernahme wohl der Überblick, oder sie wollten den Umbruch nicht ganz so radikal gestalten.

Der HSV wird aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht absteigen. Sie haben die härtesten Auswärtsspiele zum Auftakt gehabt, und sie werden sich noch finden und steigern, so dass sie am Ende im Mittelfeld landen. Ob Oenning das schafft, weiß ich aber nicht. Ein halbes Jahr nach Amtsantritt lässt die Mannschaft immer noch jegliche Automatismen im Spiel nach vorne vermissen, das ist schon erschreckend. Man vergleiche das mal mit Gladbach, wo Favre in einem ähnlichen Zeitraum viele durchdachte Spielzüge in die Mannschaft gebimst hat.

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