Hertha vs Club: Nürnbergs Pressing schlägt schwache Hertha

von Johan Petersen am 7. August 2011

Nürnberg sollte in dieser Saison für den neutralen Beobachter die spannendste Mannschaft sein. Eine sehr junge Truppe mit einigen interessanten, zumeist deutschen Talenten (Chandler, Wollscheid, Hegeler, Mendler, Esswein), die nach den Abgängen von Ekici und Gündogan völlig davon abhängt, dass ihr sehr guter Trainer durch taktische Arbeit aus dem Team weit mehr macht als die Summe seiner Einzelteile.

Beide Teams spielten im 4-5-1. Bei Hertha spielten Niemeyer und Ottl vor der Abwehr, Ramos spielte hinter der einzigen Spitze Lasogga. Beim Club hielt Simons das Zentrum vor der Abwehr, Cohen verschob sich etwas nach vorne neben Feulner (der nach zwei Jahren Bank in Dortmund letzte Woche im Pokal so euphorisch war, dass er die drei Sonntagsschüsse, die ein Spieler seiner technischen Fähigkeiten wohl pro Saison hat, in nur zwanzig Minuten verplemperte); so ergab sich eher eine Vierer-Reihe hinter der einzigen Spitze Pekhart. Die Außen Eigler und Mendler spielten seitenverkehrt.

Nürnberg gefiel mir gegen den Ball sehr gut. Simons hatte Ramos unter Kontrolle, und die Mannschaft spielte sehr kompakt, machte die Räume eng und konnte durch ihr Pressing einige Bälle erobern.

Die Hertha machte es dem Club allerdings einfach. Mit Niemeyer und Ottl beschäftigt sie vor der Abwehr zwei Sechser der alten, hüftsteifen Schule. Da auch Franz, Mijatovic und Kobiashvili am Ball wenig einfällt, könnte die mangelnde Spielgestaltung aus der Tiefe ein ganz großes Problem für die Hertha in dieser Saison werden – zumal auch Ramos als gelernter Stürmer kein Zehner ist, der sich fallen lässt und am Spielaufbau teilnimmt. Ein konstruktive Überlappen der Mannschaftsteile war nie zu erkennen. Im Ergebnis waren enttäuschender Weise lange Bälle Herthas wesentliches Angriffsmittel.

Ein Rätsel für Hecking

Nürnberg dagegen gefiel im Spielaufbau durch präzises, gepflegtes Passspiel. Im gegnerischen Spielfelddrittel fehlten dann aber klare, zielstrebige Aktionen, so dass auch Nürnberg keine wesentlichen Chancen aus dem Spiel heraus hatte.

Mir ist nicht ganz klar geworden, woran das lag. Der technisch starke Mendler schlug gute Standards, schien in einigen Situationen am Ball zu nervös zu sein – verständlich mit 18 Jahren. Ich vermute, des Rätsels Lösung lag in den Laufwegen von Feulner und Pekhart – am Bildschirm schwierig zu verfolgen. Niemeyer und Ottl standen auch meistens gut geordnet.

So gab es in der ersten Halbzeit fast keine Höhepunkte.

Zur Pause reagierte Babbel und brachte Raffael für Torun. Der Neue bemühte sich sehr viel mehr, mit vertikalen Laufwegen das Offensiv-Spiel zu beleben, und Ramos machte dabei eine zeitlang mit. Zu konsequenten, klaren Kombinationen oder gar Chancen führte das aber nicht.

So blieb es im wesentlichen beim Bild der ersten Halbzeit, das sich leicht für das Gemälde eines 0:0 halten ließ: Hertha weiterhin mit Ballverlusten, Nürnberg besser und mit einigen kleinen Chancen, allerdings ohne dabei den ganz großen Druck aufzubauen.

Der eingewechselte Hegeler lieferte dann zehn Minuten vor dem Ende doch noch die verdiente Führung: bei einem Einwurf auf links schlief Hertha im allgemeinen, und Franz im besonderen ließ sich von Hegeler mit einer Drehung bedenklich einfach übertölpeln. Die flache Hereingabe machte dann Pekhart aus wenigen Metern weg.

Fazit: Hertha im Abstiegskampf

Ein Spiel ohne Höhepunkte, aber eindeutig ein verdienter Sieg des Clubs. Hertha ist die erste Mannschaft, die wir offiziell im Abstiegskampf willkommen heißen dürfen: keine Spielanlage, technische Probleme bei mehreren Spielern. Einigermaßen organisiert in der Abwehr.

Bei Nürnberg war die klare Handschrift von Hecking zu erkennen: gepflegtes Passspiel und gute Organisation gegen den Ball. Es sind die Früchte der seltenen Konstanz der letzten Jahre, die der Club nun ernten kann: ein guter Trainer konnte in Ruhe seine Arbeit machen und hat damit der Mannschaft Mechanismen eingetrichtert, die gegen Tagesgeschäft und unvermeidbare Abgänge schützen.

Zu wie viel das in Heimspielen und gegen insgesamt stärkere Mannschaften reicht, wird sich zeigen.

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Thor 7. August 2011 um 2:56 pm

Vorneweg: Ich verfolge diesen Block nun schon seit der WM im vergangenen Jahr mit großem Interesse und möchte an dieser Stelle ein großes Lob ausrichten:
Für einen in Köln (Ja, leider auch FC-Fan) lebenden Werder-Sympathisanten höchst informativ und für den taktikliebenden Fussballfan eine ebenfalls tolle Anlaufstelle.

Zum Spiel: Eine – wie ich finde – wirklich treffende Analyse. Hecking ist ein sehr fähiger Trainer, der es versteht, gemeinsam mit seinen Spielern ein gut organsisiertes und für den Gegner fieses Pressing zu entwickeln.
Das war in der vergangenen Saison zu beobachten und offensichtlich haben sie das trotz der Abgänge (Schieber, Ekici, Gündogan) konservieren können.
Ich bin besonders gespannt darauf, wie sich Spieler wie Wollscheid, Chandler, Cohen in ihrer zweiten und Mendler sowie Esswein in ihrer ersten Buli-Saison entwickeln.
Wirklich ein talentiertes Team…

Die Hertha ist im Spielaufbau aktuell zu limitiert, um einem Gegner wie dem Club daheim vor schwerwiegende Probleme zu stellen. Mal sehen, ob Babbel im Verlaufe der Saison einem Youngster wie Perdedaj, der im Spielaufbau durchaus begabt ist, eine Chance gibt.

Johan Petersen 7. August 2011 um 6:36 pm

Ich werde nach ihm Ausschau halten, danke für den Namen. Auf jeden Fall muss Babbel in dem Bereich Änderungen vornehmen.

Patrick 19. August 2011 um 7:47 pm

Ich denke, dass Herr Babbel ebenfalls seine Schlüsse daraus zieht und erkennt, dass ein kreativer Mittelfeldspieler fehlt. Das Spiel hat mir zudem aufgezeigt, dass es doch noch Unterschiede zwischen erster und zweiter Liga gibt. Nürnberg schätze ich diese Lösung nicht so stark, wie letzte Saison ein. Zudem hat sich noch Raphael Schäfer für drei Monate aufgrund einer Verletzung ausgeklinkt. Wie alt ist denn der Perdedaj?

Johan Petersen 20. August 2011 um 3:01 am

Ich schätze Nürnberg auch nicht mehr so stark ein, aber es ist eine interessante Situation.

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