Wie verteidigen, wenn es keine Stürmer mehr gibt?

von Johan Petersen am 1. August 2010

Ich weiß nicht, was die Lösung ist, aber hier ist schon einmal das Problem: zu viele Tore fallen, weil ein Innenverteidiger im falschen Moment seine Position aufgibt, um Ball oder Gegenspieler jagen zu gehen, und damit dem Gegner den entscheidenden Pass- oder Laufweg in seinen Rücken ermöglicht. Dieses Problem könnte sich in den nächsten Jahren noch verschärfen, wenn tatsächlich mehr und mehr Mannschaften ohne echten Stürmer antreten.

Rückblende: Ein wichtiges Prinzip beim Verteidigen ist das Bilden von Dreiecken – ein Abwehrspieler sichert im Rücken des anderen ab, falls der überspielt wird. Deswegen gab es früher den Libero – siehe das blaue Dreieck.

Die Abwehrkette hat dieses Prinzip beibehalten, es aber genialer Weise entlang der weißen Linie umgestülpt – der Verteidiger, in dessen Zone ein Gegenspieler auftaucht, attackiert diesen. Damit entsteht ebenfall ein (hier gelbes) Dreieck. Als Bonus oben drauf kommt noch, dass man mit einer Kette sehr viel besser auf abseits spielen kann und man die Räume im Mittelfeld viel enger machen kann. Anders herum ausgedrückt: die Kette hat diese Dinge ermöglicht, ohne das eigentliche Prinzip aufgeben zu müssen. Genial.

So weit, so lange her.

Der Angriff hat darauf eine einfache Antwort gefunden: Stürmer kommen kurz. Zunächst im 4-4-2: wie hier dargestellt, kommt ein Stürmer dem Ball entgegen, zieht den Verteidiger mit, in dessen Zone er sich befindet, und sein Sturmpartner kreuzt hinter seinem Rücken in den frei werdenden Raum.

 In einem 4-5-1 mit nur einer echten Spitze ist diese Taktik von der angreifenden Mannschaft noch verfeinert worden: die Spitze (9) kommt entgegen, und der 10er (10) oder ein anderer Mittelfeldspieler (11) stößt durch die Viererkette.

 

Seit einigen Jahren experimentieren nun Spitzenmannschaften sogar damit, ohne echten Stürmer anzutreten.  Jonathan Wilson glaubt allerdings, dass diese Versuche zunächst gescheitert sind. Der heimliche Bundes-Revolutionär Löw kam der Sache gegen Ghana erstmals sehr nah, als er für Klose Cacau und nicht Gomez aufgeboten hat.

In diesem System ist die einzige Spitze nicht mehr der einsame Killer, der sich im Busch verbirgt und zuschlägt, wenn ihm der Stamm das Opfer zugetrieben hat. Hier jagen alle zusammen, und der Stürmer hat vor allem die Aufgabe, rückwärtig am Spiel teilzunehmen und mit seinen Laufwegen die Abwehrspieler rauszulocken, und so Räume für flexibel nachrückende Mittelfeldspieler zu schaffen. An dieser Stelle macht es Sinn, wie erz zwischen Position und Funktion zu unterscheiden.

Dieses Verhalten stürzt Innenverteidiger in ein veritables Dilemma, aus sie in den nächsten Jahren vielleicht mit einer Weiterentwicklung ihrer taktischen Anweisungen befreit werden. Man sieht bereits nicht mehr, dass sie ihre Gegenspieler auf Gedeih und Verderb bis an die Mittellinie verfolgen. Aber trotzdem fielen z.B bei der WM einige Tore, weil sich Innverteidiger heraus locken ließen, z.B. beim englischen Treffer gegen die USA oder beim Führungstor Brasiliens gegen die Niederlande:

Aus der Bundesliga fällt mir dieser Stellungsfehler von Naldo ein, auch wenn er hier keinen Gegenspieler brauchte, um seine Position fataler Weise zu verlassen.

Man müsste also die Kriterien verschärfen, anhand derer ein Innenverteidiger seine Position nach vorne verlagert. 

Vereinfacht gesagt: wenn er unter der Annahme, dass er im gleichen Angriff nicht mehr auf seine Position zurück kommen kann, aber er sein Heiligtum, seine kuschelige Ecke zwischen seine Abwehrkollegen immer noch verlassen würde, darf er raus. (Also z.B. dann, wenn er mit seiner Aktion den Ball klärt.) Denn wenn er zwischen Ball und Tor steht, kann er immer noch eingreifen. Befindet sich der Ball zwischen ihm und dem Tor, ist er für den Rest des gegnerischen Angriffs aus dem Spiel genommen. In diesem Sinne ein weiteres Rubikon-Problem im Fußball.

Etwas komplizierter ausgedrückt: Selbst wenn sich ein Gegenspieler in seinem Raum befindet, darf er die Linie seiner Mitspieler in der Kette nicht verlassen, wenn eines der drei folgenden Kriterien erfüllt ist:

- ein anderer Gegenspieler so nah ist, dass er in der gleichen Spielsituation diagonal durch die Kette in seinen Rücken laufen kann

- ein ballführender Spieler einen freien Passweg durch die Position hindurch hat, die er aufgibt

- er nicht vor seinem Gegenspieler an den Ball kommen kann (kein Grund, die antizipierende Deckung gleich mit über Bord zu schmeißen).

Demgegenüber muss er selbst bei Erfüllung eines dieser Kriterien auch dann die Linie verlassen, wenn zusätzlich gilt:

- ein in seinem Raum ballführender Spieler aufs Tor schießen kann

- sich ein oder zwei weitere, torgefährliche Gegner auf seine Höhe befinden – die darf der Gegenspieler in seinem Raum nicht kontrolliert einsetzen dürfen.

Ansonsten wartet er. Eine – geradezu revolutionäre – Konsequenz davon wäre, dass ein Innenverteidiger z.B. eher einen Gegenspieler mit Ball in einem engen Raum unmittelbar vor der Abwehr duldet, als dass er seine Position in der Kette aufgibt. Denn wenn er sich dann noch zwischen Ball und Tor befindet, kann er gegen diesen Gegenspieler mit anderen Abwehrspielern immer noch Überzahl herstellen.

Das bedeutet allerdings, dass dieser Raum unmittelbar vor der Abwehr anders besetzt werden muss. Auch unter bestehenden Maßgaben müssen die defensiven Mittelfeldspieler bei gegnerischem Ballbesitz immer engen Kontakt zu den Abwehrspielern halten. Entbindet man aber wie hier diskutiert die Innenverteidiger von der Aufgabe, kurz kommende Stürmer auf Teufel komm raus zu verfolgen, müsste diese Anforderung noch verschärft werden.

Dabei bietet das 4-1-4-1 gegenüber dem 4-2-3-1 den Vorteil, dass ein Mittelfeldspieler die feste Aufgabe hat, die Position vor der Abwehr zu halten und dort Gegenspieler zu übernehmen. Man hat also — z.B. gegen einen sich fallen lassenden Stürmer — im oft entscheidenden Raum vor der Abwehr ein festes Dreieck, das die Innenverteidiger im vom Vorwärtsverteidigen entlastet; es muss weniger oft wie oben von einem Innenverteidiger gebildet werden:

 

 Die offensiven Mittelfeldspieler müssen dann weiterhin agressiv tiefer stehende Passgeber des Gegners attackieren.

 Fazit: Ich habe keine Lösung für das Problem, aber ich glaube, dass die von Abwehr und Mittelfeld gebildete Dichte neu justiert werden sollte – dass sich also die Anforderungen an Innenverteidiger noch weiter von dem klassischen Verfolgen von Stürmern weit ins Mittelfeld weg entwickeln werden, und diese Aufgabe zunehmend dem Mittelfeld übertragen wird, oder durch ein anderes Zusammenspiel zwischen Abwehr und Mittelfeld gelöst wird.

Die Idee ist, sich weniger von den Laufwegen des Gegners beeindrucken zu lassen, sondern sich auf die gefährlichen Räume vor dem Strafraum zu konzentrieren. Wenn ein Robinho auf seinem Weg zum Tor da früher oder später vorbei kommt, sollte besser jemand anwesend sein.

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7. Januar 2011 um 10:31 am
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Martin 2. August 2010 um 7:59 am

Wieder ein interssanter Beitrag. Ich habe an keiner anderen Stelle im Web bislang so fundierte Erläuterungen zu Stellungsspiel und Taktik gefunden. Bitte mehr davon :-)

Calli Camp 2. August 2010 um 9:28 am

Danke. Ich schließe micht Martin ein. Schon mal über Flattr nachgedacht?
Zonal Marking hatte – allerdings noch vor der WM – mal diese Variante im Gepäck, die mit deiner zumindest den vorrangig defensiv beauftragten zentralen Mittelfeldspieler gemein hat, aber mehr auf neue Optionen beim eigenen Angriff zielt:
http://www.zonalmarking.net/2010/04/22/is-the-sweeper-set-for-a-return-to-prominence/
Interessant allemal, obwohl natürlich deine heikle Frage: “Wie verteidigen nach Auflösung des Sturms?” nicht beantwortet wird.
Aber in Bremen verteidigt man ja eh nur ungern. Könnte diese defensivere Lösung vielleicht den alten Fringser retten? Packt Boenisch das, wenn er mehr spielen muss?

erz 2. August 2010 um 9:58 am

Sehr schön. Nach der WM laufen die Taktikfüchse zu neuen Höhen auf und erörtern Grundsätzliches.

Ich glaube wie Wilson allerdings auch nicht, dass sich Systeme ohne Zielspieler auf Höhe des Abwehrriegels zum Standard entwickeln. Bei aller Genialität der Laufwege von Spielern wie Müller und Özil fehlt eine Option, ein “attacking threat”, mit dem die gegnerische Kette weiter hinten rein gedrückt wird und so der Raum zwischen den Ketten überhaupt erst entsteht. Der Grund für die Effektivität des lauernden Zielspielers ist das passive Abseits und die für die Verteidigung damit einhergehende Horrorvorstellung von Überzahlsituationen im Rücken der Abwehr. Sich dieser Option zu berauben muss schon verflixt große Vorteile für das Angriffsspiel an anderer Stelle bieten.

Eine mögliche Lösung für das Dilemma des Abwehrspielers ist übrigens die koreanische Variante (aus dem Brasilienspiel). Die ganze Kette muss ab dem eigenen Strafraum immer 3m vertikalen Abstand zum Ball halten – und wenn sie sich bis zur Grundlinie fallen lässt. Davor verschiebt ein Dreierriegel aggressiv zum Ball. Das ist schon sehr nahe an deiner Idee der ballorientierten Zonenverteidigung. Bleiben halt kaum Optionen für das eigene Angriffsspiel nach Ballgewinn, weil die Wege so weit sind.

Das Verfolgen hat bei Mittelfeldpressing weiterhin Sinn – du musst schließlich Bälle in die Tiefe nicht verhindern, aber dann immer dafür sorgen, dass der Zielspieler sich mit dem Ball nicht drehen kann, damit der Ball dann wieder dahin zurück gespielt wird, wo die eigenen Mittelfeldspieler pressen. Der Weg zum gegnerischen Tor wird kürzer. Das Risiko der verwundbaren Innenverteidigung muss dann der Torwart mit extrem hohem Spiel etwas kompensieren.

Johan Petersen 3. August 2010 um 6:02 am

@erz. Sehe ich auch so – vor allem, wenn ein Stürmer immer kurz angespielt wird, können sich die Abwehrspieler leicht darauf einstellen. Daher lohnt es sich, auch mal lange Bälle über die Abwehr hinweg in den Raum zwischen Kette und Torwart einzustreuen.

Robin Dutt hat gestern interessante Dinge zu Kreativität und Abwehrverhalten gesagt. Dass man einen Gegner auch mal bewußt frei stehen läßt, dass man auch in der Abwehr agieren kann, damit der Gegner reagiert und den Ball dann genau da hinspielt.

tim 3. August 2010 um 10:50 am

@johan: hast du ne quelle? link? würde es gerne nachlesen.

Johan Petersen 3. August 2010 um 3:01 pm

Das stand gestern im Kicker, aber vermutlich nur in der Print-Ausgabe.

hedu 4. August 2010 um 7:03 pm

Habe mal wieder einen kleinen Fehler entdeckt ;-)
Im letzten Bildchen steht 4-3-2-1 muss aber 4-2-3-1 heissen.

Johan Petersen 4. August 2010 um 8:27 pm

Danke, korrigier ich bei Gelegenheit!

Turbokai 4. August 2010 um 10:12 pm

Es ist ein Philosophiefrage, ob ich die Innenverteidiger mitgehen lasse hinter den Stürmern, oder nach außen hin mit absichern lasse. Tue ich das nicht, kommt auf die Mittelfeldspieler noch mehr Arbeit zu, diese müssen dann die AV bei der Ballgewinnung unterstützen und entgegenkommende gegnerische Stürmer aufnehmen. Dann benötige ich mehr Leute im Mittelfeld, man benötigt eine Überzahl, um die zusätzlichen Gegenspieler von den Innenverteidigern aufzunehmen.

Eine andere Sache hast Du/habt Ihr aber mMn unterschlagen:

Bei nur einem gegnerischen Stürmer ist der Spielaufbau aus der INnenverteidigung ein ganz anderer: Die INnenverteidiger haben keine festen Gegenspieler mehr, es ist also nicht mehr nur ihre Aufgabe, den Ball möglichst genau nach vorne zu spielen. Zukünftig wird eine weitere wichtige Aufgabe der IV sein, den Ball persönlich ins Mittelfeld zu tragen, sich danach wieder fallen zu lassen oder in die Offensive nachzurücken (teilweise schon zu sehen von Arne Friedrich bei der WM).

ALLE Verteidiger müssen am Offensivspiel teilnehmen, aber die Absicherung muss immer gewährleistet sein. Friedrich ist in den WM-Spielen meines Wissens zweimal nach vorne gegangen, beide Male wurds gefährlich, das zeigt doch, wieviel Potenzial diese Variante birgt.

Versuche ich aber nicht

Allerhand 6. August 2010 um 2:25 pm

Zitat:
“Ansonsten wartet er. Eine – geradezu revolutionäre – Konsequenz davon wäre, dass ein Innenverteidiger z.B. eher einen Gegenspieler mit Ball in einem engen Raum unmittelbar vor der Abwehr duldet, als dass er seine Position in der Kette aufgibt. Denn wenn er sich dann noch zwischen Ball und Tor befindet, kann er gegen diesen Gegenspieler mit anderen Abwehrspielern immer noch Überzahl herstellen.

Das bedeutet allerdings, dass dieser Raum unmittelbar vor der Abwehr anders besetzt werden muss. Auch unter bestehenden Maßgaben müssen die defensiven Mittelfeldspieler bei gegnerischem Ballbesitz immer engen Kontakt zu den Abwehrspielern halten.”

Wer erinnert sich noch an das CL-Halbfinale? Inter vs. Barca? Inter hat exakt, aber auch EXAKT das gemacht. Die komplette Vierer-Abwehr stand bei Ballbesitz Barca (also ab der 20. Minute oder so das ganze Spiel über) auf der eigenen 16er Kante, das Mittelfeld 5-15m davor. Ich war Anfangs total irritiert, weil Barca selbst 10 Meter vor eigenem 16er nicht angegriffen wurde! Inter hat die defensiven Positionen komplett gehalten. Cambiasso hat genau das gemacht, was du beschreibst – er hat (zusammen mit Chivu) den, wie ich ihn nennen würde, “variablen Manndecker” vor der Kette gespielt.

Imho bedeutet das aber globaler betrachtet, dass nicht ein neuer Verteidigungsstil Einzughalten wird sondern dass eine weitere Facette taktischen Abwehr-Verhaltens gegen einen gewissen Mannschaftstypus geboren ist. Ich sehe da eine klare Qualitätsbedingung – diese Verteidigung ist gegen Teams wie Barca, Arsenal, Valencia, Bremen, Real Madrid, Spanien, etc indiziert – aber z.B. nicht für Teams wie Chelsea, Liverpool, Juventus, und schon gar nicht Teams wie Cottbus, Fürth, usw.

Teams wie Spanien und Barca erfordern eine eigene Verteidigung – das ist in den letzten 12 Monaten einzig und allein einer Mannschaft souverän und nicht zufällig gelungen: Inter Mailand (oder besser: José Mourinho).

Aber zu was für einem Preis…Erhöhte Augenkrebsrate, Erhöhung der weltweiten Italiophobie, Pizzeriaboykotts, usw…

Johan Petersen 6. August 2010 um 4:43 pm

Danke für den Kommentar. Man müsste sich noch mal anschauen, wie genau sich die Innenverteidigers Inter verhalten haben.

Tobias (Meine Saison) 9. August 2010 um 12:06 pm

Wobei man zu der Inter-Variante aus dem Rückspiel ja sagen muss, dass sie die Partie 0:1 verloren haben und die Möglichkeit einer knappen Niederlage bestimmt auch einkalkuliert hatten, weil das Hinspiel ja 1:3 gewonnen wurde. Wie viele Mannschaften gibt es wohl, die in einem solchen Spiel mit weniger als 20% eigenem Ballbesitz über 90 Minuten so diszipliniert bleiben können? Und wie hoch sind die Erfolgsaussichten weniger begabter Teams, wenn nicht mal Inter damit ein Unentschieden holt?

Interessant wird es aber allemal, wenn mehr Mannschaften diese Art der Verteidigung zumindest streckenweise in ihr Spiel integrieren können – und was sich die Gegner ausdenken werden, um diese Variante zu überwinden.

Kommentar

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