Genua vs Werder

von Johan Petersen am 25. August 2010

Warum sind wir nicht ausgeschieden? Weil die individuelle Klasse von Pizarro und Marin Aufstellungsfehler und Abwehrschwächen kompensiert hat, nicht weil wir in irgendeiner Form Bundesliga- oder gar Champions-League-Niveau unter Beweis gestellt hätten.

Werder begann in einem 4-5-1, in dem Pizarro hinter der Spitze Wagner spielte und Borowski rechts. Damit hat Schaaf keine Lehren aus dem Pokal-Finale gezogen, in dem Borowski bereits unter Beweis gestellt hat, dass er bei allen anderen Qualitäten kein Flügel-Spieler ist. Arnautovic, der bisher in jedem Spiel agressiv nach hinten gearbeitet hat und auch vor dem 3:1 den Ball an der eigenen Eckfahne erobert hat, wäre eindeutig die bessere Wahl gewesen.

Im Hinspiel war das weiträumige Spiel ohne Ball von Hunt der entscheidende Faktor, und er ist nicht zu ersetzen; auch nicht von Pizarro, dessen Laufwege nicht das Profil haben, das diese Position braucht.

Genua versuchte, mit weiten Flügelwechseln ihre offensiven Mittelfeldspieler einzusetzen und so unsere formelle Überzahl im Mittelfeld zu umgehen. Mit wechselndem Erfolg, dennoch führten Standards und Flanken zum frühen 2:0.

Über 180 Minuten betrachtet waren unsere Abwehrspieler minus Fritz mit der Gerissenheit und Beweglichkeit von Cassano und Pazzini überfordert. 

Exkurs zur Kader-Politik: Schaaf und Allofs sind wohl die einzigen, die unsere Abwehr-Probleme gegen Genua und Hoffenheim überrascht haben. Lange vor der Verletzung von Naldo, und spätestens seit den schwachen Leistungen von Mertesacker bei der WM, war klar, dass es an Qualität und Alternativen fehlt.

Allofs glaubt an Boenisch, verpflichtet daher keinen echten Konkurrenten. Und it er nicht stark genug, um Pasanen zu verdrängen? Das passt nicht. Es passt auch nicht, Wesley  zu kaufen, nur weil er zu einem guten Preis auf dem Markt ist, obwohl wir in unserem Kader woanders Bedarf haben. Es nützt nichts, zehn Stürmer zu kaufen, weil andere Scouts die alle übersehen haben, wenn die Probleme woanders liegen.

Schaaf muss an die Erbhöfe im Kader ran. Frings und Mertesacker dürfen nicht länger in der ersten Elf stehen, nur weil sie Frings und Mertesacker heißen. Das Leistungsprinzip muss für alle gelten.

Zurück zum Spiel: Nach dem Schock der beiden Tore war es ein Spiel ohne große Torchancen, in dem Werder sukzessive mehr Spielanteile bekam. Das 3:0 änderte nichts am Umstand, dass wir noch ein Tor schießen mussten, und das hat Rosenberg mit seinen alten Klasse besorgt. In der Verlängerung bekam Genua unseren linken Flügel mit Marin nicht in den Griff, und überhaupt hatten sie nicht mehr die Disziplin und die Kraft, die Räume im Mittelfeld zu schließen. Sehr oft konnten wir vertikale Pässe durch ihre Reihen spielen, so dass das Tor eine Frage der Zeit war.

Genua war kein guter Gegner. Trotz der Führung haben sie nicht ein einziges Mal viel versprechend gekontert. Hinter den Spitzen beginnt bereits der Durchschnitt der Serie A. Mit Cassano und Pazinni war Genua ein Straßenkind, das mit seiner Gerissenheit und seinem Witz bei den schönen Mädchen aus den reichen Vierteln vorübergehend Eindruck macht, aber mit den gepflegten Konversationen der Abiturienten dann doch nicht mithalten kann.

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25. August 2010 um 10:17 am

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icetoast 25. August 2010 um 9:59 am

Wie immer ein guter Post.
Über eine Sache habe ich mich dann doch gewundert:
“Weil die individuelle Klasse von Pizarro und Marin Aufstellungsfehler und Abwehrschwächen kompensiert hat…”
Meiner Meinung nach, sind die beiden erst kurz vor Schluss in Erscheinung getreten, aber auch erst nachdem Genua keine Puste mehr hatte. Als die Italiener noch Kraft hatten, wurden Marins Tempodribblings humorlos abgewehrt und Pizarro hat sich hinter der Verteidigung versteckt.

In puncto Personalpolitik stimme ich dir zu. Manchmal muss man sich verwundert am Kopf kratzen, wer immer wieder in der Startformation steht.

Anmerkung: Ich finde Arnautowitsch hat trotz einiger Fehler Tempo ins Spiel gebracht. Aber vielleicht lag das auch an den fehlenden Kraftreserven der Südländer.

tim 25. August 2010 um 10:19 am

poesie!
dein stilistischer höhepunkt bisher (ein kleiner tiepfunkt war “schnellster pizzaepxress deutschlands”).
jetzt würde ich nur gerne wissen, ob ich es auch so nachempfunden hätte. konnts nicht sehen!
(eine falsche hure in den dunklen gassen berlins betörte mich mit schmeicheleien, denen ich auf den leim gegangen bin. oh wehe mir).

Stephen 25. August 2010 um 10:20 am

Ich denke durchaus, dass die Verpflichtung von Wesley Sinn macht. Nachdem, was ich alles so über ihn gehört und gelesen habe, kann und soll er Frings beerben und dann zusammen mit Bargfrede das dynamische Duo vor der Abwehr bilden.

Schaaf hat für seinen Teil schon nach dem Pokalspiel relativ deutlich gesagt, dass man in der Abwehr noch nachlegen muss. Ansonsten stimme ich Dir zu. Mir bereitet es Sorgen, dass momentan Hatem Ben Arfa das heißeste Gerücht zu sein scheint. Wieder ein Offensiver, wieder keine Lösung für die linke Abwehrseite. Kann man für das Geld nicht einen gescheiten LV holen? Ich weiß, die sind rar gesät, aber einen Molinaro hat Stuttgart auch für ca. 5 Mille bekommen.

Tobias (Meine Saison) 25. August 2010 um 11:14 am

Bei dem Adrenalinrausch gestern könnte ich gar nicht mit Sicherheit sagen, wie das Spiel ab der 60. Minute war. Natürlich ist mir ein schlechtes Spiel, in dem wir uns qualifizieren, lieber als ein gutes Spiel, in dem wir rausfliegen. Aber die Schwachstellen wurden wieder offensichtlich. Warum nicht Arnautovic auf rechts und Borowski in die Mitte? Wagner hat sich aufgerieben, aber in so einem wichtigen Spiel einen so unerfahrenen Spieler zu bringen ist nicht unbedingt schlau. Wenn das 4-2-3-1 so flügellahm gespielt wird, wie in der ersten Halbzeit, sollte man doch besser bei der Raute bleiben.

Zum Kader: Wesley ist eine wichtige Verpflichtung, weil wir im zentralen Mittelfeld eindeutig Bedarf haben! Frings und Bargfrede haben gestern in der ersten Halbzeit überhaupt keine Linie ins Aufbauspiel bekommen. Bei Bargfrede kann man es noch verstehen, aber von Frings erwarte ich auch unter Druck einfach mehr. Die Probleme liegen ja nicht nur in der Viererkette. Ansonsten bin ich mir nach wie vor sicher, dass Werder noch einen Verteidiger kaufen wird, ob Silvestre (von dem ich nicht glaube, dass er uns weiterhilft) oder jemand anderen. Wenn die Außen doppelt besetzt wären, hätte man in Prödl und Pasanen ja zumindest zwei Alternativen in der Innenverteidigung und könnte Mertesacker, wenn er sich nicht schnell steigert, auch mal ersetzen.

Tobias (Meine Saison) 25. August 2010 um 11:16 am

Ach so, so viel Korinthenkackerei muss sein: Werder hat gegen Sampdoria gespielt. Die bloß “Genua” zu nennen ist wie St. Pauli einfach “Hamburg” zu nennen.

Grish 25. August 2010 um 2:54 pm

Also sorry, ich kann deine Meinung über Mertesacker und Frings nicht teilen…Bremen hat auf den Positionen in meinen Augen niemanden der besser ist…Gerade Mertesacker mag vielleicht derzeit eine gewisse Fomschwäche aufweisen, ist aber insgesamt trotzdem ein starker IV…hat schon seine Grüne, dass er bei der NM gesetzt ist
Gleiches gilt für Frings…nicht immer der Beste, aber er gibt immer alles und ist sicherlich sehr wichtig für die Mannschaft, gerade was die Führung angeht…

Werder hat ganz eindeutig andere Baustellen, die dringens behoben werden müssten: Pasanen ist eine Katastrophe und es braucht keinen Robben um das zu aufzuzeigen…aber LV scheinen derzeit ja ausverkauft in der Welt…Fritz ist sicher nicht so schlecht wie Pasanen aber defensiv auch eher unterdurchschnittlich…letztendlich fehlt es dann der Bremer IV an Tiefe. Wenn Merte oder Naldo ausfallen stehen nur noch Humpelfüsse dahinter. DAS sind die Schwachstellen von Werder…und nicht Frings oder Mertesacker…Ganz nebenbei glaube ich dass Naldo genauso schlecht aussehen würde, wenn er ohne Mertesacker und stattdessen mit Prödl oder sonst wem antreten müsste…

hwk 25. August 2010 um 3:15 pm

ich kann die Stimmung im Blog schon verstehen. Bremen hing wirklich vom Zufall ab. die ständigen Schwankungen müssen auch den Verantwortlichen zu denken geben. Ich glaube mit Wesley und jetzt Silvestre versucht man der Sache Herr zu werden. Ob es funktioniert?
Ein Problem ist sicher, dass der Kader qualitativ abfällt und Ausfälle bestimmter Spieler nicht kompensiert werden können. Im Kader sind einfach viele “Mitläufer”. Rosenberg hat vielleicht das wertvollste Tor seiner Karriere geschossen aber das war einfach Glück. Er ist zu selten ein Spieler mit Einfluss, ein 1:3 in der 90+ Minute in der BL hätte nichts gebracht. Bremen hatte nicht nur Glück das Rosenberg so ein Tor geschossen hat, es war auch Glück, dass es in einem Spiel war in dem es einen Nutzen hatte. (Sicher hätten sie in einem Ligaspiel nicht auf dieses Tor gedrängt.)
Klar war Sampdoria am Ende platt und Bremen hat dies ausgenutzt. Ihre Moral war das einzig Gute an dem Spiel. Vielleicht wäre Schaaf mit einem 4-3-3 (mit Borowski im Mittelfeld) und einer defensiveren Ausrichtung besser gefahren. Klar kann Bremen das nicht unbedingt, aber erstmal ruhig ins Spiel finden vielleicht am Ende 0:1 verlieren ist kein Beinbruch. In 15 Min. 0:2 ist doch unglaublich.

So gabs einen tollen Europapokal-Abend.

Gerrit 25. August 2010 um 3:23 pm

nach der ausleihe von niemeyer war wesley auf jeden fall nötig.
wir haben in unserem kader nur 10 nominelle mittelfeldspieler. davon 4 die in der u23 zu finden sind.
in der abwehr gerade mal 8 leute, wovon 2 zur u23 gehören.
gleichzeitig aber 9 stürmer (wovon 4 in die u23 gehören).

allein das zeigt, egal wer von unseren leuten nun wie gegen genua und hoffenheim gespielt hat, wo wir bedarf haben.
wir brauchen 2 weitere alternativen in der abwehr. und bei boros form und jensens anfälligkeit auch noch eine im MF.

zu gestern noch:
marin fand ich im übrigen auch in der 1ten HZ ganz gut. klar blieb er 2,3 mal hängen. aber wenn gefahr kam, dann war er beteiligt.
zudem hat er 2,3 bälle erobert, weil er schön “gallig” nach hinten gearbeitet hat. mir hat er gut gefallen gestern.

hwk 25. August 2010 um 3:38 pm

@Gerrit
das sind ja schon 27 Feldspieler!
Sehr viele, wenn davon so wenige für die erste Elf in Frage kommen, dann hat Bremen Probleme mit dem Kader.
selbst wenn man 4 Spieler für die U23 abzieht (die müssten zumindest talentiert genug für Kurzeinsätze sein), bleiben 23 Spieler. Wie viele waren gestern im Kader? kann es sein, dass Bremen mind. 5 Spieler hat, die eigentlich nicht für die erste 11 und die Bank zu gebrauchen sind. Gerade wenn man bedenkt, dass Bremen regelmäßig international spielt.

hwk 25. August 2010 um 3:42 pm

okay, hab grade gesehen, dass es insg. 8 Spieler für die U23 sind. trotzdem müssen die doch gut genug für die Ersatzbank sein?

Matzekausw 25. August 2010 um 5:59 pm

Wesley:
Ich seh es wie die anderen, er ist ein sehr wichtiger Bestandteil der unmittelbaren Zukunft, da er alle Positionen der Raute bzw. bei flacher vier als einer der beiden Sechser spielen kann. So wird erreicht, dass der Kader in der Breite (und hoffentlich auch in der Spitze) besser aufgestellt ist. Außerdem ist er als Frings-Nachfolger vorgesehen.
Arnautovic:
Er hat mich gestern wirklich positiv überrascht hat,. Von wegen “Null-Bock-Ösi! Er hat m.E. sehr engagiert gespielt, sich voll reingehängt und gekämpft bis zum Schluss. Fantastische Ballbehandlung kombiniert mit einigen Zuckerpässchen, dazu ein guter Torabschluss. Am Ende hat er sich leider nicht belohnt (wie Thomas Schaaf sagen würde).
Pasanen:
Auch Petri hat mich überrascht – positiv wie negativ. Negativ in Hälfte eins, als er seine Leistung von Hoffenheim wiederholte. Das hätt ich nicht für möglich gehalten. Positiv in HZ zwei, denn er hat es geschafft, sich wieder zu fangen und Stabilität reinzubringen.
Marin:
Er hat mich gestern erstmals wieder überzeugt. Wie der Junge sich in der Verlängerung reingehängt hat, obwohl er in den ersten 90 Minuten (fast) überhaupt nicht im Spiel war, ist aller Ehren wert. Chapeau.

Andreas Lange 25. August 2010 um 7:18 pm

Eigentlich ein ganz schwaches Spiel von Werder, wie schon geschrieben. Da war richtig viel Dusel dabei.

Johan Petersen 25. August 2010 um 7:54 pm

@Stephen, Tobias: Wesley macht schon Sinn, denn Frings, Borowski und Jensen werden nicht jünger und da ist spätestens nächste Saison absolut Bedarf. Also gut, dass er sich jetzt schon eingewöhnen kann etc.

Nur die dringende Baustelle ist die Abwehr, wo wir quasi mit fünf Spielern für vier Positionen in die Saison gehen. Ich denke aber, da kommt jetzt noch einer.

Johan Petersen 25. August 2010 um 8:12 pm

@icetoast: Genau das meinte ich, zwei Spieler, die lange nicht zu sehen sind in einem Team, das nicht funktioniert, aber wegen ihrer individuellen Klasse mit ein oder zwei Aktionen das Spiel drehen.

Stevie 26. August 2010 um 9:52 am

Ich kann nicht verstehen, dass die aktuelle Leistung von Frings teileweise immer noch verteidigt wird.
Zu seiner Führungsrolle: Vorgestern in dem schwierigen Spiel wo jemand gebraucht wurde, der die anderen mitreisst, geht er total unter und tritt allenfalls als Grantelopa in Erscheinung.
Fussballerisch hat er nahtlos an seine Leistung gegen Hoffenheim angeknüpft: Ballverluste in der Vorwärtsbewegung ohne durch Nachsetzen den Fehler zu bereinigen (lieber mal “Foul” schreien!); jede Mengen Kerzen und Fehlpässe.

Johan Petersen 26. August 2010 um 10:41 am

Schon als Allofs und Schaaf ihn noch zur WM reden wollten, fand ich seine Aufstellung manchmal grenzwertig (gegen Ende der Saison war er dann wieder richtig stark). Er hat eben dieses standing bei Schaaf, und seine Erfahrung ist viel wert; aber braucht man noch diese Anführer der alten Schule? Die Nationalelf, oder Dortmund unter Klopp zeigen, dass es auch ohne geht.

Stephen 26. August 2010 um 2:27 pm

In der Abwehr wird doch nachgelegt. Silvestre kommt wohl. Muss dann aber auch reichen. :)

Tobias (Meine Saison) 27. August 2010 um 1:02 pm

“aber braucht man noch diese Anführer der alten Schule?”

Gute Frage, aber mMn nicht pauschal zu beantworten. Dortmund ist ja letzte Saison kurz vor Schluss noch eingebrochen und wurde von Werder mit einem dann wirklich starken Frings überholt. Es gibt für Schaaf eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder weiter wie bisher oder glatter Schnitt (Frings auf die Bank und nicht mehr Kapitän). Die Frage ist: Wobei ist das Risiko größer? Wer kann die Lücke füllen?

@Grish: Mertesacker ist in seiner momentanen Verfassung nun wirklich kein starker Verteidiger. Er wird seine Qualitäten nicht verlernt haben und sich im Laufe der Saison bestimmt steigern, aber ihn momentan als stark und Fritz als defensiv unterdurchschnittlich zu bezeichnen finde ich ziemlich absurd. Und Frings: “Gibt immer alles” ist als Qualitätsmerkmal für unseren absoluten Führungsspieler ziemlich schwach.

Johan Petersen 28. August 2010 um 10:16 am

Die Situation erinnert an den Abschied von Dieter Eilts vor etwa zehn Jahren. Jetzt ist ja zum Glück erst mal Länderspielpause, ich hoffe, Frings wird hinterher seinen verletzungsbedingten Rückstand aufgeholt haben, so dass man das Problem noch mal aufschieben kann.

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