Außenverteidiger: das Tabu der Spieleröffnung

von Johan Petersen am 3. August 2010

“Im modernen Fußball wird die Spieleröffnung mehr denn je den Füßen des Außenverteidigers anvertraut…”

Diese Aussage hat so viel Wahrheitsgehalt wie ein Teebeutel (mit denen Außenverteidiger heute in der SZ aus irgendeinem Grund verglichen werden.) Man könnte sagen, das Gegenteil stimmt: ein Angriff, der über die Außenverteidiger eröffnet wird, ist zum Scheitern verurteilt.

Denn je früher ich den Ball auf eine Seite verlagere, desto eher weiß der Gegner, über welche Seite ich komme. Das Anspiel auf einen Außenverteidiger ist für den Gegner ein Signal für Pressing und Verschieben zum Ball hin: spätestens, wenn ich in der Mitte der gegnerischen Hälfte angekommen bin, ist alles dicht. Ich muss hinten rum spielen, neu aufbauen.

Wird der Ball hingegen von den Innenverteidigern vertikal auf die 6er gespielt, haben diese noch alle Optionen. Eine sehr effiziente Strategie der Spieleröffnung ist es daher, soweit wie möglich im Zentrum nach vorne zu kommen und damit auch den Gegner im Zentrum zu halten.

In rot der Gegner, nachdem der erste Pass auf den Außenverteidiger gespielt wurde. In blau, nachdem der erste Pass nach vorne ins Mittelfeld gespielt wurde. Ein Unterschied so groß wie der zwischen einem ausgetrockneten Teebeutel und knackigem Röstkaffee:

Die blauen Kasten stellen die Räume dar, die der Gegner nicht besetzen kann, weil er nicht weiß, wohin es als nächstes geht. Vor allem die äußeren Mittelfeldspieler (8) (9) werden lange im Zentrum gehalten, und in ihrem Rücken können die Außenverteidiger aufrücken. Denn erst jetzt wird der Ball auf den Flügel gespielt, so dass die Außenverteidiger von hinten mit Tempo in die Anspiele laufen können.

Für mich ist dieser erste Pass nach vorne das Geheimnis von schönem Fußball, und Schaaf hat das bei Werder mit der Raute perfektioniert:

Warum spielen dann so viele Mannschaften den ersten Ball auf den Außenverteidiger, obwohl das dem Gegner in die Karten spielt?

Man braucht Mittelfeldspieler, die den Ball auch unter Druck zum Spielfeld hin mitnehmen können. Die sind auch auf höchstem Niveau erstaunlich rar. (Schweinsteiger gehört dazu, van Bommel nicht.)

Daher spielen viele Innenverteidiger gezwungener Maßen Querpässe auf die Außenverteidiger – doch das ist entweder eine Sackgasse oder es führt zu einem Drahtseilakt die Außenlinie entlang, auf den der Gegner nur wartet. Außenverteidiger sind daher in guter Spieleröffnung geradezu tabu.

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Julian 3. August 2010 um 6:53 pm

Schön, wie hier der SZ-Artikel kritisch beleuchtet wird. Ähnliches habe ich mich beim Lesen auch gefragt, gerade die wichtige Rolle des 6ers wurde dort überhaupt nicht erwähnt. Aber Nachsicht mit den Journalisten: Im Artikel sollte versucht werden, die horrenden Preise für Außenverteidiger auf dem Markt zu erklären. Und da der Artikel bei einem einfachen Rückgriff auf die Angebot-Nachfrage-Relation zu kurz geraten wäre, musste der Außenverteidiger auch noch für den Spielaufbau herhalten.
Wenngleich der Artikel auch nicht ganz falsch liegt, wenn er sagt, dass die Position des Außenverteidigers dem Spieler sehr vielfältige Aufgaben auflädt und dadruch ziemlich anspruchsvoll ist. Ich denke, dass hat man bei uns in den vergangenen Spielzeiten ja gesehen, zumindest hatten wir mit den Zukäufen auf dieser Position keinen Erfolg und waren auf Ausweichmanöver von gelernten Innenverteidigern angewiesen.

Johan Petersen 3. August 2010 um 7:02 pm

Ohne Frage, der Außenverteidiger hat wohl das umfassendste Anforderungsprofil aller Positionen.

erz 4. August 2010 um 2:45 pm

Die Außenverteidiger sind allerdings in Drucksituationen häufig das Ventil: Letzte Option vor dem Rückpass/Befreiungsschlag ist der Pass nach Außen, in der Hoffnung, dass von dort noch kreative Impulse nach vorne kommen, die bei Ballverlust nicht gleich zur Katastrophe führen. Deswegen sollte ein Außenverteidiger schon die Spielmacherqualitäten haben, diesen Plan B souverän auszuführen. Wenn das Pressing überwunden ist, kann der Spielaufbau ja noch mal zurück und über die Mitte gehen. Wenn Plan B allerdings zu Plan A wird, ist Essig mit vielen Chancen.

Turbokai 4. August 2010 um 11:47 pm

Du vergisst aber meiner Meinung nach, dass vom Außenverteidiger aus sehr wohl ein Seitenwechsel oder ein Pass auf einen der meist zwei DM möglich ist. Gerade weil nun der Winkel für diesen Günstiger ist, weil er offener zum Spiel steht. Außerdem sind auch von Außen Seitenwechsel und die häufig sehr effezienten Diagonalbälle möglich, also eine Sackgasse sind die Außenverteidiger nicht!

Dennoch hast du recht, man beraubt sich bei einem zu frühen Anspiel nach Außen vieler (besserer?) Möglichkeiten.

Johan Petersen 5. August 2010 um 4:57 pm

Seitenwechsel sind meiner Meinung nach ein völlig überschätztes Mittel. Auch hier erkennt der Gegner frühzeitig, wo es hingeht, und sie sind meistens hoch oder halbhoch. Nur wenige Weltklassespieler können sie so schnell verarbeiten, dass es für den Gegner keine Gelegenheit gibt, sie zu stellen.

Ein Anspiel vom Innenverteidiger auf den Außenverteidiger macht Sinn, wenn es von Anfang darum geht, den Gegner auf eine Seite zu locken, und dann mit schnellen Pässen über den 6er oder wieder hinten rum auf die andere Seite zu kommen.

Turbokai 5. August 2010 um 9:48 pm

@Johan Petersen

Aber ist nicht gerade bei der WErderaner Raute der Weg über die Außenverteidiger besonders sinnvoll? Immerhin hat der Außenverteidiger die Anspielmöglichkeiten des DM, eines Spielers auf der Halbposition und den Weg zurück auf den IV. Das sind immerhin zwei Anspiele mit gutem Winkel, viel mehr hat der IV auch nicht, also ist das für mich (zumindest in dem Falle) keine Sackgasse…

Johan Petersen 6. August 2010 um 7:00 am

Nein, bei Werder wurde zu Zeiten der Raute der erste Ball nie auf den Außenverteidiger gespielt. Es geht nicht darum, wie viele Anspielstationen ein Spieler theoretisch hat (und ein Spieler außen hat immer weniger als ein Spieler in der Mitte), sondern wieviel Raum ihm der Gegner lässt. Und da er eben den Ball nur in eine Richtung spielen kann (hinter ihm die Seitenlinie), ist es für den Gegner leicht ihn zu stellen.

Tobias (Meine Saison) 9. August 2010 um 12:17 pm

“Ein Anspiel vom Innenverteidiger auf den Außenverteidiger macht Sinn, wenn es von Anfang darum geht, den Gegner auf eine Seite zu locken, und dann mit schnellen Pässen über den 6er oder wieder hinten rum auf die andere Seite zu kommen.”

Genau diesen Punkt wollte ich gerade ansprechen, aber du hast es in den Kommentaren schon getan. Sah man häufig bei der deutschen Nationalmannschaft, wo dann ein Innenverteidiger überspielt wurde, um den Ball schnell auf die andere Seite zu bekommen. Da ist mir Werder manchmal nicht variabel genug, wenn der Spielaufbau durch die Mitte nicht klappt. So zwingt man den Gegner wenigstens zum Verschieben. Als Grundausrichtung ist das Spiel durch die Mitte aber sicher erfolgreicher, wenn man die geeigneten Spieler dafür hat.

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