Er kam zu uns, wie er später spielen sollte: er schlich sich herein, in der Winterpause. Nur die scheinbar hohe Ablösesumme – mehrere Millionen Euro für einen 19-jährigen Jungen aus Schalke, nicht für einen Spielmacher aus Südamerika – machte auf ihn aufmerksam und die Umstände seines Abgangs.
Er wurde oft eingewechselt in dieser ersten Rückrunde im Werder-Trikot, doch man sah sofort: das war kein Talent, sondern ein kompletter, fertig ausgebildeter Spieler mit toller Technik, gutem Passspiel und herausragendem Spielverständnis.
Er entwickelte sich, sammelte Erfahrungen und ein Jahr später war klar, dass er in einer Reihe mit Diego stehen würde, vielleicht sogar mit Micoud (wenn der uns nicht auf seine lässig-filigrane Art zur Meisterschaft geführt hätte).
Doch Özil war anders. Diego und Micoud glänzten am Ball, doch Özil war eleganter: er verneinte das Spiel, blendete es zunächst aus, indem er seine Aktionen ohne Ball begann. Versteckte sich im Raum zwischen gegnerischem Mittelfeld und Abwehr, wich auf den Flügel aus; wartete, bis ein Stürmer den Ball verarbeitet hatte, um dann im richtigen Moment durch die Viererkette zu laufen.
Diego spielte oft hinter dem Ball, wollte das Spiel vor sich haben, es bremsen und erst nach einem Doppelpass mit Pizarro in den Strafraum gehen. Özil hingegen spielte weniger wuchtig, lauerte vor dem Ball in den Passwegen, brauchte riskante, vertikale Anspiele durchs Dickicht der gegnerischen Hälfte. Man sah, dass er einen schlechten Tag hatte, wenn ihm diese harten Anspiele über den linken Fuß rutschten.
Den Jahrhundert-Herzinfarkt gegen Hoffenheim läutete er mit der Führung ein, und am Ende schlich er einer euphorisierten Hoffenheimer Viererkette seitlich davon und schloss eiskalt ab. Beim historischen 5:2 Sieg bei Bayern spielte er einen genial getimten Pass auf Rosenberg vor dem Führungstreffer, dann jagte er einen Ball durch Demichelis hindurch: in den Winkel.
Er schoss nie mit Kraft, sondern allein mit der Technik seines linken Fußes.
In den letzten beiden Jahren bereitete er 33 Tore vor – viele davon durch seine Standards aus dem rechtem Halbfeld, aber auch durch seine Ecken. Wenige Flugkurven sind so unberechenbar dreidimensional – ein curve ball.
Seine Probleme vor und während der WM, im eins gegen eins mit den Torwart zu verwandeln, haben mich überrascht. erz hat irgendwo geschrieben (wenn ich mich recht erinnere), dass Özil eine Sekunde mehr hat, als alle anderen Spieler auf dem Platz. Man könnte auch sagen: er braucht eine Sekunde weniger als alle anderen. Vor dem Tor tut er das, was der Torhüter erst einen Moment später erwartet. Der Torwart denkt, da kommt noch ein Schritt, da muss noch ein Standbein für den Schuss auftauchen, aber da kommt nichts mehr. Der Ball liegt schon im Tor.
Wenige Spieler beherrschen es, auf diese Weise den Bewegungsablauf des Torwarts zu beherrschen: wenn der Keeper vor dem Schuss noch einen Schritt vom Angreifer erwartet, versucht er sich noch einen Meter noch vorne zu schieben, um den Winkel enger zu machen, und den Körper erst dann zu öffnen. Genau in diese Vorwärtsbewegung schob Özil einige Male den Ball, und der Keeper war chancenlos.
Beim Tor gegen Bochum schien es keinen Winkel mehr zu geben, den Özil noch hätte nutzen können. Daher hat er Heerwagen im Glauben gelassen, er könnte noch einen Schritt auf ihn zu machen. Als Özil laut Heerwagens Zeitablauf hätte schießen sollen, lag der Ball schon im Tor – als ob er ein Bein weniger hatte, und deswegen auf den letzten Schritt verzichten konnte.
Wer bei uns unterschreibt, muss sein Leben lang in Werder-Bettwäsche schlafen, oder beim Abschied wenigstens eine fette Ablöse-Summe auf den Nachttisch legen. Das ist die Haltung der meisten Fans. Ich freue mich lieber, solange Fussballer wie Micoud, Diego und Özil bei uns sind – denn realistischer Weise bleiben solche Fußballer eben nur drei Jahre bei einem Verein wie Werder. Im Vergleich zu anderen Clubs muss man sagen: sogar drei Jahre.
Als Diego ging, war ich nicht enttäuscht. Weil ich kein Fan von Spielern bin, die den Ball lange halten. Es war offensichtlich, dass Diegos Abgang unser Spiel ändern, aber ihm auch neuen Fluss geben würde. Und weil Özil ja schon längst da war.
Alles Gute, Messi. Es war schön, Dir auf dem Platz zuzusehen.

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Schön! Mal eine Abwechslung zum sonst sehr nüchternen Ton deiner Artikel (wobei das nicht als Kritik zu verstehen ist).
Aber hast du irgendwelche Insider-Informationen oder warum kommt der Abschiedsbeitrag ausgerechnet heute, wo die Agenturen tickern, dass ein Wechsel diesen Sommer immer unwahrscheinlicher wird?
Ich habe null Infos – aber wollte mir das schon mal von der Seele schreiben. Wenn er noch ein Jahr bleibt, kann ich es um so mehr genießen! Abschied war dann ja quasi schon.
Ich denke, er macht heute gegen Ahlen sein letztes Spiel. Real wird vor dem Genua-Spiel noch mal nach legen.
Ohne Frage: Mesut ist ein genialer Spieler! Meiner Meinung nach ist ein Wechsel nach Real vielleicht noch eine Saison zu früh für ihn. Wie viele hoffnungsvolle Talente sind dort schon gescheitert, sang und klanglos untergangen und verheizt worden? Primär wird Mesut das alles wahrscheinlich eher ausblenden und dem Ruf des Geldes folgen – sein Vater hat dieses Image ja zusätzlich ein wenig gepflegt, obwohl Özil immer wieder behauptet hat, dass er damals von Schalke nicht wegen der Kohle gewechselt ist. Ein fader Beigeschmack bleibt trotzdem. Das einzige, was Zuversicht spendet, ist, dass bei Real mittlerweile ein José Mourinho auf der Trainerbank sitzt. Trotz seiner überdimensionalen Arroganz und Egozentrik muss man ihn zu den besten Trainern auf diesem Planeten zählen. Ich wünsche mir, dass er das Juwel, falls es zu einem Wechsel wirklich kommt, weiter schleift, damit es zur vollen Geltung kommen kann.
Keiner von uns weiß, was damals auf Schalke passiert ist. Bei denen haben im management damals sicherlich keine Waisenknaben gearbeitet.
Ich würde auch bei Real spielen wollen – und ich denke schon, dass er es da packen kann, auch wenn die Konkurrenz natürlich enorm ist.