Marin vs Almeida (Saison-Fazit, 1. Teil)

von Johan Petersen am 5. Juni 2010

Vorweg: ich bin zufrieden. Platz drei in der Liga, damit vermutlich die Teilnahme an der Champions-League, und wir waren wieder in Berlin. Beides in einem Jahr, das wegen des Abgangs von Diego und des Karriereendes von Baumann die größten Umwälzungen in unserem Spielsystem seit der Zeit vor Micoud mit sich brachte.

Die gesamte Saison lebte von der Spannung zwischen den Spielertypen Marin und Almeida, die unterschiedlicher nicht sein können. Der eine ist ein kleiner Techniker, der über den Flügel kommt oder kurz angespielt wird. Der andere ist ein Brecher mit Schwächen am Ball, der Flanken verwertet, und hoch und steil angespielt wird. Der eine schießt den Ball auch dann nicht ins Tor — sondern quer –, wenn man ihn als Fan schon im Netz sieht, der andere schießt unvermittelt und aus allen Lagen Tore, wenn keiner mit ihnen rechnet.

Für beide zusammen war kein Platz, und so bestritten wir die Saison — bis zum 32. Spieltag — mit nur einer echten Spitze vorne drin. Zunächst mit Marin um den Stoßstürmer Pizarro herum, dann vor allem in einem 4-5-1 mit Marin, Özil und Hunt hinter Pizarro.

Das hatte einschneidende Konsequenzen für unsere Spielanlage: um in die Nähe des Tores zu kommen, gab es fast nur noch einen Weg: Kombinationsspiel eines variablen offensiven Mittelfelds, untersützt durch überraschende Vorstöße eines der beiden defensiven Mittelfeldspielers.

Ohne Almeida (bzw. ohne die beiden klassischen Spitzen aus den Jahren der Raute) fielen die folgenden drei Optionen für das Angriffsspiel quasi weg:

A: Özil (A) spielt einen langen, aber flachen Ball durch die Schnittstelle der gegnerischen Viererkette auf den startenden Almeida (23). Özil ist prädestiniert für diese Pässe, die bei einem plötzlichen Ballgewinn im Mittelfeld tödlich sein können. Pizarro ist nicht schnell genug für diese Antritte, bzw. es braucht zwei Spitzen, um die richtigen Winkel für den Laufweg zu haben.

B: Der Torwart oder ein Abwehrspieler (4) spielt einen hohen Ball auf Almeida, der ihn mit dem Kopf auf einen zweiten Stürmer oder einen nachrückenden Mittelfeldspieler (24) verlängert oder ablegt. Ich glaube, dass es in der Bundesliga fast keinen anderen Stürmer gibt, der so viele dieser Kopfbälle im Mittelfeld gewinnt.

C: Ein defensiver Mittelfeldspieler (22) spielt einen langen, hohen Ball in den Raum zwischen Kette und gegnerischem Torwart. (Diese Variante ist mit Abstrichen auch mit Pizarro als einziger Spitze möglich.)

Dieses Angriffsspiel ist zwar nicht so schön anzusehen, aber man sollte es nicht unterschätzen. Es ist bei allen Mannschaften, ob aus dem Keller oder von der Spitze, ein wichtiger Bestandteil. Alle drei Optionen zeichnen sich durch die folgenden Eigenschaften aus: zu einem frühen Zeitpunkt im Angriff wird der Ball in die Spitze gebracht, bei Option A, wenn der Gegner nach einem Ballverlust noch ungeordnet steht. Der größte Teil des Platzes kann ohne Risiko eines Ballverlusts überbrückt werden. Zwar ist bei Option B und C das Risiko eines Ballverlusts recht hoch, aber er geschieht im gegnerischen Spielfelddrittel, also weit weg vom eigenen Tor. Außerdem: ist man durch Kombinationsspiel dort hingelangt, und verliert den Ball, ist die eigene Mannschaft weit aufgerückt, und damit anfälliger für Konter.

Die Saison war also sehr gut, aber sie hätte besser sein können. In der Europa-League war mehr drin, das 4:4 gegen Valencia zu Hause war für mich keine hommage an den Fußball, sondern eine gruselige Leistung. Aber dieses Spiel war ein Ausreißer in einer Phase, in der wir in der Liga meistens gewannen.

Platz eins oder zwei in der Liga wurde im Winter verspielt, in einer Serie von fünf Niederlagen in Folge. Es war in der Hinrunde viel die Rede von einer langen Serie an nicht verlorenen Spielen. Aber als sich andere noch an einem Unentschieden bei den über die Saison hinweg schwachen Nürnbergern begeistern konnten, war auf dem Platz bereits seit einigen Spielen deutlich zu sehen, dass sich die Durchschlagskraft in der Offensive (Ausnahme der Kantersieg in Freiburg) abgenutzt hatte, und die Serie böse enden würde. Eine frühere Niederlage hätte uns gut getan, dann hätten Schaaf (der allgemein sehr langsam auf Krisen reagiert, und dazu neigt, seine Spielidee unabhängig von Personal und Form durchzubringen) und die Mannschaft vielleicht schon vor der Pause die Kurve bekommen.

Ein wichtiger Grund für diese Schwächephase in der Saison waren für mich Verletzungen. Pizarro fehlte vom 11. bis zum 15. Spieltag. Frings und Borowski fehlten zwar nur jeweils zwei Spieltage (12. und 13. bzw. 13. und 14.), aber beide sollten wegen der Verletzungen erst wieder nach der Krise in der Rückrunde an ihre Form zu Beginn der Saison anküpfen. Bargfrede fehlte sogar vom 15. bis zum 23. Spieltag.

Damit wird für mich das Problem der neuen Spielweise deutlich. Es ist dann geeignet, wenn die wichtigen Spieler fit sind und die Mannschaft insgesamt in Form. Kriselt es aber, fehlen wichtige Spieler, oder ist der Rasen für ausgefeilte Kombinationen im Winter nicht geeignet (Niederlage in Hamburg), braucht es defensive Stabilität und Effizienz im Spiel nach vorne. Dann muss mal auch man mit langen Bällen operieren, und aus dem Nichts heraus durch eine Kopfballablage oder einen überraschenden Steilpass aus der Abwehr in Führung gehen. Kombinationsspiel braucht mehr Konzentration, und die fehlte den jungen Offensivspielern gerade im Torabschluß. Den jungen Offensivspielern fehlte die Erfahrung, dass in so einer Saison-Phase Kombinationsspiel um der Kombination willen, wie es manchmal zu sehen war, fehl am Platz ist.

Das Fazit in diesem Sinne: die Saison hat eine neue, willkommene Flexibilisierung unseres Spielsystems gebracht. Man hat zunächst zwei Spitzen mit völlig unterschiedlicher Rollenverteilung gesehen (Marin/Pizarro), über weite Strecken ein 4-5-1, aber auch ein klassisches 4-4-2 (Pokalfinale) gesehen, und manchmal auch die Raute.

Ich glaube allerdings, dass die Spielweise über weite Strecken weniger flexibel war. Zu Zeiten der Raute gab es sowohl herrliches Kombinationsspiel, als auch schnörkelloses, effizientes Spiel in die Spitze (gerade in der Ära Micoud und mit Klasnic-Ailton bzw. Klasnic-Klose im Sturm). Das ist mit Marin, Özil und Hunt zugleich auf dem Platz 2009/2010 oft abhanden gekommen.

Mein Saison-Fazit in fünf Folgen.

I. Marin vs Almeida

II. Ein norddeutscher Jung

III. Der schönste Angriff der Saison

IV. Kasperkrams – die Top 3 der Saison 2009/2010

V. Nach der Saison ist vor der Saison

Kommentar

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