Kamerun vs Dänemark, das 1:1

von Johan Petersen am 20. Juni 2010

Abwehrketten bringen viele Vorteile mit sich, und sie haben nur wenige Schwächen. Eine davon ist ihre Anfälligkeit bei langen Bällen, die weit und diagonal über sie hinweg gespielt werden.

Der Grund ist hier dargestellt: der Außenverteidiger (2), hier der linke, muss neben seinem Gegenspieler (7) die Höhe des Innenverteidigers (4) und den Ball im Auge behalten. Wird ein langer Ball über ihn hinweg gespielt (weiße gestrichelte Linie ist sowohl seine Blickrichtung als auch Passweg), muss er sich um 180 Grad drehen. Sein Gegenspieler hingegen muss diese Drehung nicht machen, eventuell kommt er sogar mit Tempo aus dem Rückraum und hat damit einen großen Bewegungsvorsprung vor dem Verteidiger.

Dagegen lassen sich im wesentlichen zwei taktische Mittel einsetzen:

  • als Abwehr so hoch stehen, dass — wenn der Angreifer nicht ohnehin im Abseits steht — entweder der Torwart eingreifen kann, bevor der Stürmer den Ball erläuft (wenn er eher ins Zentrum geschlagen wird), oder dass der Außenverteidiger den Stürmer stellen kann, bevor er vom Flügel in die torgefährliche Zone eindringen kann (wenn der Ball eher nach außen geschlagen wird).
  • als Stürmer den langen Ball unterbinden

Im Spiel Kamerun gegen Dänemark hielten die dänischen Flügelspieler Rommedahl und Gronkjaer bei eigenem Ballbesitz konsequenter als bei den meisten Teams die Außenline (bei einigen Team krankt gerade daran das Offensiv-Spiel). Es war früh offensichtlich, dass Rommedahl auf rechts zu viel Platz hatte, weil ihm nur der Linksverteidiger Kameruns entgegenstand, aber kein Mittelfeldspieler. Auf der anderen Seite musste sich Gronkjaer hingegen mit Mbia und Geremi auseinander setzen.

Dementsprechend bereitete er das 1:1 vor (später erzielte er das 1:2): Ein dänischer Verteidiger spielt einen herrlichen, diagonalen Ball über die Kette Kameruns, Rommedahl nimmt ihn aus vollem Lauf genial mit, legt ihn flach die Mitte, wo Bendtner ihn ins Tor grätscht.

Einerseits: in dieser Perfektion — gerade die tolle Ballmitnahme Rommedahls – schwer zu verteidigen. Andererseits: das richtige taktische Mittel wäre die Abseitsfalle gewesen. Darüber war sich die Abwehr Kameruns aber nicht einig, wie hier zu sehen ist: die dänischen Flügelspieler stehen sehr hoch und sehr weit aussen (blaue Pfeile). Der rechte Teil der Kette (gelbe Linie) steht — richtiger Weise — höher als der linke (rote Linie), der die Situation nicht erkennt. Dadurch steht Rommedahl nicht im Abseits.

Selbst wenn die Abseitsfalle daneben gegangen wäre, hätte das den Mittelstürmer Bendtner gezwungen, höher zu stehen, was seinen Weg zum Tor verlängert hätte. Das hätte sowohl dem Torwart als auch den Verteidigern mehr Möglichkeiten zum Eingreifen gegeben, da z.B. Rommedahl mit seiner Flanke auf ihn hätte warten müssen.

Hinzu kommt, dass die Stürmer den dänischen Verteidiger in Ruhe den Pass schlagen lassen.

Und von oben dargestellt: die rote Linie stellt die ideale Position der Viererkette dar, die weiße die verhängnisvolle Abweichung. Rommedahl (7) läuft in den Ball, der Außenverteidiger (2) kann ihm nicht folgen, weil er sich erst drehen muss. Im Zentrum reagiert Bendtner (9) schneller als die Innenverteidigung (4) (3) und erarbeitet sich ebenfalls einen Bewegungsvorsprung.

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bauxta 23. Oktober 2011 um 5:55 pm

Die Situation kommt mir aus zahlreichen Werder-Spielen bekannt vor. Aber es scheint ja ein generelles Problem zu sein. Zwei Sachen sind mir nicht ganz klar:

1. Eine hoch stehende Abwehrkette zwingt Bendtner doch nicht, ebenfalls höher zu stehen. Schließlich ist er in besagter Situation lediglich im passiven Abseits. (Was nicht heißt, dass ich diese Regelauslegungen zum passiven Abseits gut finde, sondern lediglich, dass es wahrscheinlich nicht gepfiffen würde).

2. “als Abwehr so hoch stehen, dass — wenn der Angreifer nicht ohnehin im Abseits steht — entweder der Torwart eingreifen kann, bevor der Stürmer den Ball erläuft…”

Gerade wenn die Abwehr tief steht, dürfte der Torwart doch leicht den Ball ergattern, weil die Lücke zur Abwehr kleiner ist. Bei einer hoch stehenden Abwehr hat der Stürmer doch jede Menge Zeit, dem Torwart zuvorzukommen. Oder verstehe ich da etwas falsch?

Unabhängig davon noch einmal ganz großes Lob an deinen Fußballblog. Ganz generell mal eine Frage: Hast du irgendwo schon einmal die Grundidee hinter der Werder-Raute erklärt? Ich lese meistens in deinen Artikeln nur in Nebensätzen etwas darüber. Das klassische 3-1-Offensivsystem ist ja schon häufig hier erläutert worden (Stürmer läuft vom Strafraum weg und öffnet eine Lücke für das Mittelfeld). Was ist mit der guten alten Raute – jetzt mal ungeachtet aller persönlichen Abneigungen dagegen? :-)

Johan Petersen 23. Oktober 2011 um 6:33 pm

Danke für den Kommentar.

1. Doch. Er muss ja selber anspielbar sein, und weiß nicht unbedingt, dass der Verteidiger den Ball auf den Flügel spielt.

2. Das habe ich nicht so gut formuliert. Es geht eher ums Abseits und darum, dem Verteidiger die Möglichkeit zu geben, den Stürmer vor der torgefährlichen Zone noch zu stellen. Trifft weder das eine noch das andere zu, muss der Torwart mitspielen.

Johan Petersen 23. Oktober 2011 um 6:34 pm

Ich plane in Kürze eine Serie zur Raute. Dauert noch ein paar Tage bis zum ersten post. Den Titel habe ich aber schon: Geheimnisse der Raute – die sechs Dreiecke.

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