Die Revolution des Joachim Löw hat sehr leise begonnen. Verborgen hinter dem Hans-Dampf-In-Allen-Gassen Jürgen Klinsmann konnte er wirken, sie behutsam angehen. Man wolle nach vorne spielen, um den Heimvorteil auszunutzen, Euphorie zu entfachen und sich so bis ins Finale zu spielen. So fing es 2004 an.
Gegen Ghana ist sie nun zu Ende gegangen, und das mit einem lauten Knall. Die Nation, die die Spieler Horst Hrubesch und Kopfballungeheuer hervor gebracht hat, ist vermutlich zum ersten Mal in ihrer WM-Geschichte ohne einen klassischen, kopfballstarken Stürmer angetreten.
Damit hat sich Löw komplett für das spanische Modell entschieden. Vier flexible, spielstarke Offensivspieler sollen die gegnerische Viererkette mit schnellem Lauf- und Passspiel auseinander nehmen (nur dass Podolski und Müller strikter ihre Seiten halten).
Ich habe nichts gegen Revolutionen, und schon gar nichts gegen eine Modernisierung, wie sie Löw der deutschen Nationalmannschaft verordnet hat. Aber aus zwei Gründen hätte ich eher mit Gomez begonnen als mit Cacau.
Die Viererkette Ghanas stand durchweg sehr hoch, meistens zwanzig Meter hinter der Mittellinie. Trotzdem kann ich mich im gesamten Spiel an keinen einzigen langen Ball erinnern, den wir über die Kette hinweg gespielt hätten. Cacau kommt entgegen, und bekommt Anspiele in den Fuß. Gomez hingegen explodiert und kann lange und steile Bälle erlaufen. Die Folge war, dass die ghanaischen Verteidiger sich permanent auf die Verteidigung nach vorne konzentrieren konnten, weil unser Angriffsspiel zu berechenbar war. Sie konnten sich darauf verlassen, dass der zentrale Stürmer kurz anttäuscht und dann mit einem langen Ball entwischt.
Ghana hat es wie Serbien gemacht: hoch stehen, in der Mitte unserer Hälfte attackieren und die Passwege auf Khedira und Schweinsteiger zu stellen. Dadurch entwickelte sich ein Spiel, das ich trotz des geringen Tempos wegen der engen Räume auf relativ hohem Niveau ansiedeln würde. Viele Mannschaften stehen deutlich tiefer.
Es gab allerdings in den ersten zehn bis fünfzehn Minuten ein Zeitfenster, durch das zu sehen war, dass Ghana solide und geordnet spielte, aber mit der nötigen Geduld zu überwinden war. Die hochstehende Abwehr war anfällig, wenn Deutschland es schaffte, zu den Flügeln durchzuspielen (wegen des erneut zu niedrigen Tempos in der Spieleröffnung natürlich zu selten). Das Fenster schloss sich, auch wegen unserer Nervosität, aber ich hatte nie wieder das Gefühl, wir würden nicht gewinnen – zumal Ghana in seiner Chancenverwertung da weiter gemacht hat, wo es gegen Serbien und Australien weiter gemacht hat. Sie schießen Tore eben nur durch Elfmeter.
Die Chance von Özil hätte das Spiel bereits entscheiden müssen – je mehr Zeit man vor dem Tor hat, desto eher gibt man alle Möglichkeiten aus der Hand und schiebt dem Torhüter am Ende den Ball in die Füße. Beim Tor konnte er nicht überlegen, und hat einfach geschossen.
Das Spiel überhaupt, aber vor allem die Minuten vor dem Tor waren wie eine Suche nach der Grenze zwischen Geduld und Fahrlässigkeit. Wie immer im Leben weiss man erst hinterher, wo man sich aufgehalten hat. Deutschland versuchte (ähnlich wie Werder) in der zweiten Halbzeit, in der sich Ghana zunächst weiter zurück zog, sich mit Doppelpässen in den Straufraum zu kombinieren, anstatt zielstrebiger und aus der Distanz den Abschluss zu suchen.
Sicherlich hatten wir in der Abwehr Probleme, aber ich konnte nichts erkennen, was strukturell Anlass zu Sorgen geben würde (unter anderem wegen der starken Leistung von Neuer). Mertesacker ist in dieser Form ohne Zweifel ein Problem, aber am ehesten unterstützte das Mittelfeld die Abwehr in wichtigen Momenten nicht ausreichend. Und Gyan bereitete uns vor die erwarteten Kopfschmerzen.
Zurück zu Gomez. Der zweite Grund, warum ich ihn aufgestellt hätte, sind unsere Standards, die Anlass zur größten Sorge geben. Es fehlten kopfballstarke Spieler auf dem Platz. Und ich würde Löw gerne Fragen, wie viele Stunden Standards er bisher hat trainieren lassen – es ist kaum etwas zu erkennen.

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Ich finde es vor allem erschreckend, dass seit Turnierbeginn keine wirklich gefährlichen Ecken geschossen wurden. Entweder waren sie zu weit oder übers Tor oder direkt in die Hände des gegnerischen Keepers. Wo ist der neue Mario Basler?
Sehr guter Bericht (wie immer).
Die Standards sind echt ein grauen. Selbst ohne Gomez sollten wir schon ein paar Leute haben, die Tore machen können. Özil kanns doch bei Bremen auch. Ich weiß gar nicht, ob unter Löw überhaupt schoneinmal eine Ecke zum Tor geführt hat.
Deinem Krisen-Artikel stimme ich übrigens auch voll zu. Insofern stimmt mich die Vorrunde hinreichend optimistisch, was leider für England (HOlland, Italien..) auch gilt. Ich glaube, wenn Deutschland auf England trifft ist die Vorgeschichte eh – Geschichte. Bin aber mal auf die Aufstellung am Sonntag gespannt, es gibt ja mMn doch einige offene Punkte (Boateng, Merte, Schweini, Klose/Cacau/Gomez…)
Ich bin übrigens doch mal gespannt, wie sich Özil gegen Lampard & Gerrad durchsetzt – und ob er danach immernoch zu Arsenal will. Er wird ja wohl leider nach der WM nicht zu halten sein und da die Bauern in (zum Glück) wohl nicht brauchen bleibt ja nur das Ausland, und das kann man ihm (noch) definitiv nur abraten…
Dass die deutschen Eckbälle zu nichts führen, liegt nicht nur an der fehlenden Kopfballstärke, sondern auch daran, dass die Ecken von links immer von Schweinsteiger kommen. Er hat zwar eine herausragende Saison gespielt, aber schon in München führen seine Eckbälle fast nie zum Erfolg. Und ob Gomez nun wirklich weitergeholfen hätte, halte ich zumindest für fraglich: Er hat im Moment noch weniger Spielpraxis und Selbstvertrauen als Klose, und selbst in seinen besten Stuttgarter Zeiten war er in der Nationalelf meistens ein Totalausfall.
Die individuellen Fehler von Mertesacker auf die fehlende Unterstützung des Mittelfelds zu schieben, finde ich übrigens ein wenig billig. Denn dann hätte auch sein Nebenmann Arne Friedrich große Probleme haben müssen, und der war für mich gegen Ghana einer der besten Deutschen. Abgesehen von Badstuber – der im Abwehrzentrum sowieso besser aufgehoben ist als auf der linken Seite – sehe ich aber auch keine wirkliche personelle Alternative. Ich frage mich ja schon, welcher deutsche Mittelfeldspieler zweikampfstark genug wäre, um einen eventuellen Ausfall von Schweinsteiger zu kompensieren.
@Conti. Ich werde das noch gesondert diskutieren – nur mit Gerrard und Lampard, wie zu Beginn, hätte Özil gegen England freie Hand. Mit Barry im Team hingegen haben sie diesen Bereich stabilisiert.
@T-Shirt. Das mit Mertesacker ist ein Missverständnis. Ich hab das zwar in einem Satz abgehandelt, aber ich wollte überhaupt keinen Zusammenhang herstellen zwischen seinen Fehlern und dem Kommentar zum Mittelfeld. Das waren allein seine Patzer. (Vor allem sollte er mehr Bälle einfach rausköpfen/abwehren, als sie wie bei Werder immer versuchen zu kontrollieren. Dazu fehlt ihm im Moment aus irgendeinem Grund die Form.)
Zu den Ecken: ich frage mich, warum fast alle zum Tor hingedreht werden. (Özil von rechts, Schweinsteiger von links.) Vom Tor weg ist oft gefährlicher. Zum Tor hin klappt dann am besten, wenn sie kürzer kommen, und die Angreifer entgegen kommen.