Zum Schiedsrichter am Ende. Erst fassen wir uns an die eigene Nase – das lohnt sich.
Serbien hat die richtigen Schlüsse aus unserem Sieg gegen Australien gezogen, und mit Kuzmanovic einen sehr defensiven, zentralen Spieler aufgestellt. Zusammen mit Stankovic und Ninkovic störten drei Spieler unseren Spielaufbau, während Krasic und Jovanovic strikt die Flügel besetzt hielten. Pantelic spielte nicht, und Zigic war die einzige Spitze.
Bei diesem System hätte das Mittelfeld schnell überbrückt werden müssen, um Müller und Podolski einzusetzen, bevor diese offensiven Flügelspieler zurück eilen konnten. Aber, und das wäre meine Hauptkritik, das Tempo war sehr niedrig, unsere Spieleröffnung war zu schleppend. Es gelang uns nicht wie gegen Australien, das defensive Mittelfeld schnell zu überspielen.
Dabei stellte sich Serbien nicht hinten rein, sondern attackierte uns auch immer wieder tief in unserer Hälfte. Gelangten wir an den gegnerischen Strafraum, dann meistens weil sich bei unserem langsamen und geduldigen Aufbauspiel Serbien irgendwann zurück fallen ließ – nicht durch das überfallartige Passspiel, das gegen Australien begeistert hat. Kamen wir durch, schlug Müller schwache Flanken.
In diesem Sinne hat uns eine europäische, auf hohem taktischem Niveau spielende Mannschaft Grenzen aufgezeigt. Damit haben hoffentlich die letzten begriffen, dass sich Australien gegen uns die bisher taktisch schlechteste Leistung der WM geleistet hat (die wir mit unserer spielerischen Klasse sehr gut ausgenutzt haben).
Auch das Tor war klasse gemacht. Schon vor dem Platzverweis bekam Badstuber Krasic nicht in den Griff (klare Antwort auf die Frage aus dem Vorbericht). Bei einem Angriff über unsere rechte Seite wird sich jeder Stürmer auf den langen Pfosten fallen lassen, wo Lahm der vermutlich kleinste Verteidiger des Turniers ist: entweder der Stürmer gewinnt das Kopfballduell, oder er zieht einen Innenverteidiger aus dem Zentrum – in diesem Fall Mertesacker.
In der zweiten Halbzeit zeigte die Mannschaft eine tolle Reaktion. Das zeigte, dass wir ohne den Platzverweis wohl gewonnen hätten.
Aber: Lukas Podolski steht am Scheideweg seiner Karriere. Wenn er nur seine linke Klebe und seine Flügelläufe zu bieten hat, dann muss er vor dem Tor eiskalt sein, und das war er heute nicht. Bereits gegen Australien wurde er wegen zwei starker Szenen völlig überbewertet – er vollendet, aber er nimmt wenig am Spiel teil, er kreiert nicht.
Bei seinem Elfmeter fehlte ihm eindeutig das nötige Selbstbewusstsein – weil er in den Minuten zuvor zwei Riesen-Chancen vergeben hat. Dann sollte ein anderer Spieler schießen. Der vergebene Elfmeter hat uns das Genick gebrochen.
Löw hätte früher Marin bringen können, der wie kein anderer Fouls und gelbe Karten provoziert. Der linke serbische Außenverteidiger war auch früh verwarnt, dann auch beide Innenverteidiger.
Ich kann verstehen, dass er den nachlassenden Müller und nicht Podolski raus genommen hat, der sich immerhin Torchancen erarbeit hat. (Özil hingegen setzte bis zu seiner Auswechslung Akzente und hätte eher als Cacau weitere gelbe Karten provozieren können.)
In der letzten Viertelstunde brach auch die Ordnung zusammen – Podolski und Marin kamen über links, während der rechte Flügel erst besetzt wurde, wenn Lahm aufrückte.
Es ist ein Ziel guter Schiedsrichter, Platzverweise zu vermeiden – dann steht der Fußball im Mittelpunkt, elf gegen elf; dieses Ziel erreicht man unter anderem mit flexibler Spielführung.
Bei der WM hingegen war schon in den ersten Spielen offensichtlich, dass die Schiedsrichter in der ersten Halbzeit gelbe Karten für harmlose Fouls zeigten, und sich damit jeglichen Spielraum für härtere Fouls nahmen. Das ging gut, weil es bisher eine unheimlich faire WM ohne rüde Fouls ist (wie in jeder Vorrunde zu erwarten). Ob das in der K.O.-Runde mit engen Spielen funktioniert? Ich glaube nicht.
Undiano hat übertrieben. In der ersten Halbzeit gab es 14 Fouls, sieben davon wurden mit gelben Karten geahndet. Höchsten zwei wären es es wert gewesen (Lahm, Kolarov).
Der einzige, der das nicht mitbekommen hat, war die Trantüte Miroslav Klose. Ein Spieler mit seiner Erfahrung muss kapieren, wie der Schiedsrichter tickt, und sich zurück halten. Klose ist mir schon lange ein Rätsel – meine Erklärung: er ist nicht in Form, hat auch gegen Australien auf frappierende Weise Torchancen vergeben, und wollte sich über gewonnene Zweikämpfe und viel Einsatz Selbstbewusstsein erarbeiten. Das wirkte reichlich übermotiviert.

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Mertesacker war unterirdisch, stand gerade im Spielaufbau neben sich. Beim Tor hätte er das Zentrum halten müssen, stattdessen hat er eher Lahm behindert.
Das kam zum richtigen Zeitpunkt. Jetzt wissen wir, woran wir arbeiten müssen.
Die Auswechslungen waren unverständlich. Er hätte Marin für Badstuber bringen müssen und hinten mehr auf Risiko setzen müssen. So hätten wir vielleicht auch nach dem verschossenen Elfer noch mehr Druck aufgebaut.
Ja, vielleicht sollte man fairer Weise sagen, dass Podolski von hinten bisher null Unterstützung bekommt. Jansen wäre vielleicht die richtige Mischung gewesen – von dem schien Löw doch viel zu halten.
Auch Aogo hätte gegen Krasic besser ausgesehen.
Ich teile die Analyse … von drei Ausnahmen abgesehen:
1.) “Özil setzte bis zu seiner Auswechslung Akzente”??? Er hatte zwei gute Aktionen, ansonsten waren seine Akzente vor allem Fehlpässe und Probleme bei der Ballannahme.
2.) Marin hat nach seiner Einwechslung noch weniger gebracht. Warum also hätte man ihn früher bringen sollen?
3.) @Johan: Badstuber war heute sicherlich der schwächste Deutsche, aber Jansen wäre erst recht keine Alternative gewesen. Jansen ist ein sehr guter Mann für das linke Mittelfeld, doch als linker Verteidiger ist er defensiv viel zu schwach.
Die schlechten Kritiken an Özil, die man hier und da liest, sind völlig unangebracht. Er war auch heute wieder der Impulsgeber und seine Auswechslung fand ich fragwürdig.
Er litt darunter, dass er nach der roten Karte sehr hoch spielen musste – es wäre besser gewesen, die Flügelspieler vor ihm ins Zentrum zu ziehen.
Nach einem Spiel, das wirklich zu erwarten war bei seinen Qualitäten, wurde er hoch geschrieben, und jetzt wird er nach einem durchaus ansprechenden Spiel wieder runter geschrieben – die Presse nervt.
@T-Shirt – oops, Du warst im Spam gelandet.
Zu Özil – ich denke er hat sich auf dem engen Raum sehr gut behauptet. Technische Probleme habe ich nicht wirklich gesehen. Mit seiner Auswechslung ließ der Druck auch nach (wofür es mehrere Faktoren gab). Er war natürlich nicht so stark wie im ersten Spiel, aber ich fand es in Ordnung.
Marin – hatte es in der letzten Viertelstunde schwer, noch ins Spiel zu kommen. Zur Pause gekommen, hätte er sicherlich noch auf dem Flügel Alarm gemacht.
Jansen – nicht in der Startelf, sondern irgendwann in der zweiten Halbzeit. Den hätte man z.B. anstelle von Marin bringen können, um Podolski zu unterstützen.
Während die Presse nach dem Sieg gegen Australien zu euphorisch den Weltmeistertitel schon den Deutschen zugeschrieben hat, so überzogen war die Kritik an diesem Spiel. Die Niederlage kam genau zu richtigen Zeitpunkt. Wir befinden uns noch in der Gruppenphase, wo Niederlagen, im Gegensatz zur K.O-Runde, noch ausgeglichen werden können. Jetzt ist der Trainer gefragt, die Fehler richtig zu analysieren und die Lehren zu ziehen und die Mannschaft auf die zukünftigen Anforderungen einzustellen.
Jetzt ist aber auch die Mannschaft gefragt, die zeigen muss, dass man ohne Alpha-Tiere wie Ballack , Kahn, Lehmann, Frings Erfolge haben kann und dass man in der Lage ist, aus einer solchen Niederlage zu lernen. Werden die Anforderungen an die Trainer und an die Mannschaft gut umgesetzt, kann man sich vorstellen, dass dieses Kollektiv es bei dieser WM weit bringen kann.
Unabhängig davon, wie diese junge Mannschaft abschneidet, transportiert sie einen Botschaft:
HOFFNUNG