Ein Spiel, das die Debatte zwischen Kunst und Ergebnissen, zwischen Philosophie und Empirie, zwischen Löw und…sagen wir mal Sammer in ganz neue, unerforschte Sphären getrieben hat.
Einerseits: unsere spielerische, fußballerische Überlegenheit hat mit dem 2:0 das Spiel fast schon entschieden. Andererseits: unsere Ignoranz der Standardsituation hat die Engländer wieder ins Spiel gebracht.
Mit der Entscheidung Capellos, beim 4-4-2 zu bleiben, ging das Spiel aus englischer Sicht verloren, bevor der Schiedsrichter die Partie anpfiff. Nach den ersten zehn, fünfzehn Minuten blieb nur noch die Frage, ob es aus englischer Sicht eine Niederlage, oder ein Debakel werden würden. Zu sehen bei der Chance von Özil nach vier Minuten, als Rooney Schweinsteiger im Spielaufbau einfach laufen lässt, und der damit in Ruhe seinen Pass über die Abwehr aussuchen konnte. Gerrard, Barry und Lampard waren nicht in der Lage, dem deutschen Kombinationsspiel etwas entgegen zu setzen.
Das Spiel war in diesem Sinne das endgültige Begräbnis des klassischen 4-4-2. Aber abseits aller Systemfragen kam hinzu, dass wir fußballerisch in jeder Hinsicht in einer anderen Liga gespielt haben: Technik, Ballstaffeten, Ballan- und Mitnahme, Laufwege. England hat die bereits in der Vorrunde zu sehenden Schwächen in Technik und Passspiel gezeigt.
Zwar fiel der Führungstreffer nach einem grausamen Stellungsfehler der englischen Innenverteidigung, aber wir waren fußballerisch überlegen. Mitte der ersten Halbzeit, nach dem 2:0, sah alles nach einem Debakel für England aus. Nach einer halben Stunde hatte England 58 Prozent Ballbesitz, und wir 42 Prozent. Trotzdem waren wir gefährlicher, und hätten es noch mehr sein können, wenn der oft freie Müller besser eingesetzt worden wäre, und Podolski nicht in einer Überzahlsituation einfach blind aufs Tor geschossen hätte.
England hingegen musste sich auf lange Bälle beschränken, weil sie im Spielaufbau mit Barry keinen Schweinsteiger hatten. Ausnahmen waren Angriffe über unsere linke Seite, die am ehesten für Gefahr sorgten. Trotzdem hatte Boateng unter dem Strich die Sache im Griff.
Dann aber kamen die Standards ins Spiel. Von der Lampard-Chance abgesehen (Weltklasse-Parade von Neuer), kam England aus dem Nichts heraus ins Spiel zurück : durch eine Standardsituation. Wie sonst.
Für mich kein Torwartfehler – wenn Neuer auf der Linie bleibt, liegen seine Chancen bei 1-2 Prozent. Kommt er raus, bei 10-20 Prozent. Der Fehler lag darin, dass die deutsche Abwehr (wie auch öfters in der zweiten Halbzeit) einfach nicht auf eine kurze Ausführung der Ecke ausgerichtet war. Die Flanke aus dem Halbfeld in die aufrückende Abwehr ist tödlich.
Auf der anderen Seite wurden zwei von drei Ecken vom Keeper ohne Probleme abgefangen. Daher dachte ich: unsere spielerische Überlegenheit hat uns eine 2:0 Führung erst ermöglicht. Unsere Ignoranz der im Fußball entscheidenden Mittel hat das Spiel fast wieder gekippt.
Unsere größte Schwäche in der ersten Halbzeit war trotz allem die Chancenverwertung. Klose hätte das 3:0 machen müssen, weil der Torwart früh auf dem Boden lag, er ihn aber trotzdem anschoss.
In der zweiten Halbzeit wurde England zunächst stärker, unter anderem weil Rooney sich endlich ins Mittelfeld fallen ließ, kurz angespielt werden konnte und sich damit das englische Kombinationsspiel verbesserte.
Bei unseren Kontern lieferte sich England dann in der Abwehr weitere, haarsträubende individuelle Fehler. Vor dem 3:1 hätte Schweinsteiger beim Kreuzen von seinem Gegenspieler gelegt werden müssen. Vor dem 4:1 gibt Barry gegen Özil – der das Laufduell gewinnt, obwohl er den weiteren Weg hat – die innere Deckungslinie auf – Özil ist ohnehin schon schneller als er, und dann ist sein Stellungsspiel eine Katastrophe. Im Ergebnis tritt ein Käfer gegen einen Ferrari an.
Ich habe viele englische Arbeitskollegen, und denen werde ich morgen folgenden Trost, folgenden Deal anbieten: kurzfristig hat England ein Debakel erlitten. Langfristig, also historisch betrachtet, dürfen wir nie wieder das Wort Wembley in den Mund nehmen. In dieser Hinsicht steht es jetzt endlich eins zu eins.
Die FIFA ist im Grunde genommen eine Organisation aus dem Zeitalter vor der Aufklärung. Die kann man irgendwo zwischen dem 14. Jahrhundert (Norditalien, Florenz, da Vinci) und dem frühen 20. Jahrundert (Preussen, Bismarck, Kaiser) ansiedeln.
Dementsprechend gibt es keinen Videobeweis und keinen Chip im Ball. FIFA-Götter dämmern nicht, und das ist eine Schande für diesen Sport.

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Ich habe viele irische Arbeitskollegen und mit denen werde ich morgen gemeinsam die Englische Niederlage feiern… und die wenigen Kollegen aus UK müssen halt ein wenig vertröstet werden. Shit happens!
Guter Kommentar zu Neuer, fernab von “wenn er rauskommt muss er ihn haben” Geschwätz. Das einzige, was man ihm vielleicht ankreiden kann, ist dass er die Entscheidung rauszukommen sehr spät trifft bzw. die Situation zu spät richtig einschätzt. Aber das sagt sich hinterher natürlich leicht.
Bin jetzt sehr gespannt auf das Viertelfinale. Bei aller Euphorie war England heute kein Gegner, der als echter Gradmesser für die deutschen Titelchancen angesehen werden kann.
Was sagst du denn zu Özil heute? Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er bzw. seine Rolle im deutschen Spiel bei Fans und (deutschen) Medien immer noch unterschätzt wird.
Özil sehe ich genau so. Gerade wenn man im Werder-Land sieht, wie er weiterhin auch während der WM von Fans im Internet bepöbelt wird, ist das schon traurig.
So hervorragende Techniker werden immer unterschätzt, aber bei ihm muss noch etwas anderes dabei sein.
Für mich ganz klar einer der drei bis fünf besten Mittelfeldspieler des Turniers bisher.
Zum Thema Özil (“bei ihm muss noch etwas anderes dabei sein”). Hier kann man schön lesen, was noch “anderes dabei” ist bei rechtsextremen Fußballfans und ihren stillen Sympathisanten:
http://www.taz.de/1/sport/wm-2010/artikel/1/immerhin-kann-der-tuerke-wat/
Özil wird unterschätzt? Also in meiner Umgebung und den Medien, die ich lese/sehe/höre wird er über alle Ohren gelobt.
Das er wegen seines Auftretens (arrogant, Söldner, eingebildet) nicht nur Freunde hat, besonders bei gegnerischen Fanlager, ist völlig normal.
In Deutschland wird Özil unterschätzt, in England sind sie ja nachgerade verliebt in ihn (Guardian, zonalmarking).
Er ist Dreh- und Angelpunkt des (erfolgreichen) deutschen Angriffsspiels. Gegen England gefiel mir vor allem sein Wechselspiel mit Müller, Podolski auf links ist für so etwas leider zu statisch und eindimensional.
Ja. Und, wenn er so weiter macht, nicht mehr lange in grün-weiß. Schade. Das ist noch Luft nach oben.
Ich habe das Gefühl, dass es seine ‘gleitende’ Spielweise ist, die eben nicht nach Gras-Fressen aussieht und schnell pomadig, wenn es mal nicht läuft. Ich habe da auch schon geschimpft und ziehe jetzt beschämt den Hut: Wie viele Spiele wären beim letzten Konter durchgesprintet und hätten eben nicht verzögert, bis Müller nachrücken kann? Beim ersten Tor zieht Özil einen der IVs mit einem kurzen Antraben aus der Kette raus und schafft so mit erst den Platz für Klose.
Schade, dass er auch im Bremer Umfeld weiterhin unterschätzt ist: http://blog.worum.org/?p=2339
Bei aller Begeisterung möchte ich doch etwas Wasser in den Wein gießen: Über weite Strecken haben die Deutschen zwar hervorragend gespielt, aber wie das Team zwischen der 30. und 60. Minute das Spiel fast völlig aus der Hand gegeben hat, erfüllt mich mit Blick auf das Argentinien-Spiel doch mit einigen Sorgen. Gegen einen stärkeren Gegner hätte das unabhängig vom nicht gegebenen 2:2 ordentlich in die Hose gehen können.
@ Stefan. Wenn Du keine Belege für diese Behauptungen zu Özil hast, geh bitte in die Foren und kommentiere da.
@T-Shirt. Das sehe ich anders. Es gab sicherlich diese kritischen zehn Minuten zwischen dem Anschlusstreffer und der Halbzeit. Aber nach der Pause war es Kalkül, England das Spiel zu überlassen. England ist sich mit Ball selbst ein Gegner….
@Stefan: Arrogant? Söldner? Eingebildet? Ich nehme an, Du wirst Ballack bei seiner Rückkehr nach Leverkusen aus genau den gleichen Gründen auspfeifen, richtig? Ich finde diese Kategorien ehrlich gesagt ziemlich lächerlich.
@ Tobias und Johan Petersen:
Ihr habt mich wahrscheinlich falsch verstanden. Ich persönlich halte Özil nicht für arrogant, eingebildet oder einen Söldner. Aber es gibt immer welche, die dass von Spieler halten, die im Medieninteresse stehen. Woraus sie das schließen, ist mir schleierhaft. Vielleicht schauen sie nur auf sein Äußeres, vielleicht muss man das als HSV-Fan auch einfach nur denken. Aber vielleicht denken sie es, weil er den Vertragspoker so lange hingezogen hat (so wirkt es zumindest auf Außenstehende). Was ich damit sagen wollte: Es wird immer welche geben, die ein schlechtes Wort über einen Spieler finden.
“Belege” dafür, dass er auch sehr gelobt wird:
Scouts der serbischen Nationalmannschaft nennen Özil den gefährlichsten Spieler, er wird zum “Jahrhunderttalent (freie Presse) ernannt, DIE ZEIT titelt “Özil wandelt Qual in Genuss” und sogar die Bundesregierung meint: “Mit seinem überragenden Treffer und seinem Ballgefühl hat Özil einmal mehr bewiesen, welch große Bereicherung er für die deutsche Mannschaft ist. Und welch Riesen-Gewinn für unser Land.”
@Stefan. Alles klar.
@Stefan: Ah ok, dann hab ich dich missverstanden, sorry!
Klar wird Özil gelobt, vor allem jetzt während der WM wo das Team erfolgreich ist. Es gab in der Rückrunde aber eine Phase, wo er aus verschiedenen Gründen nicht gut gespielt hat und da wurde er von Fans und Medien (vor allem im Bremer Umfeld) sehr hart angegangen und als überbewertet, faul und Schönspieler bezeichnet. Die Gründe hat Calli Camp ganz gut zusammengefasst. Ich habe das Gefühl, dass solche Spieler in Deutschland immer einen schweren Stand haben bzw. bei Krisen als erste verantwortlich gemacht werden, weil sie die “deutsche Fußballtugenden” so wenig verkörpern.
Übrigend interessant, dass die serbischen Scouts Özil als gefährlichsten Spieler identifiziert haben. Serbien hatte Özil von den bisherigen Gegnern noch am besten unter Kontrolle. Weil sie die Gefahr richtig (und rechtzeitig) erkannt haben?