Ordnung verhindert Gegentore. Die Abstände zwischen den Spielern müssen stimmen, und die Abstände zum eigenen Tor und zum Ball.
Um ein Tor zu schießen, muss man also Ordnung in Unordnung verwandeln. Mit das unordentlichste, das es gibt, ist ein Flipper: man weiß nie, wo die Kugel als nächstes hinspringt.
Ein Beispiel gab es in der Schlussphase des Hinspiels der Bayern gegen ManU. Gerade noch steht ManU geordnet und relativ tief, einen Moment später stehen sie so ungeordnet, dass ein Bayer den Ball vierzig Meter durch ihre Hälfte führen kann, ohne dass ein Abwehrspieler eingreifen kann. Auf dem Niveau ein unglaublicher Vorgang.
Die Ausgangssituation: Butt schlägt ab. Obwohl Gomez (11) nicht entgegenkommt, übernimmt der Innenverteidiger (4) das Kopfballduell. Dieser Laufweg ist oft der Anfang vom Ende der defensiven Ordnung. Um das zu vermeiden, bin ich ein großer Freund von kopfballstarken 6ern. (Wie Frank Baumann, über dessen Karriereende ich immer noch nicht hinweg bin, seufz.)
Der Innenverteidiger gewinnt das Kopfballduell und das anschließende Chaos lässt sich so zusammen fassen: Tymoshchuk (6) köpft den Ball direkt wieder nach vorne, Klose (7) gewinnt einen Zweikampf, der Ball springt zu Gomez (Klose läuft weiter und macht so den Raum für Gomez frei).

Der Spielzug: Jetzt steht ManU auf zwei Linien (rote und schwarze Linie), und Linien sind immer schlecht. Noch dramatischer: plötzlich befindet sich das gesamte Mittelfeld, ergänzt um Rooney, vor der Balllinie. So reisst der Kontakt zwischen Kette und Mittelfeld ab (rote Fläche) und Gomez kann mit hohem Tempo auf die Abwehr zulaufen. Die Viererkette weicht zurück – bliebe sie stehen, könnten zwei Spieler (es könnten noch mehr sein, wenn sie nicht so weit auseinander stehen würde) Gomez weit weg vom Tor stellen – sie müssten allerdings einen eventuellen Pass durch die Kette auf Olic (9) verhindern.

Der Torabschluss: Gomez hat bei seinem Antritt so viel Schwung entwickelt, dass ihn erst am Strafraum vier Mann stoppen können (roter Stern). Die haben beim Aufprall Taschendieb Olic aus den Augen verloren, der sich von der Seite heran schleicht. Er stiebitzt Evra den Ball aus dem Schuh, schleicht noch ein bisschen weiter und dann hinein in die gute Stube. Sozusagen durch die Hintertür.

Ein zweites Beispiel aus dem Heimspiel gegen Valencia, das viele als Werbung für Werders Fußball gesehen haben. Für mich war es einer der beiden Tiefpunkte dieser Saison – wegen der miserablen Abwehrleistung, die zum Ausscheiden aus der Europa-League geführt hat.
Die Ausgangssituation: In der Anfangsphase rennt Marin frei aufs Tor zu, entscheidet sich aber dagegen, den Ball ins Tor zu schießen. Stattdessen spielt er quer, und damit verliert Werder den Ball (hier nicht dargestellt). Anschließend spielt Valencia einen langen Ball auf einen Stürmer (7), der in den Raum zwischen Wiese und Abwehr startet. Gleichzeitig rücken die spanischen Mittelfeldspieler (8) (11) schneller und aggressiver nach als das Bremer Mittelfeld, unter anderem Frings (22), und besetzen damit einen freien Raum direkt vor der Bremer Abwehr (weiße Fläche). Zu allem Überfluss lässt Naldo (4) den Ball per Kopf direkt in diesen Raum vor sich tropfen, anstatt ihn zur Seite zu spielen. Das Ergebnis: in der dritten Minute eines wichtigen K.O.-Spiels spielen wir am eigenen Strafraum drei gegen drei gegen ballgewandte Spanier.

Der Spielzug und Torabschluss: Ein Spanier (8) nimmt den Ball auf, wird von Mertesacker (29) angegriffen, passt aber rechtzeitig auf den Torschützen (11).

Beide Beispiele zeigen, dass lange Bälle selten direkt erfolgreich sind. In Wahrheit sind lange Bälle zweite Bälle. Wie effizient diese im Vergleich sein können, zeigt eine hier zitierte Studie: fünf lange Bälle, die nicht ankommen, bringen so viele Chancen ein wie vier lange Bälle, die den Mitspieler erreichen. Mit anderen Worten: wegen des Flipper-Effekts, der Ordnung in Unordnung verwandelt, spielt es bei langen Bällen quasi keine Rolle, ob sie bei einem Mitspieler ankommen oder nicht.
Ich weiß leider nicht, wieviel Prozent aller Tore nach langen Bällen fällt, noch wieviel Prozent aller langen Bälle zu einer Torchance oder einem Tor führen. Passstaffetten sind für technisch versierte Teams immer die erste Wahl. Vielleicht war Rehagels kontrollierte Offensive auch deswegen so erfolgreich und effizient, weil er immer Wert gelegt hat auf große, kopfballstarke Spieler. Mit Marin im Sturm und später im Mittelfeld war Werders Spiel in dieser Saison ganz auf flache Ballstaffetten eines ständig rotierenden Mittelfelds ausgerichtet. Trotzdem hat selbst diese Mannschaft immer wieder auch lange Bälle gespielt, denn in vielen Situation im Spielaufbau bleibt keine andere Wahl – vor allem, wenn der Gegner Pressing spielt.
Lange Bälle sind also zweite Wahl. Sie kommen aber so oft vor, dass es sich lohnt, sie zu trainieren und Strategien zu entwickeln, die die Wahrscheinlichkeit ihres Erfolgs erhöhen. Wenn man die Flipper-Kugel im richtigen Moment wieder einfängt und in die richtigen Bahnen lenkt, sind sie erfolgreich.
Dazu gehört, dass ein kopfballstarker Stürmer entgegenkommt, um flachere Bälle vor dem Verteidiger über den Kopf rutschen zu lassen, und um die nötige Staffelung zu einem anderen Angreifer herzustellen, der in den Raum hinter ihm läuft. So wie bei diesem herrlichen Treffer von Almeida.
Dazu gehört auch, dass das Mittelfeld den Raum unmittelbar vor der Abwehr besetzt, um zweite Bälle zu gewinnen - so wie Valencia das oben leider gemacht hat.
Setzt eine spielerisch limitierte Manschaft vor allem auf hohe Bälle, rümpfen Beobachter die Nase. Fein. Aber sie sind ein effizientes Mittel, mit dem der Ball schnell in die torgefährliche Zone des Gegners gebracht werden kann und das wegen der nötigen Laufwege komplexer ist, als die Tribüne denkt. In die Schmuddelecke gehören sie daher nicht.
Daniel Jensen hat 2006 im Weserstadion dieses herrliche Tor geschossen: Klasnic (17) kommt einem langen Ball entgegen, zieht seinen Gegenspieler mit und verlängert ihn per Kopf diagonal auf Klose (11), der ihn per Kopf direkt in den Lauf von Jensen (8) ablegt, der aus dem Mittelfeld zwischen den Spitzen in den von Klasnic geöffneten Raum gestartet ist. Im eins gegen eins lässt er Kahn keine Chance.

So einfach und so schön kann Fußball sein. Ganz ohne Fallrückzieher und dreifachen Doppelpass.

{ 3 Kommentare… read them below or add one }
Sehr eindrucksvolle Analysen, gefällt mir sehr.
Hast einen neuen dauerhaften Leser gewonnen
da hast du ja schön das erste inter-tor schon vorausanalysiert. obwohl: eine flipperkugel war das nicht.
Ja, eher so wie das Tor von Jensen, ein kontrollierter Doppelpass.