Bayerns Flügelzange: In welchem Drittel kneift man sie?

von Johan Petersen am 14. Mai 2010

Wenn man sich vor einem Spiel gegen die Bayern unter van Gaal an die Kreidetafel stellt, hängen alle weiteren Kringel und Pfeile und Kreuze von einer Entscheidung ab: wo ziehe ich die Abwehr aufs Brett, mit einem Strich so dick, dass dabei die Kreide zerbricht wie früher dem Mathe-Lehrer?

Denn wer gegen die Bayern mit ihrer Flügelzange aus Robben und Ribery bestehen will, muss eine grundsätzliche Frage beantworten: wo greife ich an, und, ab welcher Höhe spiele ich Pressing? Die Antwort ist kompliziert, denn die Bayern sind vorne hui, hinten aber pfui.

Auf der einen Seite lohnt es sich, offensives Pressing im mittleren Spielfelddrittel zu spielen, denn es gibt bei den Bayern für eine Spitzenmannschaft ungewöhnlich viele potentielle Pressing-Opfer. Van Buyten hat immer Probleme mit dem Ball, Demichelis neigt zu Unkonzentriertheiten, Badstuber ist einbeinig, und van Bommel hat große Probleme, sich unter Druck zum Spielfeld hin zu drehen. Lässt er den Ball klatschen, geschieht das oft schlampig und ungenau.

Für Werder ist ein Ballgewinn in dieser Phase lohnenswerter als für anderen Mannschaften, denn mit Özil, Marin und Hunt haben wir eine Reihe von Spielern, die sofort umschalten können und denen das schnelle, direkte Spiel in die Spitze eingetrichtert ist. Siehe dieses herrliche Tor gegen die Bayern unter Klinsmann.

So hat es Lyon in der ersten Halbzeit im Hinspiel über weite Strecken hinbekommen, dass die Passwege aus der Abwehr auf Robben so zugestellt waren, dass van Buyten immer wieder hohe, aber relativ kurze Bälle auf Robben gespielt hat, der nicht einen von ihnen gewinnen konnte.

Auf der anderen Seite: um den Raum eng zu machen, und die Abstände zwischen den eigenen Spielern klein zu halten, muss die eigene Abwehr sehr weit vor dem eigenen Tor stehen, vielleicht sogar nur zehn bis zwanzig Meter von der Mittellinie entfernt. Misslingt das Pressing, und es gelingt den Bayern, Robben oder Ribery einzusetzen, haben diese viel Platz und das ist der Albtraum, aus dem wir im Rückspiel in der Liga zu spät aufgewacht sind.

Die andere Möglichkeit ist die, die Schalke in seinen Heimspielen in Pokal und Liga gegen die Bayern gewählt hat: sie haben ab der Mittellinie mit Kuranyi angegriffen, aber im Grunde erst im eigenen Spielfelddrittel die Messer rausgeholt. Das hat den großen Vorteil, dass man in der frühen Phase des van Gaalschen Spielaufbaus Ressourcen schont, um dann zwei oder sogar drei Spieler bereit zu haben, wenn der Ball bei Robben oder Ribery auf dem Flügel ankommt (weißer Kasten).

Das hat einiger Maßen geklappt, hat aber gleichzeitig Schalkes Niederlagen besiegelt: hat Schalke im eigenen Spielfelddrittel den Ball erobert, war der Weg zum gegnerischen Tor zu weit. Bayern hat den Ball immer relativ schnell zurück gewonnen – auch weil Schalke spielerisch limitiert ist. Das Konzept, den Ball nach Ballgewinn sofort auf  Kuranyi zu spielen, hat nicht funktioniert: er hat die Bälle nicht unter Kontrolle bekommen, bzw. konnte sie nicht lange genug halten, bis Mitspieler aufgerückt waren (daher hat Löw ihn richtiger Weise in den Sommerurlaub geschickt). So entstand ein zähes Spiel, das nicht gut anzuschauen war.

Auf der einen Seite hat Werder seit Jahren Probleme, wenn die Viererkette hoch steht. Siehe das Heimspiel gegen die Bayern, als wir unser damaliges Leistungsvermögen einfach ignoriert und trotzdem eine hochriskante Taktik gewählt haben: zur Pause hätte es 1:4 stehen können. Auf der anderen Seite schalten wir schnell um, und haben anders als Schalke ein kreatives und spielstarkes Mittelfeld, das bei Ballgewinn schnell die andere Hälfte erreicht.

An der Kreidetafel gibt es keine für immer gültigen Antworten. Man geht mit einem Plan ins Spiel, und stellt sich dann auf den Spielverlauf ein: nach einem Treffer Pressing spielen, um die Verunsicherung des Gegners auszunutzen. Bei einem Ballverlust nicht stehen bleiben, sondern sich langsam zurück ziehen.

Es gibt auch Mischformen. Schalkes Abwehr stand im Heimspiel gegen Werder zwar auch tief, hat aber sehr elastisch gespielt – die Kette rückte immer wieder vor (machte die Räume unglaublich eng) und zurück zum Strafraum. Die Bremer Mittelfeldspieler wussten in der ersten Halbzeit wegen dieser Wellenbewegung oft nicht, ob sie mit langen Bällen oder eher Kombinationsfußball agieren sollten, die Stürmer standen einige Male im Abseits. Daher kamen wir kaum vors Tor.

I. Der DFB-Pokal ist ein Kindergeburtstag

II. Bayerns Flügelzange: In welchem Drittel kneift man sie?

III. Robben-Jagd auf Finnisch: von außen nach innen oder von innen nach außen?

Kommentar

Previous post: Der DFB-Pokal ist ein Kindergeburtstag

Next post: Robben-Jagd auf Finnisch: von außen nach innen oder von innen nach außen?