Außenverteidiger müssen viele Dinge auf einmal im Auge behalten. Den Gegenspieler auf der einen Seite, den Abstand zum Mitspieler auf der anderen Seite, und dann auch noch den Ball irgendwo vor sich. Ein anspruchsvoller Job.
Um fehlerfrei durch dieses Gestrüpp aus Anforderungen zu kommen, muss der Spieler die richtige Antwort auf wieder kehrende Spielsituationen schon kennen, wenn sie auftauchen. Ein Grundprinzip: spielt der Gegenspieler (8) im 1 gegen 1 den Ball nach innen, muss sich der Verteidiger (2) sofort in den Raum hinter ihm fallen lassen, um bei einem Doppelpass den Ball abzulaufen oder zumindest den Laufweg seines Gegenspielers zu antizipieren. Also nicht dem Ball hinterher in die Mitte gehen (rotes Kreuz):

Unter van Gaal basiert die Spieleröffnung der Bayern oft darauf, dass der Gegner durch eine Ballstafette zwischen den Verteidigern und einem der Sechser auf eine Seite gelockt wird. Der Ball wird dann bei Überspielen eines Innenverteidigers auf einen hoch stehenden Außenverteidiger (2) auf der anderen Seite geschlagen. Der Nachteil: wenn der Ball nicht präzise in den Lauf gespielt wird bzw. der Spieler einen Moment braucht, um den hohen oder halbhohen Ball zu verarbeiten, kann der Gegner den Außenverteidiger oft stellen, bevor er den freien Raum nutzen kann.

Über rechts sind die Bayern dann brandgefährlich, wenn van Buyten (3) im Spielaufbau Lahm (2) überspielt, indem er den Ball direkt auf Robben (11) passt. Der dribbelt dann nach Innen, bindet einen oder zwei Gegenspieler, während Lahm hinter ihm in den dadurch frei werdenden Raum auf dem Flügel sprintet. Verdammt schwer für die Verteidiger, alle drei Optionen Robbens abzudecken: (1) eigenes Dribbling in Richtung Tor, (2) Flanke aus dem Halbfeld auf Gomez, (3) Pass auf Lahm.

Der Führungstreffer gegen Werder war eine sehr schöne Variante dieses Spielzugs, ermöglicht auch durch typische Unzulänglichkeiten in Werders Defensive während der Krise.
Robben (7) dribbelt nach Innen, Abdennour (16) folgt ihm und entblößt damit den Raum hinter sich. Ihm bleibt aber nicht viel anderes üblich, denn er muss eine mögliche Halbfeldflanke verhindern, die Robben oft schlägt. Das Problem ist: es dauert zu lange, bis der nächste Spieler Zugriff auf Robben bekommt (rote Fläche). Das ist in diesem Fall Frings (22), der dazu seine Position vor der Abwehr verlassen muss. Hunt (14), dessen Aufgabe dies eigentlich wäre, ist zu weit aufgerückt .

Als Frings Robben stellt, spielt dieser einen Querpass auf den aufgerückten van Bommel (6), der den Ball direkt durch eine Gasse zwischen Frings und Naldo (4) auf den durch gestarteten Lahm spielt. Keiner dieser Pässe kann verhindert werden, auch Özil (11) kann van Bommel nicht stören. Lahm befindet sich mit Ball im Rücken der Viererkette, und damit ist der Rest Formsache: Querpass auf Olic (9), der aus wenigen Metern einnetzt.

Werder wurde von den Bayern teilweise vorgeführt, weil Schaaf in einer tiefen Krise der eigenen Mannschaft gegen einen sehr spielstarken Gegner trotzdem volles Risiko gegangen ist, mit offensiv besetzter Raute und hoch stehender Kette.
Mittlerweile läßt er eher mit zwei Sechsern spielen (Frings, Niemeyer). Das hätte hier das Tor vielleicht verhindert, weil ein Sechser, der nicht aus dem Zentrum kommen muss, Robben schneller gestellt hätte. Er befindet sich ja bereits auf der Halbposition. Dann hätte der Außenverteidiger außen bleiben können, und der Sechser hätte vermutlich auch den Passweg von van Bommel auf Lahm zugestellt.

{ 2 Kommentare… read them below or add one }
Sehr schön, sehr schön. Ich werde vermutlich auf dich zurückkommen (falls ich darf), wenn ich mal Inspiration für die Taktiktafel brauche. Da gibt es bald auch wieder eine neue Folge, allerdings mit ganz anderem Ansatz als hier. Danke, dass du derweil die Flagge der Spielsituationsanalyse hoch hältst.
Immer gerne. Werde mich in nächster Zeit auch mal an Animationen ran machen, da kann man das natürlich besser darstellen. Aber dazu müsste es beruflich mal weniger zu tun geben.