Silvestre: endlich Realismus auf links

von Johan Petersen am 30. August 2010

Er war nicht mehr der schnellste, machte das aber mit Stellungsspiel und Abgezocktheit im Zweikampf wett. Er schlug gute Flanken, verrichtete sonst aber seinen Dienst auf der Außenbahn zurück haltend. Er war keine langfristige Lösung, sondern half uns für ein bis zwei Jahre aus.

Der Transfer von Mikael Silvestre erinnert in vielem an Ümit Davala. Kein Spieler, der Phantasien für die nächsten Jahre auslöst, sondern eine Lösung für das hier und jetzt.

Ich finde diesen Realismus gut. Linksverteidiger sind so rar, dass Preis und Qualität in einem ganz anderen Verhältnis stehen als auf anderen Positionen. Es macht Sinn, die Dauer-Baustelle Linksverteidiger nur vorübergehend und in Etappen zu schließen, als dort ins Risiko zu gehen.

Interessante Details zu Silvestre beim Singer. Letztlich hängt es wohl davon ab, wie schnell und fit er noch ist.

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Werder vs Köln, das 1:0 und das 2:0

von Johan Petersen am 30. August 2010

Das Bilden von Dreiecken ist eine grundlegende Strategie mit Ball. Der ballführende Spieler sollte mindestens zwei oder drei Anspielstationen haben; am besten werden die Dreiecke flexibel  in 10 bis 15 Metern Entfernung vom Ball aufgebaut, breit und tief. Idealer Weise wird ein Netz aus fünf bis sechs Spielern sukzessive über das Feld gezogen, bis eine Flanke oder ein Pass in die Tiefe möglich ist.

Was mir an der Raute am besten gefällt: die Dreiecke auf dem Flügel werden erst im Laufe des Angriffs aufgebaut, also immer aus einer Bewegung heraus, anstatt dass dort wie im 4-5-1 oder im 4-3-3 bereits Angreifer auf den Ball warten. Denn das erfordert ein sehr gutes Spiel ohne Ball von diesen Spielern (z.B. wie bei Arjen Robben oder Thomas Müller), um sich von ihren Gegenspielern zu lösen. Mit Raute hingegen laufen Spieler flexibel und damit wenig berechenbar in diesen Raum hinein.

Wichtig ist, dass ein Spieler die Position auf dem Flügel besetzt. Hier ist es der rechte Spieler in der Raute (7), es kann aber auch der Spielmacher sein (10). Auch die anderen drei Spieler der Raute verschieben sich zum Flügel, bilden Dreiecke für Pässe und sichern sich gegenseitig ab.

Oben kann zusätzlich eine Spitze (11) auf den Flügel als Anspielstation kommen, während auch der Außenverteidiger (2) an den Kombinationen teilnimmt. (Ich halte es übrigens für falsch, dass bei Werder wegen der Raute die Außenverteidiger per se mehr nach vorne machen müssen als in anderen Mannschaften/Vereinen, wie manchmal zu lesen.)

So kann in diesem wichtigen Raum (siehe Quadrat) ohne lange Laufwege aus der Grundposition heraus Überzahl hergestellt werden – gerade wenn ein oder zwei Spieler diagonal in den Rücken des gegnerischen Mittelfelds gelangen, wird es immer gefährlich. Das hat im Hinspiel gegen das 4-4-2 von Sampdoria gut geklappt und so fielen auch die Tore gegen Köln.

Das 1:0: Köln presst gut gegen Mertesacker (29), Bargfrede (44) und Frings (22), der es aber schafft, den Ball an seinem Gegenspieler vorbei zu Fritz (8) zu spitzeln. Der wird vom Außenverteidiger (2) angegriffen, und spielt den Ball weiter zu Marin (10), der im Rücken des zu hoch stehenden Petit (8) auf den Flügel entwischt. Petit schafft es dann fataler Weise nicht, Marin vor dem Strafraum zu stellen.

Das 2:0: Hier ist es Borowski (6), der aus der Raute die Position ganz außen übernimmt. Bargfrede (44) bekommt einen Pass aus der Abwehr, den er in den Lauf von Borowski auf den Flügel spielt. In der Mitte kreuzen Pizarro (24) und Arnautovic (7). Am Außenverteidiger vorbei kommt Borowski zur Flanke.

 

Dieses Tor zeigt einen weiteren Vorteil der Raute: man hat bei diesen Angriffen über die Flügel fast immer zwei echte Angreifer im Strafraum, die wissen, was vor dem Laden zu tun ist – anders als nachrückende Mittelfeldspieler wie z.B. Marin, der zu klein für Flanken ist.

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Werder vs Köln

von Johan Petersen am 28. August 2010

War es Werner Lorant, der Flanken einmal zum wahren Manko des deutschen Fußballs erklärt hat?

Die erste Halbzeit gegen Köln war geprägt durch geduldiges Kombinationsspiel gegen einen im Zentrum massiert und geordnet stehenden Gegner – aber wenn dann der Weg auf den Flügel gefunden wurde, flog die Flanke ins Niemandsland. Es wird den Experten auf der Tribüne wieder einmal verborgen geblieben sein, dass Borowski zunächst als einziger das taktische Mittel des Tages beherrschte, nicht nur vor dem 2:0.

Marin war der Zehner in der Raute, und für mich ist er als Spielmacher (erst einmal) durchgefallen. Anstatt sich dieser Rolle anzupassen, hat er sie seinen Fähigkeiten angepasst: auf dem Flügel und entlang der Torauslinie Gegenspieler schwindelig spielen ist sein Ding. Weder hat er dem Spiel aus der Tiefe Rhythmus gegeben, noch hat er tödliche Pässe gespielt, noch ist er im richtigen Moment ohne Ball durch die Abwehr gestartet. Auch weil sein Spiel ohne Ball nicht das eines Hunts oder Özils ist, tat sich Werder schwer – in der ersten halben Stunden waren Bargfrede und Borowski dahinter auch zu uninspiriert, um diese Aufgabenn des Mittelfeldspiels mit zu übernehmen. Arnautovic hingegen ermöglichte mit seiner Beweglichkeit (die Almeida später vermissen ließ) viele Angriffe über die Flügel.

Im und am Strafraum fehlte aber lange die Zielstrebigkeit im Torabschluss.

Der endgültige Podolski-Beweis

Köln war wie erwartet ein biederer Gegner, der sich in der ersten Halbzeit weigerte, nach vorne zu spielen: das Umschalten bei Ballgewinn war nicht bundesligatauglich. Es wird viel davon geschrieben, dass Podolski viele Freiheiten in der Spitze oder dahinter braucht. Diese erste Halbzeit war der endgültige Beweis, dass er eine extrem eng umrissene Aufgabe braucht, die genau auf seine Fähigkeiten in der Offensive ausgerichtet ist (siehe seine Rolle bei Löw). Außerdem hätte die linke Kölner Abwehrseite, über die beide Tore fielen, mehr Unterstützung von ihm gebrauchen können.

Insgesamt haben wir heute die richtige Mischung aus Druck und Geduld gezeigt, der Sieg war trotz der Gegentore (beide nach Standards) nie in Gefahr. In der zweiten Halbzeit funktionierte allerdings das Umschalten lange nicht, weil Almeida und Arnautovic zu weit vorne warteten, und damit bei Ballgewinnen am eigenen Strafraum Anspielstationen Mitte der eigenen Hälfte fehlten.

Wenn Fritz so weiter macht, steht er vor seiner bisher besten Saison bei Werder, die ihn wieder in den Kreis der Nationalmannschaft bringen dürfte.

Ich würde hier gerne etwas Neues erzählen, aber wieder hat Frings mit einem gruseligen Ballverlust unmittelbar ein Gegentor verschuldet.

Update: Also Brecko hatte einen rabenschwarzen Tag. Ein Außenverteidiger ist immer das letzte Glied in der Fehlerkette, aber bei drei von vier Toren sah er nicht gut aus. Vielleicht macht sich da bei dem WM-Teilnehmer fehlende Vorbereitungszeit bemerkbar.

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Gegen Köln: wir brauchen Planken, Planken, Planken

von Johan Petersen am 27. August 2010

Der Aktienkurs eines Unternehmens steigt und fällt aus vielen verschiedenen Gründen. Er wird vom Markt mitgesogen, von fundamentals getragen, von den Gewinnen eines Konkurrenten befeuert oder von Spekulanten geshortet.

Dann gibt es noch die technische Analyse jenseits von Nachrichten und Gewinnen oder Verlusten. Händler sprechen manchmal von einem Widerstand, von einer technischen Unter- oder Obergrenze, die getestet wird, und dann doch nicht durchbrochen wird. Der Markt rennt in eine Bande, aufgestellt von Algorithmen und einhundert Jahren Daten, die den historischen Kurs des Unternehmens in Bezug setzen zu anderen Ereignissen und Kursverläufen im Markt. Sie schaffen ein Band Wahrscheinlichkeit, in dem sich der Kurs wohl fühlt. Oder der Markt durchbricht diesen Widerstand, und das verlangsamt den Kurs nicht etwa, sondern gibt ihm neuen Schwung mit bis weit ins nächste Band.

Bei Werder lohnt sich die technische Chart-Analyse nicht: es geht rauf und runter, mit Ausschlägen nach unten wie gegen Hoffenheim und Genua Sampdoria, die uns in den Abgrund namens Mittelmäßigkeit Europa League blicken lassen. Es gibt kein Band, in dem wir uns durch die Saison bewegen.

Künstler vs Zimmermann?

Schaaf ist ein genialer Künstler, der feinste Verästelungen in unser Offensiv-Spiel geschnitzt hat, an denen sich Fußball-Ästheten aus der ganzen Liga erfreuen. Doch über all die Jahre hat er es nicht geschafft, sich zügig in einen Zimmermann zu verwandeln, der auch einmal kräftige Planken und Bohlen in die Hand nimmt, und sie quer ins Gebäude nagelt, wenn das Gebilde anfängt zu wackeln.

Wie sehen solche Planken aus? Prinzipiell braucht es einen breiten Kader (den wir haben, wenn Silvestre noch kommt) und Ersatzspieler müssen formschwache Spieler laut Leistungsprinzip verdrängen können.

Aber auch mitten in der Saison kann gehämmert werden. Eine große Planke Werders Fall wäre eine tieferstehende Viererkette. Es gibt auch kleinere, sehr effiziente Nägel: man kann es Mertesacker per taktischer Anweisung untersagen, bei der Balleroberung den Ball mit einem Kontakt zu einem Mitspieler zu spielen: wenn zwei Kontakte nicht möglich sind, geht der Ball auf die Tribüne. Das 2:1 in Hoffenheim wäre nicht gefallen. Man kann spielverliebten Typen wie Bargfrede oder Hunt Dribblings, vertikale Pässe oder Aktionen mit nur einem Ballkontakt im eigenen Spielfelddrittel untersagen. Das 3:0 bei Sampdoria wäre nicht gefallen.

Immer eine Idee

Das bedeutet weniger Spektakel. Aber wir können uns das leisten, denn Pizarro und Marin haben vorne immer eine Idee. Hat sich die Leistung stabilisiert, können diese Beschränkungen zu Gunsten von mehr Risiko aufgehoben werden. Aber unsere Krisen, wie wir sie in den letzten Jahren immer hatten, sind weniger lang und tief, und wir liefern konstantere Ergebnisse über die Saison hinweg ab.

Vor dem Spiel gegen Köln ist für mich bereits eine Phase gekommen, in der Stabilisierung des Gebäudes oberste Priorität sein sollte. Ein derart angeschlagener Gegner kommt uns recht: man muss ihn nicht ständig unter Druck setzen, damit er Fehler macht, Geduld reicht. Mit Mohamad und Geromel fällt das Abwehrbollwerk der vergangenen Saison aus, und der Ersatz McKenna ist nicht der schnellste.

Ist Hunt fit, hat Schaaf eine gerade zu unüberschaubare Menge an Optionen. Raute oder 4-5-1, jeweils in unterschiedlicher Besetzung. Zu den Planken gehört aber auch, dass nicht fitte Spieler nicht eingesetzt werden.

Marin braucht Hilfe

Ohne Hunt lohnt sich die Raute nicht, und in einem 4-5-1 könnte man Borowski hinter der Spitze ausprobieren. Er verbreitet kein Spielmacher-Flair, aber er hat die drei wichtigen Eigenschaften, die diese Position braucht: schnelle, vertikale Pässe durch die Kette, passabler Torabschluss/sehr guter Schuss aus der zweiten Reihe, weiträumiges, wenig berechenbares Spiel ohne Ball und Antritte durch die gegnerische Kette.

Marin kommt in Form, und gegen die Kölner Raute dürfte er auf dem Flügel ähnlich Platz haben wie gegen Sampdoria. Aber er braucht mehr Unterstützung von einem aufgerückten Außenverteidiger – jedes Dribbling lebt davon, dass die Gegenspieler Passwege abdecken müssen. Pasanen braucht keine dreifachen Übersteiger zu zeigen, aber er sollte Marin bei jedem dritten oder vierten Angriff außen überlaufen. Daher könnte Boenisch die bessere Wahl sein.

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Genua vs Werder

von Johan Petersen am 25. August 2010

Warum sind wir nicht ausgeschieden? Weil die individuelle Klasse von Pizarro und Marin Aufstellungsfehler und Abwehrschwächen kompensiert hat, nicht weil wir in irgendeiner Form Bundesliga- oder gar Champions-League-Niveau unter Beweis gestellt hätten.

Werder begann in einem 4-5-1, in dem Pizarro hinter der Spitze Wagner spielte und Borowski rechts. Damit hat Schaaf keine Lehren aus dem Pokal-Finale gezogen, in dem Borowski bereits unter Beweis gestellt hat, dass er bei allen anderen Qualitäten kein Flügel-Spieler ist. Arnautovic, der bisher in jedem Spiel agressiv nach hinten gearbeitet hat und auch vor dem 3:1 den Ball an der eigenen Eckfahne erobert hat, wäre eindeutig die bessere Wahl gewesen.

Im Hinspiel war das weiträumige Spiel ohne Ball von Hunt der entscheidende Faktor, und er ist nicht zu ersetzen; auch nicht von Pizarro, dessen Laufwege nicht das Profil haben, das diese Position braucht.

Genua versuchte, mit weiten Flügelwechseln ihre offensiven Mittelfeldspieler einzusetzen und so unsere formelle Überzahl im Mittelfeld zu umgehen. Mit wechselndem Erfolg, dennoch führten Standards und Flanken zum frühen 2:0.

Über 180 Minuten betrachtet waren unsere Abwehrspieler minus Fritz mit der Gerissenheit und Beweglichkeit von Cassano und Pazzini überfordert. 

Exkurs zur Kader-Politik: Schaaf und Allofs sind wohl die einzigen, die unsere Abwehr-Probleme gegen Genua und Hoffenheim überrascht haben. Lange vor der Verletzung von Naldo, und spätestens seit den schwachen Leistungen von Mertesacker bei der WM, war klar, dass es an Qualität und Alternativen fehlt.

Allofs glaubt an Boenisch, verpflichtet daher keinen echten Konkurrenten. Und it er nicht stark genug, um Pasanen zu verdrängen? Das passt nicht. Es passt auch nicht, Wesley  zu kaufen, nur weil er zu einem guten Preis auf dem Markt ist, obwohl wir in unserem Kader woanders Bedarf haben. Es nützt nichts, zehn Stürmer zu kaufen, weil andere Scouts die alle übersehen haben, wenn die Probleme woanders liegen.

Schaaf muss an die Erbhöfe im Kader ran. Frings und Mertesacker dürfen nicht länger in der ersten Elf stehen, nur weil sie Frings und Mertesacker heißen. Das Leistungsprinzip muss für alle gelten.

Zurück zum Spiel: Nach dem Schock der beiden Tore war es ein Spiel ohne große Torchancen, in dem Werder sukzessive mehr Spielanteile bekam. Das 3:0 änderte nichts am Umstand, dass wir noch ein Tor schießen mussten, und das hat Rosenberg mit seinen alten Klasse besorgt. In der Verlängerung bekam Genua unseren linken Flügel mit Marin nicht in den Griff, und überhaupt hatten sie nicht mehr die Disziplin und die Kraft, die Räume im Mittelfeld zu schließen. Sehr oft konnten wir vertikale Pässe durch ihre Reihen spielen, so dass das Tor eine Frage der Zeit war.

Genua war kein guter Gegner. Trotz der Führung haben sie nicht ein einziges Mal viel versprechend gekontert. Hinter den Spitzen beginnt bereits der Durchschnitt der Serie A. Mit Cassano und Pazinni war Genua ein Straßenkind, das mit seiner Gerissenheit und seinem Witz bei den schönen Mädchen aus den reichen Vierteln vorübergehend Eindruck macht, aber mit den gepflegten Konversationen der Abiturienten dann doch nicht mithalten kann.

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Hoffenheim vs Werder, das 3:1

von Johan Petersen am 23. August 2010

Eine der ersten taktischen Regeln, die kleine Fußballer begreifen, lautet: “Als letzter Mann nicht dribbeln.”

Dahinter verbirgt sich, dass man den Platz in Zonen einteilt, in denen unterschiedliches Risiko eingegangen werden kann. Grob gesagt: im eigenen Spielfelddrittel zero Risiko, im vordersten Spielfelddrittel sehr viel Risiko. Denn bei Ballverlust hat der Gegner noch einen weiten Weg, und damit sehr viele Gegenspieler vor sich, bis er in die eigene torgefährliche Zone kommt.

Eigentlich.

In weiß die ungefähre (Hunt war auf den Fernsehbildern nicht zu sehen) Stellung der Raute, oder allgemeiner des Mittelfelds. Es fällt auf, dass sie sehr flach und ohne Staffelung steht und sich komplett vor der Balllinie (Höhe Frings) befindet.

 

Da der Angriff über rechts kam, müsste Borowski (6) an Stelle von Frings (22) die Rolle der Ball-Sicherung 30 Meter vor dem Tor ausfüllen, falls einem Mitspieler ein Ballverlust droht. Frings könnte dann 10-15 Meter weiter hinten stehen (siehe Positionen in rot), als zusätzliche Möglichkeit der Ball-Sicherung und damit bei einem Gegenstoß der Abstand zwischen Mittelfeld und Abwehr nicht so groß ist (roter Pfeil).

So konnte der Spieler, der gegen ihn den Ball gewinnt, über etwa 50 Meter auf die Viererkette zu gehen (die sich zurück zieht, vielleicht hätte sie auf abseits spielen sollen), und in Ruhe den Stürmer einsetzen.

Frings ist letzter Mann — wenn auch etwas anders als in der eingangs zitierten Maßgabe –, er dribbelt, und es geht schief.

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Hoffenheim vs Werder

von Johan Petersen am 23. August 2010

Als letzte Einstimmung auf die bald beginnende Bundesliga-Saison eine Rückblende zu einem der leckersten Fußball-Leckerbissen der letzten Jahre.

Der Anpfiff des Schiedsrichters ist für die Heimschaft wie die Öffnung der Tore für ein Rennpferd: es geht von Anfang rund. Angriff um Angriff läuft aufs Tor, der Gegner kommt nicht ins Spiel und jedes Mal, wenn ein Spieler aufs Tor schießt, geht die Kugel in den Knick, jedes Mal, wenn ein Angreifer frei vor dem Tor auftaucht, ist er eiskalt. Der Gegner hat ein Mal Pech mit einer Schiedsrichterentscheidung, schießt selber auch ein frühes Tor, doch zur Pause steht es 4:1.

Leider hat der Fußball-Gott am Samstag in der Pause den falschen Knopf gedrückt, uns zurück ins Jahr 2010 gebeamt; der zweite Teil des Jahrhundert-Kicks, in dem sich die Auswärtssmannschaft nie aufgibt, und zwischenzeitlich noch ein 4:4 schafft, fiel aus. Ich hab gedacht, ich bin im falschen Film.

Bei der Fehleranalyse wüsste ich nicht, wo anfangen. Der Singer hat sich schon an die Arbeit gemacht. Die ersten zwanzig Minuten schienen OK zu sein, die Ordnung stimmte halbwegs, und wir eroberten zwischen den 10. und 20.Minute sogar relativ viele Bälle mit einer Mitte der eigenen Hälfte stehenden Viererkette.

Doch dann gab es einen kollektiven Aussetzer. Dem Passspiel fehlte Genauigkeit, und die Ordnung ging verloren, insbesondere die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen.

Vielleicht sollte man keine Spieler heraus greifen, aber Pasanen und Frings fielen in einem schwachen Team noch einmal ab. Vor dem 1:1 geht Pasanen mit dem falschen Fuß in den Zweikampf, der Nachteil eines Rechtsfüßlers auf links. Vor dem zweiten Tor hebt er das Abseits auf.

Vor dem dritten Tor wird Frings zwar gefoult, aber seine Drehungen um die eigene Achse haben den Durchmesser und das Tempo eines alten Volvos, und er lebt in diesen Situationen mangels Tempo schon lange von seiner Geschicklichkeit, sich foulen zu lassen.

Doch er war der letzte Mann im Mittelfeld, es spielt keine Rolle, wie weit vor dem Tor er steht; da ist es seine Aufgabe, auf jeden Fall den Ballbesitz zu sichern, und nicht die Form des Schiedsrichters zu testen. Die Spanier haben bei Ballverlust sofort Spieler in der Nähe - bei uns kann der Gegner dann sofort über das ganze Feld auf unsere Kette zulaufen, und Schaaf schafft es seit Jahren nicht, dieses Problem zu lösen und mehr Defensive in unsere Vorwärtsbewegung einzubauen. Wie kann ein so erfahrener Spieler die Gefährlichkeit dieser Situation nicht erkennen?

Vor dem 4:1 verliert Frings ebenfalls den Ball. Es war klar, dass es in dieser Saison eine Debatte geben würde, ob Frings auf die Bank gehört. Dass wir sie schon nach dem ersten Spieltag haben, überrascht selbst mich.

Ähnlich Mertesacker. Vor dem 2:1 steht er zu weit außen, seine Balleroberung landet sofort wieder beim Gegner, und so verwandelt er im Alleingang eine harmlose Situation — Einwurf für den Gegner in dessen Hälfte — in ein Gegentor. Er hat sich über die Jahre bei uns nicht weiter entwickelt, und ich hoffe, im nächsten Jahr kommt bei uns endlich frischer Wind in die Innenverteidigung.

Es war erschütternd, wie wenig Torchancen die Mannschaft über 90 Minuten heraus spielte. Die Stürmer hingen komplett in der Luft, unser Kombinationsspiel aus dem Spiel gegen Genua war verschwunden. Schwer zu sagen, wie es innerhalb von drei Tagen einen solchen Einbruch geben kann. Man könnte noch vieles schreiben, über die Kader-Planung zum Beispiel. Jetzt sollten wir abwarten, und hoffen, dass wir eben im ersten Spiel den Ausrutscher erledigt haben, den man immer mal hat.

Ich dachte, das Spiel sei eine Rückblende auf unser 5:4 gegen Hoffenheim 2008/2009 mit vertauschten Trikots. War es leider nicht, die Saison hat begonnen, auch wenn vier Gegentore in 20 Minuten nicht nahe legen, dass das bei allen angekommen ist.

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Werder vs Genua, das 3:0

von Johan Petersen am 19. August 2010

Gute Angreifer sind in Wirklichkeit Judoka. Schlägt ein Gegner mit einem wilden Faustschlag zu, nehmen sie seine Bewegung auf, und verwandeln sie in Energie, mit der sie den Gegner auf die Matte legen. Mit der sie sich einen Bewegungsvorsprung erarbeiten, um in der Sportart zu bleiben. Dazu muss man Schlitzohr sein, und Pizarro ist ein anderes Wort für Schlitzohr.

Er hat sich beschwert. Zumindest stand hier und da geschrieben, dass er gerne eine zweite Spitze neben sich hätte. Beziehungsweise vor sich, denn Pizarro ist bei allen Strafraumqualitäten ein umtriebiger Stürmer, der sich gerne aus der Abwehr fallen lässt, und dann weiter vorne noch eine Anspielstation braucht: die öffnet ihm Räume, in denen er besser Judoka sein kann.

Schaaf hat ihn erhört, aber das Schlitzohr hat das ganze gegen Genua dann auch gleich bildlich dargestellt.

Der Spielzug: Bei einem Gegenangriff direkt nach dem 2:0 setzt sich Pizarro (24) von der Kette ab, um Fritz (8) eine Anspielstation zu bieten (wie bereits vor seinem Tor im Pokal gegen Ahlen). Er bekommt den Ball, und spielt einen Doppelpass mit Fritz. Genuas Mittelfeld steht fataler Weise auf einer Höhe (blaue Linie) und deswegen kommt Pizarro in den sehr gefährlichen Raum zwischen Mittelfeld und Kette.

Der Innenverteidiger (6) gibt seine Position auf und greift Pizarro an (roter Laufweg). So steht es im Lehrbuch, aber es ist eine tödliche Aktion, denn Almeida (23) besetzt den entstandenen Raum. Wenn ein Abwehrspieler seine Position hier aufgibt, wird er sie nie wieder sehen. Er verabschiedet sich von seinen Liebsten und zieht ins letzte Gefecht.

Der Torabschluss: Pizarro übertölpelt den Verteidiger, indem er sich den Ball direkt an ihm vorbei legt. So nutzt er dessen Bewegung auf ihn zu aus wie ein Judokämpfer den Faustschlag: er kann sofort hinter gehen, und hat großen Bewegungsvorsprung, als er den von Almeida mit der Hacke vorgelegten Ball erreicht. Die Abwehrspieler müssen sich schließlich drehen, und er läuft allen auf einmal in den Strafraum davon.

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Werder vs Genua

von Johan Petersen am 18. August 2010

Ich weiß nicht, was schöner war: die Hymne zu hören oder die Raute in ihrer alten Pracht zu sehen. Gehören nicht beide zusammen?

Wir hatten zunächst deswegen lange Probleme im Spielaufbau, weil sich die beiden Spitzen Genuas darauf konzentrierten, Frings als 6er in ihrem Rücken zuzustellen. Damit fielen vertikale Pässe der Innenverteidiger als beste Variante der Spieleröffnung aus, und es ging über die Außenverteidiger, vor allem Fritz. Wurde aber der äußere Mittelfeldspieler des 4-4-2 Genuas überspielt, hatte Werder wegen der Flexibilität der Raute und der weiten Wege Hunts Überzahl im Zentrum. Außerdem folgten Cassano und Pazzini Frings nicht mehr, wenn er einmal überspielt war – so konnte der Ball dann auf ihn zurück gelegt werden.

Leider haben wir diesen Vorteil nicht ausgenutzt, weil unserem Passspiel im Mittelfeld Genauigkeit und Tempo fehlte. Somit erspielten wir uns in der ersten Halbzeit wenig Torraumszenen; Fernschüsse waren unser gefährlichstes Mittel.

Genua war nur auf zweierlei Weise gefährlich: wenn Mertesacker und Prödl Kopfballduelle bei langen Bällen verloren (wie gegen Ahlen, und die kleineren Cassano und Pazzini haben eine Geschicklichkeit im Zweikampf gezeigt, wie ich sie selten gesehen habe), oder wenn sich Cassano bei Ballgewinn Genuas von unserer Kette und Pazzini absetzte, beim Umschalten als Anspielstation diente und dann wieder Mitspieler einsetzte.

Das Tor hat das Spiel zu unseren Gunsten geöffnet und Genua etwas die Ordnung genommen. Die Kombination Elfmeter-Platzverweis ist bereits unschlagbar, um dem Gegner das Genick zu brechen, und das 3:0 folgte als zusätzliche Guillotine.

Aber: Mertesacker hat leider seine WM-Form konserviert. Gegen Pazzini und Cassano hat er sich zu lange darauf verlassen, Kopfballduelle durch Rüberlehnen zu gewinnen; als ihm vor dem 3:1 Pazzini den Körperkontakt verweigerte, war er so orientierungslos wie eine Motte, der man die Leuchstoffröhre ausgeknipst hat.

Nun mag das Gegentor genau der Stachel in unserer Bequemlichkeit gewesen sein, den wir für das Rückspiel brauchen. International sind wir auswärts stark, und Almeida wird der Raum im Rückspiel gut tun. Heute war er leider kaum im Spiel, weil es weder lange Bälle noch gute Flanken gab.

Ein Freund, der wegen unseres tollen Fußballs innen drin gerne Werder-Fan wäre, aber es wegen angeborener Loyalitäten nicht sein kann (für welchen Fan gilt das nicht außerhalb Bayerns?), hat mir nach dem Hackendoppelpass Pizarro/Almeida folgendes geschrieben, und damit den Abend unschlagbar zusammen gefasst:

„Ihr seid auch ohne Özil geil.“

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Ahlen vs Werder

von Johan Petersen am 14. August 2010

Nach einem Testspiel würde man sagen: das Spiel war nicht gut, aber die Beine ja auch schwer, der Rasen stumpf, das Wetter warm, und der Gegner hoch motiviert und schon drei Wochen länger im Training.

Vor einem CL-Knaller gegen einen italienischen Gegner würde man sagen: Au weia. Im Spiel nach vorne wenig Tempo und einige Ungenauigkeiten, in der Abwehr hat nur Fritz Normalform; Mertesacker und Prödl hingegen mit einigen Aussetzern, und ein Cassano hätte die in der 59. Minute genutzt.

Pizarro hat in der ersten Halbzeit den Unterschied ausgemacht, als er Werders erste Chance nach einer halben Stunde gleich genutzt hat – das hat Ahlen schon den Zahn gezogen, und danach hätte er vor der Pause noch nach legen können.

Hugos Stärken sind bekannt, aber: warum ist es in all den Jahren bei uns nicht gelungen, an seiner größten Schwäche zu arbeiten, das 1 gegen 1 gegen den Torwart? Die Vorlage von Hunt hätte er direkt ins Tor schieben sollen, noch während der Keeper auf ihn zu kommt. Ansonsten kam Pizarro mit einem tiefstehenden Gegner wie erwartet besser klar als Almeida, der mehr Platz vor sich braucht. Beide waren aber beweglich und oft im Raum vor der Abwehr anspielbar – Flügelspiel über die Außenverteidiger war hingegen im gesamten Spiel fast nicht zu sehen.

Die Raute deutet für mich darauf hin, dass Schaaf mit einem Wechsel von Özil rechnet – und offensichtlich ist eher Marin der neue 10er, nicht Hunt. Seine Laufwege hinter den Spitzen sahen auch gut aus, so wie vor seinem Tor.

Borowski hat viel Arbeit geleistet, das Tor wird ihm gut tun, während es bei Bargfrede Licht und Schatten gab. Einigen guten Balleroberungen (und ein toller Ball auf Pizarro) standen einige schlampige Pässe gegenüber.

Wenn es einfach ein Pokal-Spiel war: man kann zufrieden sein.

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